Zeitung Heute : Reibungen

RONALD BERG

Jörn Merkert und Bernhard Heisig debattieren über "Staatskunst"RONALD BERGStaatskünstler? "Ach, laßt mich mit dem Begriff in Ruhe." Sobald Jörn Merkert, der Wessi, das Wort aussprach, reagierte der Ossi, Bernhard Heisig, halb gequält, halb amüsiert.Dabei wollte der Direktor der Berlinischen Galerie dem von ihm hoch geschätzten Künstler gar nicht wirklich weh tun.Merkert versuchte ungefähr nach dem Motto zu verfahren: Wasch ihm den Pelz, aber mach ihn nicht naß.Da war man sich wohl auch im Publikum einig, und Heisig sprach es aus: "Sie müssen höflicher fragen." Zum Künstlergespräch in der Berliner Grundkreditbank mit thematischem Bezug zur Ausstellung "Ostwind" waren Fans gekommen, einige westliche Kunstexperten und - wie sich später herausstellte - ehemalige Genossen.Das Durchschnittsalter der Anwesenden mag wohl um die siebzig Jahre gelegen haben - Heisigs Generation also.Heisig, sehr geschmackvoll in Anzug und Krawatte gekleidet, wurde schon vor der Tür mit Blumen begrüßt, Beifall brandete auf, als der Maler seinen Platz vor den eigenen Bilder im Kunstforum betrat. Das Gespräch, das im traulichen Du geführt wurde, hatten Merkert und Heisig, offenbar schon in Paris begonnen, wo Merkert bei einem Kolloquium zur deutsch-deutschen Kunst Heisig mit Beuys verglichen hatte.Zwei Staatskünstler also, je nach den Möglichkeiten, die das System ihnen eröffnete? "Ich habe in der DDR gelebt.Das wird sich in den Bildern wiederfinden", war Heisigs Antwort, der die nächsten Fragen und auch deren Antwort gleich selbst vorwegnahm.Er habe nach der Wende nicht anders gemalt als vorher, sonst wäre es Lüge gewesen.Die zigmal von Heisig gemalte Pariser Kommune, die als Protobeispiel in der Diskussion fungierte, war für den ehemaligen Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ebenso Auseinandersetzung mit den historischen wie mit den gesellschaftlichen Verhältnissen.Heisig bestand auf einem gesellschaftlichem Reibungsfeld, in dem die Gesellschaft, und er meinte wahrscheinlich den Staat, Forderungen an den Künstler stellt."Macht doch, was ihr wollt, kann eine Gemeinheit sein", erklärte der ehemalige "Verdiente Hochschullehrer der DDR" und Nationalpreisträger.Aber: "Mit starrer Dogmatik kann man nicht leben." Und: "Wo alles erlaubt ist, ist die Kunst zu Ende.Sie müssen doch nicht glauben, daß Goya frei war." Es bestehe eine falsche Freiheitsvorstellung von der Kunst, so Heisig.Viel eher, so muß man nach dieser Diskussion vermuten, besteht bei Heisig eine streitbare Vorstellung von der Kunst.Obwohl er "im Kapitalismus gut leben" kann, ruht sein Kunstbegriff immer noch auf den in vierzig Jahren Diktatur gemachten Erfahrungen. 

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