Zeitung Heute : Redensarten: Nerven wie Drahtseile...

Walter Schmidt

Er hat keine Medizin studiert, plappert munter drauf los, haut manchmal daneben, liegt aber erstaunlich oft richtig: Der Volksmund wagt sich Tag für Tag an Urteile, die Ärzte erst nach gründlicher Untersuchung fällen würden. Menschen werden als "heißblütig" und "kopflos" bezeichnet, Herzen hüpfen oder zerreißen, Sorgen zerfurchen die Stirn, und Furcht lässt uns einen Kloß im Magen spüren.

Viele Redensarten über psychosomatische Zusammenhänge, also solche zwischen Körper und Seele, sind seit Generationen gebräuchlich. "Da steckt unheimlich viel Wissen drin, das über die Jahrhunderte aufgehäuft worden ist und das sich die Medizin erst in den letzten Jahrzehnten erarbeitet hat", urteilt die Privatdozentin Dagmar Schmauks von der Arbeitsstelle für Semiotik der Technischen Universität Berlin. Die Expertin für Zeichentheorie hat sich eigens mit Ausdrücken der "Volksphysiologie" beschäftigt - also mit Sprüchen wie "Sie lässt den Kopf hängen", "Er ist eine ehrliche Haut" oder "Wir hielten den Atem an".

Doch warum lassen wir die Angst so bildhaft im Nacken sitzen, und warum schwillt uns die Zornesader? Schließlich könnten wir uns auch ganz schnöde fürchten oder ärgern. "Noch immer sind wir so etwas wie soziale Hordentiere, und deshalb ist es für uns sehr wichtig, dass wir die Mimik des Gegenübers gut verstehen können, gerade in heiklen Situationen wie etwa einem Bewerbungsgespräch" sagt Dagmar Schmauks. "Wenn der Personalchef nach einer Aussage von uns die Stirn runzelt, dann werden wir unsere Bemerkung bestimmt noch einmal neu formulieren."

Blumige Sprachbilder erfordert dieses Mimik-Verständnis noch nicht, doch sie erleichtern die bei Menschen "extrem wichtige" Kommunikation über Emotionen. "Wenn wir erzählen, jemand sei ganz blass vor Angst geworden, versteht unser Gegenüber diesen Code genau und kann sich ebenfalls in die von uns erlebte Situation versetzen", sagt Schmauks - ein Kniff, den auch Schriftsteller anwenden, um ihre Leser mitfiebern zu lassen. Wenn jemand behauptet, sein Herz sei zerbrochen, ahnen Zuhörer, wie traurig der Betreffende sein muss. Doch manchmal nehmen Herzen wirklich Schaden durch Seelenpein. Der Internist und Psychiater Joachim Bauer, Professor für Psycho-Neuro-Immunologie an der Freiburger Uni-Klinik, erinnert sich besonders an den Fall eines Herzinfarkt-Patienten, der "auf sehr demütigende Weise" erfuhr, dass er einen Nebenbuhler hatte. "Schmerz, Enttäuschung und Ärger konnten ihm wirklich das Herz brechen", sagt Bauer. Er trennte sich später von seiner Frau, doch auf den Tag genau ein Jahr, nachdem er von dem Liebhaber erfahren hatte, erlitt der Mann einen Hinterwand-Infarkt.

Obwohl der Patient schon länger mit einigen weiteren Infarkt-Risiken lebte, sei dies "kein Zufall gewesen", sagt der 50-jährige Arzt, als Internist und Psychiater ein Spezialist für psychosomatische Leiden. Allerdings könne die Psyche allein einen solchen Infarkt nicht verursachen. Zwar stimmt das Bild des brechenden Herzens hier nicht ganz. Infarkte zerreißen das Herz schließlich nicht, sie lassen es eher absterben, weil Herzkranzgefäße verstopft sind und den Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit frischem Blut versorgen können. Doch auch Entzündungsvorgänge an den Herzgefäßwänden können einen Infarkt auslösen. Und bei seelischem Stress ausgeschüttete Hormone beeinflussen solche Entzündungen. Cortisol etwa unterdrückt sie, solange ein Mensch noch gegen eine Belastung ankämpft. Doch fällt der Cortisol-Spiegel im Blut ab, beispielsweise wenn lange anhaltender Stress uns schließlich erschöpft, dann können Entzündungen aufflackern. Zudem können sich psychische Spannungen wie Angstzustände über Nervenfasern bis in die Herzkranzgefäße fortpflanzen und deren hauchdünne Muskulatur für kurze Zeit verkrampfen lassen. "Das kann den Bluttransport in den Herzgefäßen stören und beim Betroffenen zu einem Engegefühl am Herzen führen, wie bei einem echten Herzanfall", sagt Bauer.

Nicht umsonst rührt "Angst" sprachgeschichtlich von "Enge" her. "Mein Herz ist so schwer", sagen wir dann. Und Joseph von Eichendorff (1788-1857) dichtet beim Anblick seiner Jugendliebe am Arm eines Anderen: "Und es endet Tag und Scherzen, durch die Gassen pfeift der Wind - keiner weiß, wie unsre Herzen tief von Schmerz zerrissen sind." Das stimmte so natürlich nicht - und der Dichter hat es überlebt.

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