Zeitung Heute : Reggae-Schritte und harte Arbeit

CHAUMONT (sid).Aufwärmen im Reggae-Rhythmus, laute Anfeuerungsrufe, singende und lachende Spieler: Die "Reggae Boyz" tanzen sich für ihr Debüt auf der WM-Bühne warm.Das Training der Jamaikaner bei "arktischen" Temperaturen im Stade Georges Dodin in Chaumont entspricht scheinbar allen denkbaren Klischees über die Karibik-Kicker.Doch das Bild täuscht."Wir sind nicht hier, um Partys zu feiern und nächtelang in den Discos herumzuhängen, sondern um zu arbeiten, und das tun wir ausgiebig", sagt Trainer Rene Simoes.Der "Professor" aus Brasilien brachte Jamaikas Fußball den Professionalismus.

Der 45jährige, der als eines von zwölf Kindern einer bettelarmen Familie aus den Slums von Rio de Janeiro stammt, bereitet das WM-Unternehmen des Außenseiters akribisch vor.Sein Laptop ist gefüttert mit Informationen über jeden Spieler der 31 anderen Teams.Ob der linke Mittelfeldspieler von Südkorea mit rechts oder links schießt, lange oder kurze Pässe schlägt - Simoes hat alles auf Tastendruck parat.

Auch im Umfeld der Mannschaft hat der "Professor", der in Brasilien als Lehrer arbeitete, nichts dem Zufall überlassen.Torwart- und Konditionstrainer brachte er gleich aus seiner Heimat mit.Koch und Ernährungsberater importierten die Küche Jamaikas.Mediziner und Physiotherapeuten kümmern sich Tag und Nacht um die Kicker von der Insel der Reggae-Legende Bob Marley."Wir brauchen in Frankreich keine Angst zu haben", sagt der Mann, der seit 1994 den früher chaotischen Fußball Jamaikas revolutioniert."Der Adrenalinspiegel steigt, aber die Spieler arbeiten hochkonzentriert.Wir sind fit, und wir haben Ziele."

Journalisten und Fans standen bis Donnerstag auf dem Trainingsgelände in Chaumont und am Quartier der Jamaikaner in einem idyllischen Schloß aus dem 19.Jahrhundert in Arc-en-Barrois meist vor verschlossenen Türen - Interviews nur für die neun Schreiber aus Jamaika.Medienrummel läßt Simoes nicht zu: "Meine Spieler brauchen ihre Ruhe."

Erst drei Tage vor dem ersten WM-Auftritt gegen Kroatien in Lens öffnet der Brasilianer die Tore für das Publikum - und das bekommt im kalten europäischen Sommer zu sehen, was es erwartet: die Party der "Reggae-Boyz" auf dem Rasen.Der Torwart stürmt auf links, der Angreifer mimt den Libero, jeder Treffer wird bejubelt, und nach dem finalen Torschuß des Trainers ist die Show zu Ende.

Jetzt dürfen auch die Journalisten ran."Manchmal muß ich mich kneifen, um zu glauben, daß es wahr ist: Wir sind wirklich beim World Cup", sprudelt es aus Stürmerstar Deon Burton vom englischen Premier-League-Klub Derby County heraus.Der 21jährige, der auf der Karibik-Insel wegen seiner helleren Hautfarbe der "Deutsche" genannt wird, ist einer von sieben Profis aus dem Fußball-Mutterland, die Simoes ins Team holte.

Mit vier Toren in seinen ersten vier WM-Qualifikationsspielen wurde der kleine Ronaldo innerhalb weniger Wochen zum Volkshelden."Bisher war Cricket Nationalsport, jetzt haben wir die Jamaikaner zu Fußball-Fanatikern gemacht."

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