Zeitung Heute : Reden über Gott

KERSTIN DECKER

"Sled kraja na sveta" ("Nach dem Ende der Welt") ist vielleicht kein großer Film, aber doch einer, der uns nachgeht, und man weiß nicht so recht, warum.Dabei ahnt doch jeder, daß eine Wiederkehr manchmal nichts als Abschied ist, diesmal nur endgültig.So wie der israelische Byzantologe Albert Cohen (Stefan Danajlov) nach Bulgarien zurückkommt, an die Orte seiner Kindheit, um sie jetzt erst wirklich zu verlieren.Und man weiß auch, wieviele Welten dieses Jahrhundert zerschlug, an die sich schon keiner mehr erinnert.Plovdiv.Wir kannten diese Stadt aus der Schule.Plovdiv war das Synonym für den sozialistischen Aufbau Bulgariens, und Sozialismus war ein anderers Wort für Schwerindustrie.Zumindest wenn man den Namen Plovdiv hörte.Ivan Nitschevs Film nimmt uns mit in die Plovdiver Altstadt vor sechzig Jahren, zurück in Albert Cohens Kindheit.Damals führten dort der orthodoxe Priester Isai, Rabbi Ben David und Mullah Ibrahim Hodscha noch lange Gespräche über die Natur Gottes und alle liebten die schöne Türkenwitwe Zulfie, woraus sie entnahmen, daß ihr Gott doch derselbe sein müsse."Sled kraja na sveta" sieht diese Erwachsenengeschichten mit den Augen des Kindes, des kleinen rotlockigen Judenjungen, der vor dem Bild "Der Verrat des Judas" in Isais Synagoge jedesmal weinen muß.Nitschew zeigt die Risse, den Zerfall dieser Vielvölker-Welt, als der Sozialismus bis hinunter in Plovdivs Altstadt kommt.Aber das Haus steht noch, Cohens Geburtshaus.Ein stiller, geduldiger Film über die ewige Unversöhnlichkeit zwischen den Menschen und dem, was Historiker, wenn es vorbei ist, dann Geschichte nennen.Nur daß diese Menschen darin nicht mehr vorkommen.

Morgen 16 Uhr (International)

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