Zeitung Heute : Redensarten: Sprüche 3: Wo der Volksmund Recht hat

Besonders zutreffend erscheint der Semiotikerin Dagmar Schmauks die Weisheit des Volksmundes gerade dann, wenn es um heftige seelische Reaktionen auf extreme Schock-Erfahrungen oder Bedrohungen geht, etwa wenn jemand "vor Angst in die Hosen macht". Nicht umsonst wird wenig mitfühlend "Schisser" genannt, wer vor Angst oder Aufregung scheinbar nicht an sich halten kann.

Auch im angelsächsischen Sprachraum gibt es ähnliche Bilder: "He scared the shit out of me" meint, dezent übersetzt: "Ich habe mir seinetwegen vor Angst in die Hosen gemacht." Dahinter steckt eine "überschießende Aktion" des unbewusst tätigen vegetativen Nervensystems, sagt Joachim Bauer vom Uni-Klinikum Freiburg. Dieser Vorgang nehme seinen Lauf, "wenn weder Kampf noch Flucht Aussicht auf Erfolg haben". Die Folge sei "eine Art Ohnmachts-Reaktion" mit Schwindelgefühl, Blutdruck-Abfall und reger Darmaktivität als Ausdruck der Ausweglosigkeit. "Früher wäre man dann wohl von einem Raubtier gefressen worden", vermutet der Mediziner. Biologisch sinnvoll sei Stuhlgang in einer solchen Lage nicht, es sei denn, um Artgenossen das eigene Befinden mitzuteilen.

Angst hat die Bildung vieler solcher Körper-Metaphern gefördert. In Schrecksekunden halten wir den Atem an und verursachen so keinen verräterischen Laut. Uns stehen die Haare zu Berge, weil Angst uns im Nacken sitzt und dort neben den Nacken- auch die Haarmuskeln anspannt - biologisch sinnvoll, weil der angespannte Körper Feinde besser abwehren und diese durch ein aufgerichtetes Haarkleid ordentlich beeindrucken kann. Er wirkt nämlich größer - zumindest früher, als den Mensch noch ein Fell umgab. "Haar sträubend" sind solche Angst-Erlebnisse, und wenn wir uns die Haare raufen, dann reagieren wir nicht nur Wut ab, sondern wirken auch wilder, weil uns die Haare abschreckend zu Berge stehen.

Zum geflügelten Wort für eine Weile zumindest wurde der Satz "Angst essen Seele auf", der Titel eines in Cannes ausgezeichneten Spielfilms von Rainer Werner Fassbinder von 1973, für den Brigitte Mira den Bundesfilmpreis erhielt. Eine Putzfrau verliebt sich darin in einen deutlich jüngeren Marokkaner - eine Verbindung, über den sich Spießbürger heftig "das Maul zerreißen". In seiner Einsamkeit prägt der isolierte Ausländer die Filmtitel-Zeile, die eindringlich belegt, wie zerstörend Angst wirken kann.

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