Zeitung Heute : Redensarten: Sprüche 1: Wo der Volksmund Unsinn redet

So treffend etliche Aussagen des Volksmundes auch sind - manchmal sind die überlieferten Weisheiten medizinisch überholt oder sollten ohnehin nur dazu dienen, Gefühle anschaulich zu umschreiben. Laut Gerd Rudolf, dem ärztlichen Direktor der psychosomatischen Klinik der Universität Heidelberg, dürfen die Sprachbilder des Volksmundes deshalb nicht wörtlich genommen werden oder gar "im Sinne eines Beweises von Zusammenhängen".

Dennoch sei das Entschlüsseln von Körperbildern hilfreich, um den seelischen Hintergrund von Patienten-Aussagen zu erhellen. Keineswegs etwa "gefriert uns das Blut in den Adern", wenn wir vor Schreck erstarren. Hier entlehnt der Volksmund ein Bild aus der Natur: das Zufrieren eines Flusses. Ganz ähnlich geht er vor, "wenn uns das Blut kocht als Ausdruck der heißen Leidenschaft", sagt Rudolf. Auch die Vorstellung etwa, Spanier seien heißblütig oder geistesgestörte Mörder kaltherzig, stimmt physiologisch natürlich nicht. Sie rühren vermutlich daher, dass alles Angenehme und Liebevolle mit hitzigen Ausdrücken wie "warm" und "heiß" verbunden wird, alles Böse, Unnahbare mit dem Gegenteil.

Dem Freiburger Psychosomatik-Experten Joachim Bauer zufolge werden meist jene Menschen als kaltblütig bezeichnet, die bei Gewalttaten "mit großer Grausamkeit vorgehen und dabei keine Gefühle zeigen, beispielsweise wenn sie ohne eigene Empfindung jemanden quälen", sagt Bauer. Darin sieht der Volksmund eine "mit kaltem Lächeln" ausgeführte Tat. Solche "dissoziativen", also Gefühle abspaltenden Menschen wie etwa der berüchtigte Frauenmörder von Kehl "wurden früher selber massiv traumatisiert, zum Beispiel durch extreme Züchtigung, Misshandlung, Vergewaltigung, Lieblosigkeit oder Verwahrlosung". Sie haben "lernen müssen, ihre Gefühle zu verdrängen". Die erlittene Demütigung kann sich später in Extremsituationen explosionsartig Luft machen, also durchbrechen. Dass bei solchen Menschen keine spürbare Wut hoch kocht, keine Zornesader sichtbar schwillt und so den Gewaltausbruch ankündigt, mache sie besonders Furcht erregend.

Auch die Redensart, jemand werde "gelb vor Neid", ist nach Ansicht von Bauer medizinisch nicht haltbar. Vielleicht rührt die Vorstellung daher, dass nach der altgriechischen Lehre von den vier Körpersäften und entsprechenden Temperamenten "gelbgallige" Choleriker (im Gegensatz etwa zu schwarzgalligen Melancholikern) leicht jähzornig und böse werden - und vielleicht auch öfter boshaft neidisch. Ein verbreiteter Irrtum ist auch der Spruch, ein Mensch habe Nerven wie Drahtseile. "Hier orientiert sich der Volksmund an Telefonkabeln und Elektrodrähten und nimmt an, je dicker der Draht, umso stabiler ist er auch", klärt die Zeichen-Expertin Dagmar Schmauks auf - nicht nur aus ihrer Sicht eine "naive Gleichsetzung".

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