Zeitung Heute : Redensarten: Sprüche 2: Die kopflastige Gesellschaft

Etliche Ausdrücke in der deutschen Sprache drehen sich um den Kopf des Menschen - für den schreibenden Arzt und Psychotherapeuten Ruediger Dahlke ein Zeichen dafür, welche Bedeutung eine kopflastige Gesellschaft wie unsere diesem Körperteil beimisst.

Für Zeitgenossen, die sich nicht auf ihren Bauch, ihre Intuition also, verlassen möchten und ebenso wenig auf ihr Herz und mithin auf ihr Gefühl, muss Kopflosigkeit etwas Schlimmes sein. Sie zermartern sich das Hirn, zerbrechen sich den Kopf, bis er raucht - klares Zeichen der Überanstrengung, ganz so, als würden stark beanspruchte Nerven wie Kabelstränge durchbrennen. Wer sich derart abmüht, kann keinen kühlen Kopf bewahren, vor lauter Stress weiß er nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Dickköpfe, die sich etwas in den Kopf hineingesetzt haben, wollen mit diesem am liebsten durch die Wand. Gelingt es Menschen, anderen den Kopf zu verdrehen, dann werden die Überwältigten kopflos. Wer ein Brett vorm Kopf hat, bleibt unwissend und wirkt, als sei er auf den Kopf gefallen. Wer dulden muss, dass andere ihm auf dem Kopf herumtanzen, wird bald feststellen, dass ständig über seinen Kopf hinweg entschieden wird. Der Vorschlag: "Mach dir doch keinen Kopf deswegen!", wird dann kaum trösten. Ebenso wenig die Aufmunterung "Kopf hoch!" an die Adresse Niedergeschlagener, die sich und ihr Haupt abgespannt hängen lassen. Derlei Ratschläge können Leidgeplagte verständlicherweise oft im Kopf nicht aushalten.

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