Zeitung Heute : Reine Dichtung

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Burkhard Schröder hat es dieses Mal der Minnegesang angetan

Die Insektenforscher haben zur Fliege Drosophila (1) ein vergleichbar inniges Verhältnis wie die Ethnologen zu den Yanomami (2) oder die Germanisten zum Nibelungenlied (3): die Forschungsobjekte sind so gründlich untersucht worden, dass kaum noch Geheimnisse zu enträtseln bleiben. Sucht man nach den jeweiligen Begriffen im Internet, wird man von der Fülle der Ergebnisse schier erschlagen. Niemand muss Wissenschaftler zwingen zu forschen. Sie tun es einfach. Und viele Schulkinder sind willens, die komplizierten Eigenarten unzähliger Digimons (4) auswendig zu lernen, auch wenn digitale Monster im Unterricht nicht behandelt werden. Es kommt beim Lernen offenbar auf das Motiv an. „Uns ist in alten maeren wunders vil geseit“ – uralte Geschichten von unerhörten Ereignissen: diese Zeilen des deutschen Nationalepos versprechen ähnlich interessante Dinge zu erzählen wie Harry Potter. Die Autoren mittelalterlicher Dichtung waren oft reiselustiger als ihre heutigen Kollegen, wie der „Codex Manesse“ (5) zeigt. Einige zogen mit den Ordensrittern ins Baltikum, Aufenthalte in Österreich, der Schweiz und Italien gehörten zum Pflichtprogramm. Besonders aktiv war ein Minnesänger, der aus einer süddeutschen Stadt mit vier Burgen stammt. Für sein hohes Ansehen spricht, dass er eine Schenkungsurkunde Heinrichs IV. an einen italienischen Bischof mitunterzeichnete, aber, wie vor 900 Jahren üblich, mit der lateinischen Form seines Vors. Einige Forscher halten ihn sogar für den Autor des Nibelungenliedes. Ein anderer Sänger, dessen Name nur lateinisch überliefert ist, war ebenfalls pädagogisch tätig – in einer Stadt, die an demselben Fluss liegt wie die Heimatstadt seines berühmteren Kollegen. Er war nie in Pisa, und die Pisa-Studie würde seine pädagogischen Mittel – den Frontalunterricht – vermutlich kritisieren.

Frage der Woche: Welcher Dichter ist gemeint?

Antwort auf die Vorwochenfrage: Nikolaus Federmann: Indianische Historia, Hagenau 1557. Im Netz unter www.wlb-stuttgart.de/referate/drucke/net1-5.htm

Die Links dieser Woche:

1) www.drosophila.org/

2) www.nativenet.uthscsa.edu/archive/nl/yanomami.html

3) www.nibelungenlied.com/MATERIAL/sources.html

4) www.digimoncity.com/

5) digi.ub.uni-heidelberg.de/cpg848

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