Rede des Bundespräsidenten : Warum Wachstum?

Bundespräsident Horst Köhler hat die Orientierung auf permanentes Wirtschaftswachstum infrage gestellt. Wofür ist Wachstum wichtig?

Carsten Brönstrup

„Wir müssen umdenken“, befand Bundespräsident Horst Köhler am Dienstag in seiner vierten Berliner Rede zu den Lehren aus der Finanzkrise. Dass er das sagte, war an sich keine Überraschung – hatte der erste Mann im Staat doch schon vor Monaten die Banker der Verantwortungslosigkeit geziehen und von den Politikern strengere Regeln für die Weltwirtschaft verlangt. Neu war indes ein Zwischenton in der Rede des Staatsoberhauptes. „Wir haben uns eingeredet, permanentes Wirtschaftswachstum sei die Antwort auf alle Fragen“, gab Köhler zu bedenken. Und: „Wir können uns nicht mehr hauptsächlich auf wirtschaftliches Wachstum als Problemlöser und Friedensstifter in unseren Gesellschaften verlassen.“ Das klingt nach Fundamentalkritik und beinahe revolutionär – zumal von einem Mann, der als ehemaliger Banken-Lobbyist und Chef des Internationalen Währungsfonds solcher Gedanken bislang unverdächtig war.

Was ist Wachstum?

Ein steigendes Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Summe aller in einem Land produzierten Güter und Dienstleistungen, galt bislang als eines der wichtigsten Ziele der Politik überhaupt, nicht nur in Deutschland. In den meisten Jahren seit Gründung der Bundesrepublik stieg die Wirtschaftsleistung hierzulande – bis auf rund 2500 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. 2009 wird sie deutlich schrumpfen – um bis zu sieben Prozent. Für den Staat und seine Institutionen wäre das eine mittlere Katastrophe.
Das System ist auf Wachstum aufgebaut. Jahr für Jahr steigt die Produktivität pro Beschäftigten um ungefähr ein bis zwei Prozent. Denn die Unternehmen setzen neue Maschinen ein, die weniger Personal benötigen, beschäftigen qualifiziertere Leute oder entwickeln weniger arbeitsintensive Verfahren. Daher brauchen die Firmen tendenziell immer weniger Mitarbeiter, um ihr Produktionsergebnis zu halten. Würde die Wirtschaft nicht ständig wachsen, käme es Jahr für Jahr zu Personalabbau.
Ein großer Teil des Staats- und Sozialwesens ist daran geknüpft, dass genügend Menschen Arbeit haben und die Unternehmen sich auf den Weltmärkten behaupten. Nur dann fließen ausreichend Steuern und nur dann werden genug Löhne gezahlt, die wiederum die Gesundheits-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung tragen.

Wie gefährlich ist unbegrenztes Wachstum?

1972 legte der Club of Rome, ein Zusammenschluss von Managern und Wissenschaftlern, eine Studie vor: „Die Grenzen des Wachstums“. Darin malen die Autoren ein düsteres Bild: Nehmen die Weltbevölkerung, die Industrialisierung, die Nahrungsmittelproduktion, die Umweltverschmutzung und der Rohstoffkonsum im bisherigen Maße zu, droht der Erde in spätestens hundert Jahren ein Zusammenbruch. Auch nach 37 Jahren ist die These umstritten. Einerseits verweisen Wissenschaftler auf den Klimawandel als Folge von exzessivem Ressourcen- und Energieverbrauch. Außerdem mangelt es nach wie vor den meisten Menschen an genügend Nahrung, sauberem Wasser oder einem angemessenen Einkommen.
Andererseits hat die Globalisierung dafür gesorgt, dass es noch nie so vielen Menschen wie heute so gut ging. Selbst der Club of Rome räumt daher heute ein, dass seine Sorgen von damals an Brisanz verloren haben und anderen gewichen sind – etwa dem Problem, wie die Welt die Alterung der Gesellschaft verkraftet.

Was wären die Alternativen?

Die hat noch niemand gefunden. Eine Gesellschaft, die verzichtet und im Einklang mit der Natur lebt, streben nur wenige Menschen wirklich an. Die Bedürfnisse der Menschen vor allem in den armen Ländern würden zu kurz kommen. Was dauerhafte Stagnation über mehrere Jahre in einem Industriestaat bedeutet, hat Deutschland zwischen 2001 und 2005 erlebt – in den Sozialkassen taten sich immer neue Löcher auf. Bei einem Verzicht auf Wachstum gebe es zwei Alternativen, findet der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. „Entweder bekommen die, die heute schlecht dastehen, keine Hoffnung mehr auf eine bessere Zukunft. Oder man nimmt den Reichen noch mehr weg. Beides halte ich für schwierig“, sagte er dem Tagesspiegel. Daher sei er „verwundert“, dass der Ökonom Köhler dies vorschlage.

Bewirkt die Finanzkrise ein Umdenken?

Bundespräsident Köhler hat in seiner Rede aber gar keine Abkehr vom Wachstumsstreben gefordert, sondern eine bessere Regulierung wirtschaftlicher Macht durch effektive Institutionen. Damit sich eine Krise wie derzeit nicht wiederholt und der Wohlstand auf der Welt gerechter verteilt wird. Nur einer von sechs Menschen lebe heute im westlichen Wohlstand, mahnte Köhler. Die übrigen hätten etwa darunter zu leiden, dass sich das Klima als Folge des westlichen Lebensstils verändere. Wachsen müsse deshalb bei den Deutschen das Wissen und die Intelligenz, etwa für den Bau umweltfreundlicher Autos. Die armen Länder müssten sich dagegen um Nachhaltigkeit bemühen und die Fehler der Industriestaaten vermeiden. „Zeigen wir: Der Norden lässt den Süden nicht im Stich“, forderte der Präsident.

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