Zeitung Heute : Rede ins Gewissen

WALTHER STÜTZLE

Warum werden wir nicht stumm, wenn wir der Pogromnacht des Novembers 1938 gedenken? Warum schweigen wir nicht, angesichts der Last, die keineswegs im deutschen Namen sondern für alle Zukunft von Deutschen auf die Schultern nachfahrender Generationen gelegt worden ist - eine Last aus Völkermord und Menschenverachtung, aus Großmannssucht und grausamer Vernichtung menschlicher Würde? Warum versammeln wir uns überall und gerade auch gerade in Synagogen, um redend und zuhörend jener Nacht zu gedenken, die Deutschlands dunkelste wurde und die für immer das Licht der neuen Tage verschatten wird? Die Antwort liegt so nahe wie sie unbefriedigend ist: Wir reden, weil wir nicht schweigen dürfen.Und wir schweigen nicht, weil nur die Rede, die freie Rede bekunden kann, was uns bewegt und zu bezeugen vermag, wie wir mit der erdrückenden Last der Vergangenheit aufrichtig Zukunft zu gewinnen versuchen.

In der Synagoge in der Rykestraße zu Berlin hat Roman Herzog für alle Deutschen gesprochen - auch für jene, denen ein verstocktes Herz oder ein verblendeter Geist den Blick zurück verstellt.60 Jahre nach dem Fanal des 9.Novembers hat der Bundespräsident es vermocht, die Vergangenheit so wachzurufen, daß Zukunft Luft zum Atmen gewinnt."4000 Deutsche werden heute in Yad Vashem als Judenretter geehrt", wagte Herzog der betroffenen Gemeinde in der Synagoge in der Rykestraße in Berlin zu sagen und brachte damit einen Lichtstrahl in den traurigen Novembertag: Untergegangen ist das von Hitler beherrschte und geformte Deutschland, aber überlebt haben einzelne, die mit deutschem Namen Brücken in die Zukunft geschlagen haben - nicht im deutschen Namen, aber begehbar für alle, die guten Willens sind.Mord bleibt Mord.Wird er geleugnet, gerät das Abscheuliche zum Doppelmord.Das Bekenntnis zur Tat aber öffnet den Weg zurück ins Leben, in eine Gesellschaft, in der, wie Herzog eindrücklich formulierte, niemand "ein Held sein muß, um eine guter Mensch zu sein".

Deutschland 1998 - das ist ein Land, um das viele Menschen auf dieser Erde die Deutschen beneiden.Ihre Augen und Sinne klammern sich an den Glanz des Wiederaufstiegs und an die Kraft der entwickelten und unterdes vielfach erprobten zweiten deutschen Demokratie.Rechtsstaat und soziale Marktwirtschaft, vor allem aber die verbrieft geschützte Würde des Menschen haben sich zu einer nachahmenswerten deutschen Gegenwart gefügt.Doch der Blick von außen darf nicht unsere Wahrnehmung von dem trüben, was heute auch zum Inneren gehört: Fremdenfeindlichkeit und religiöse Unduldsamkeit, überheblicher Umgang mit Nachbarn und nachsichtiger Umgang mit Demokratiefeinden, Mut zur Zukunft und Unwissen über die Vergangenheit, Schulung der Gehirne, aber mangelnde Bildung der Herzen, Freude über die Einheit, aber Bevormundung der mit uns Vereinten - alles beunruhigende Male am Leib der so gesund wirkenden Demokratie.

Die Zeit der Vorbilder ist nicht vorbei.Mit Macht fordert die demokratisch verfaßte Gesellschaft ihr Beispiel.Eltern und Lehrer, Journalisten und Schriftsteller, Richter und Staatsanwälte, Jugendliche und Erwachsene - keiner hat das Recht, wegzuschauen und nur sich selbst im Blick zu haben.Deutschland ist nicht von außen, sondern von innen zerfressen worden.Das Feindbild war frei erfunden, entstanden in Gehirnen, denen das Ich alles, das Du aber nichts bedeutete.Gemalt mit dem willkürlich gezogenen Strich der Selektion, entstand eine grausame Landschaft der Vernichtung.Neue Pinselschwinger - und das ist die Lehre aus dem 9.November - dürfen in Deutschland keine Chance haben.Wo immer sie auftauchen, muß Wirkungsstätte ihnen verweigert werden.

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