Zeitung Heute : Reines Zinn: Edelmetall ohne Grauschleier

R. B.

Es sind kleine Skulpturen für das Regal, blitzblanke silberne schiefe Kegel, die Büchern Halt geben sollen, oder zwei halbe Säulen, in einem Winkel von etwa dreißig Grad extrem geneigt, dynamisch, aber innen eben gerade, um die Bücher zu halten. Interessant auch die doppelwandigen Schalen, rund, mit breitem Rand, die sanft vor sich hin glänzen. Silber, denkt man, ruhig strahlendes Silber und ahnt im Geiste den Putzaufwand, um diese Objekte in ihrem Glanz zu erhalten. Hans Werner Scholz genießt es, wenn man diese edel glänzenden Stücke mit den feinen Unebenheiten, die die Handarbeit und damit das Unikat verraten, für Silber hält. "Zinn",sagt er, "es ist reines Zinn".

Kaum zu glauben, denn unter Zinngeschirr erstehen vor dem geistigen Auge sofort graue Bierseidel, graue Wappenteller, Soldaten oder anderer Zierrat, der nicht zwingend in ein modernes Ambiente passt. Seit Ende der 70er Jahre pflegt Hans Werner Scholz die "HWS-Collection", kämpft engagiert gegen das volkstümelnde Zinn-Image, das dieses Metall seiner Ansicht nach nicht verdient hat. "Zinn liegt mit seinem Atomgewicht zwischen Silber und Platin, es ist wertvoller als Silber und preiswerter als Platin", sagt er. Im Preis sind die Objekte teurer als versilberte Ware, aber günstiger als Massivsilber. "Und vor allem, es läuft nicht an. Reines, poliertes Zinn sieht aus wie Sterling Silber, aber es oxidiert nicht."

Reines Zinn hat einen Zinn-Anteil von 97 Prozent. Bei 100 Prozent wäre das Objekt zu weich, es könnte leicht verbiegen. "Deswegen hat man ja früher beim Zinngeschirr Blei beigemischt. Dadurch wurde das Zinn härter, bekam aber auch seine graue Farbe. Und gesund war es auch nicht, wie wir seit den Römern wissen." Billiganbieter mischen dem Zinn wieder Blei bei, zunächst bleibt es blank, aber dann wird es schwarz. Bei Scholz wird Antimon zur Härtung beigemischt. Sein Tafelgeschirr ist gesundheitlich völlig unbedenklich. Nach dieser Belehrung sieht man die Zinnobjekte mit anderen Augen. Hans Werner Scholz, der diese HWS-Collection nur nebenher aus Liebe zum Handwerk betreibt, hat eine der führenden Zinnschmelzen in Deutschland.

Diese Collection der Buchstützen, Schalen, Aschenbecher, Kerzenständer, Platzteller, Bilderrahmen und der wertfreien Kunstobjekte sind für ihn die Kür der Zinnfabrikation. "Diese Dinge halten ein Leben lang, das ist unser Problem", sagt Hans Werner Scholz mit einem Augenzwinkern. Inzwischen lädt er auch andere Designer ein, für ihn Zinnobjekte zu entwerfen. Die Formen werden in Sand gefertigt, was ein hohes Maß an Können für den Former bedeutet. Selbst wenn die Objekte einer Serie angehören, ist doch jedes ein Unikat, denn die Sandform ergibt nur ein Objekt, dann muss eine neue hergestellt werden - mit Fingerspitzengefühl. Durch die Sandform entstehen auch die leichten Wellen, die kleinen Unebenheiten, die für Scholz die Qualität der Handarbeit ausmachen: keine industrielle Ware. "Es ist wie Leder, ein naturgewachsenes Material!"

Natürlich arbeitet die Gießerei auch im Auftrag, nicht nur für die Industrie, sondern auch für andere Unternehmen im Design-Bereich. So lassen Thonet Lighting Vienna und ChristineKröncke Interior Design ihre exklusiven Steh- und Tischleuchtenfüße bei Hans Werner Scholz fertigen. Klassische strenge Formen, die gerade als Lampenfuß im Licht besonders glänzen. Hans Werner Scholz ist immer ein wenig unglücklich, wenn die Leute beim Wort Zinngeschirr zusammenzucken und abwinken. Aber seine edel glänzende Welt hat nichts mit dem Grau des Wappentellers gemein. Fast liebevoll streichelt er die Formen seiner Objekte, zeigt fein verarbeitete Schweißnähte und lobt die hohe Kunstfertigkeit seiner Handwerker.

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