Zeitung Heute : Redensarten: Interview: "Versteinerte Herzen leben gefährlich"

Neben Herz,Kopf spielt auch der Magen eine gro

Joachim Bauer, 50, ist Professor für Psycho-Neuro-Immunologie und leitet die Ambulanz der Abteilung für Psychosomatische Medizin an der Uni-Klinik Freiburg. Als Facharzt für innere Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie ist ihm der Zusammenhang zwischen Körper und Seele wohl vertraut.

Neben Herz und Kopf spielt auch der Magen eine große Rolle beim Bilden psychosomatischer Sprachbilder - etwa wenn wir sagen, Trauer oder Angst schlage uns auf den Magen. Wie erklärt sich dieser Vorgang?

Schon als Säugling hat unser Organismus gelernt, dass uns Saugen an der Mutterbrust beruhigt - Liebe geht also schon früh durch den Magen. Unser Hirn schreibt ständig eine Art Bericht sowohl über Erlebnisse im Kontakt mit der Außenwelt, als auch über die begleitende Befindlichkeit unseres Organismus. Dadurch werden äußere, vor allem zwischenmenschliche Situationen mit dem inneren Zustand unseres Organismus verknüpft. Im Beispielfall lernt das Hirn auf diese Weise: Wenn ich mich bei jemand Starkem anlehnen und von ihm versorgen lassen kann, brauche ich mich nicht zu fürchten.

Warum aber rebelliert unser Magen manchmal?

Wenn wir gezwungen sind oder uns selber zwingen, selbstständig zu werden, etwa indem wir uns von einem Menschen lösen oder gar trennen, bei dem wir uns geborgen gefühlt haben. Krank davon wird ein Magen aber nur bei Menschen, die sich aus biografischen Gründen übermäßig vor dem Aufgeben beschützender Bindungen fürchten.

Was passiert denn, wenn sich uns der Magen umdreht?

Seelische Irritationen des Magens erfolgen über den Vagus-Nerv, der zum vegetativen Nervensystem gehört. Er entspringt dem Stammhirn und kann den Magen in Aufruhr versetzen, wenn wir uns ängstigen oder überfordert fühlen.

Dann bekommen viele auch kalte Füße. Wieso das?

Kalte Füße deuten auf ein vegetatives Nervensystem hin, das sich durch eine hohe seelische Grundsspannung so verändert hat, dass es quasi leicht alarmierbar ist. Bei eher ängstlichen Menschen kann das so genannte Sympathikus-Nervengeflecht in aufregenden oder Furcht einflößenden Spannungssituationen stark erregt werden. Dann verengen sich die Arteriolen, das sind feine Äderchen am Ende der Arterien. Die Blutzufuhr in die Haut von Füßen und Händen wird vermindert, und ein Kältegefühl macht sich breit. Deshalb wirkt Angstschweiß auch kalt.

Angst lässt auch das Herz in die Hose rutschen und schneller schlagen. Ist das schlimm?

Wenn das Herz bei Aufregung schneller schlägt, ist dies zwar unangenehm, aber ein gutes Zeichen dafür, dass unser Herz variabel reagieren kann. Ein "starres", unflexibles Herz kann das nicht mehr. Neueste Forschungen zeigen, dass sich das Risiko für Herzerkrankungen und den Herztod erhöht, wenn die Herzschlag-Frequenz, also der Puls, nicht mehr ausreichend schwanken kann. Deshalb kann es gefährlich werden, wenn das Herz, umgangssprachlich ausgedrückt, "versteinert" - nämlich in dem Sinne, dass es die Fähigkeit eingebüßt hat, auf wechselnde körperliche oder seelische Belastungen flexibel zu reagieren.

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