Zeitung Heute : Reformstudiengang Biophysik: In vitro veritas

Anke Assig

Im Arbeitszimmer von Professor Andreas Herrmann steht das Modell eines Virusmoleküls. Der Biophysiker erforscht die physikalischen Grundlagen von Lebensprozessen, angefangen beim Molekül über die Zelle bis hin zum Organismus. Was macht die Membran einer Eizelle für ein Spermium durchlässig? Woher "weiß" die Zelle, welche Proteine sie herstellen muss? Und mit welchen biochemischen Tricks schleusen Viren ihre Erbinformation in ihre Wirtszellen ein? Diese und andere Fragen versuchen die Forscher zu beantworten.

Biologie trifft Informatik

Vom kommendem Wintersemester an wird es den Studiengang Biophysik in einer reformierten Version geben. Das neue Zentrum für Biophysik und Bioinformatik (BIP) will die Molekularbiologie stärken und sieht einen neuen Schwerpunkt Bioinformatik vor. Bei der Entschlüsselung genetischer Informationen entsteht eine enorme Datenmenge. Um sie zu verarbeiten und zu interpretieren, sind auch für Biophysiker Kenntnisse der modernen Informationstechnik unumgänglich. "Wir wollen, dass unsere Studenten dieselbe Grundausbildung bekommen wie die Informatiker", betont Professor Andreas Herrmann. "Eine abgespeckte Version kommt nicht in Frage."

Der Ruf nach Biophysikern und Bioinformatikern gibt ihm Recht. Wem biochemische, physikalische, medizinische und Informatikkenntnisse vermittelt werden, bekommt durch die Vielzahl der Lehrenden einen unglaublich breiten Einblick in die aktuelle Forschung. Der Erfolg der Absolventen spricht für sich. Fast alle promovieren nach dem Diplom, viele gehen während des Studiums oder danach ins Ausland, vor allem in die USA. "Dort werden unsere Diplomanden mit Kusshand genommen", verrät Andreas Herrmann schmunzelnd.

Sicher tragen dazu vor allem die hervorragenden Studienbedingungen bei. Bisher wurden jährlich nur etwa 20 Abiturienten immatrikuliert. Anders als in anderen Fächern stehen die Dozenten in den Seminaren und Vorlesungen lediglich einer Handvoll Studenten gegenüber. Das ermöglicht intensive Lehre und hebt die Qualität. Denn vom ersten Semester an können die Studierenden in Praktika an diversen Forschungsprojekten der Biochemie oder Medizin mitarbeiten und kommen früh zur angewandten Wissenschaft.

Mit dem erneuerten Zentrum für Biophysik und Bioinformatik erhöhen sich auch die Lehrkapazitäten, so dass sich die Erstsemesterzahlen bald verdoppeln werden. Doch schon jetzt bewerben sich dreimal so viele Abiturienten auf einen Studienplatz, so dass mit der ungebremst steigenden Nachfrage der hochschulinterne Numerus Clausus um so intensiver greift. Wer allerdings nach durchschnittlich zwölf Semestern mit dem Diplom in der Tasche die Hochschule verlässt, braucht sich um einen Arbeitsplatz keine Sorgen zu machen.

Biophysiker und Bioinformatiker werden dringend gesucht. In der Forschung arbeiten sie durch ihre fundierten zellbiologischen Kenntnisse an der Bekämpfung von Krankheiten wie Krebs und Aids mit - meist in modernen Laboratorien, mit einem Reagenzglas in der Hand. In vitro heißt dieses wissenschaftliche Verfahren, bei dem beispielsweise Viren und bakterielle Erreger in Lösungen getestet werden. In vitro veritas? Man wird sehen.

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