Zeitung Heute : Reise der Woche: Alles dreht sich um die Araber

Armin Faust

Hassan steht am Startplatz und hält Usama an der Trense. Er beruhigt das bockende Pferd, wirft ihm eine dünne Decke über, sitzt mit schneller Bewegung auf und treibt den Araber ein wenig nach vorn. Bis an die Kreidelinie im roten Sand, wo ein Dutzend nervöser Reiter versucht, die Pferde nebeneinander zu halten. Immer wieder brechen die Tiere aus, gehen nach vorn, steigen, schlagen und stampfen. Helfer drängen sich lautstark dazwischen, greifen in die Zügel und geben Kommandos, der Wind zerrt an den weiten Djellabas der Männer, wirbelt Staub in die Luft und lässt die Fahnen an der Arena knattern. Hassan beugt sich weit nach vorn über den Hals seines Pferdes und flüstert auf Usama ein. Sie beide haben gut abgeschnitten bei den jüngsten Rennen, ein Mal Sieg und ein Mal Platz. Das hat Pferd und Reiter beim Publikum beliebt gemacht, sie zählen zu den Favoriten des bevorstehenden Laufs.

Als der Startschuss knallt, herrscht wildes Durcheinander hinter der Linie: Hassan wirft sich nach vorn, findet die Lücke zwischen zwei verweigernden Pferden und bringt Usama nach innen. Auf den ersten Metern schiebt sich das Pferd vorbei an Black Night, Beija und Al Agar, gewinnt ein paar Längen Vorsprung und hält die Verfolger auf Distanz. Hassan reitet ohne Sattel und Steigbügel, mit geradem Rücken und nach vorn gestreckten Beinen. Die Zügel hält er locker in der Hand, Usama macht das Rennen wie von selbst. Nach der Zielgeraden geht es in die Kurve, eng beieinander jagt der Pulk die weiße Begrenzungsbande entlang und zieht rotbraune Staubfahnen hinter sich her.

Das dumpfe Trommeln der Hufe und die heiseren Rufe der Reiter entfernen sich, die Pferde geraten aus dem Blickfeld des Publikums und preschen die ferne Gegengerade im dunstigen Braun der Wüste entlang. Kurz darauf schwillt das Gejohle der Zuschauer wieder an, das Feld kommt erneut in Sicht und biegt in die Gerade unter den Tribünen. Als erster kommt Black Night heran, galloppiert mit fliegenden Hufen vorbei, deutlich zurück folgt Usama, der Rest weit abgeschlagen. Noch ist nichts entschieden, vier Runden im weichen Sand erfordern Kraft und Ausdauer.

Jedes Jahr im Mai kommen in Palmyra mehrere Tausend Beduinen zusammen, die meisten aus Syrien, viele aus Jordanien und Libanon, neuerdings sind auch Männer aus Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten dabei. Alles dreht sich um Araber-Rennpferde. Eine Woche lang treten sie in verschiedenen Rennen gegeneinander an. Schon Monate vorher trainieren die Männer ihre Tiere für das Festival. Jedermann und jede Frau rund um den abgelegenen Wüstenort Palmyra weiß, welche Tiere schlecht und welche gut in Form sind. Jeder kennt die Namen und Geschichten der berühmten Vierbeiner, immer wieder ist die Rede von den Qualitäten des echten arabischen Wüstenpferdes, das keinen Sattel und keine Steigbügel braucht, um seinen Reiter zum Sieg zu tragen.

Für die einheimischen Beduinen hängt viel davon ab, alle Gerüchte um die Pferde zu erfahren: Sie wollen mitmachen beim großen Pferdelotto, ein bisschen Geld setzen, die richtigen Tipps nutzen und ein paar Scheine verdienen auf dem großen Fest. Hassans Pferd Usama gehört zum Stall des Onkels Ben Achmed. Die Familie wohnt mitten in der Wüste, etwa 20 Kilometer vor Palmyra in einem Beduinenlager: Einige dunkle Zelte aus Ziegenhaar, ein Korral aus Beton für die Tiere, ein Brunnen mit Dieselpumpe, ein paar dürre Tamarinden, mehr gibt es nicht zu sehen. Hier lebt die Großfamilie, 36 Menschen und viele Tiere: 25 Kamele, 15 Pferde, 350 Schafe, 130 Ziegen, ein Verschlag voller Hühner und ungezählte Tauben.

Es ist noch nicht lange her, dass Hassans Familie als Nomaden umherzog. Damals waren Kamele der wichtigste Besitz. Heute schleppen sie keine Lasten mehr, repräsentieren aber nach wie vor den Reichtum der Familie. Ihre Milch und ihr Fleisch gehören zu den wichtigsten Lebensmitteln. Am wertvollsten sind die Meharis, weiße Kamele mit stolzem Gehabe und ebenmäßigem Fell. Die alten Männer schwören auf die Milch der weißen Stuten - sie heilt angeblich Krankheiten und gibt neue Lebenskraft. Meharis brauchen sehr viel Pflege, sie gelten als ausdauernde Läufer und wurden früher für Rennen trainiert. In den vergangenen Jahren standen nur noch wenige Kamelrennen auf dem Programm des Beduinen-Festivals: Sie dienen der Volksbelustigung und haben gegenüber den Pferderennen kaum Bedeutung.

Zu Geld kommen Syriens Beduinen vor allem durch Schafhandel: Lammfleisch steht ganz oben auf dem Speisezettel der Moslems und seitdem es öfter regnet, ernährt die Wüste problemlos die Schaf- und Ziegenherden. Im Frühjahr, zum Festtag Ait el Kebir, machen die Beduinen gute Geschäfte: Dann schlachtet jede Familie ein Schaf und in den Wochen davor lassen sich in der Nähe der Städte ganze Herden verkaufen. Die syrischen Beduinen sind sesshaft geworden, dennoch ziehen ihre Schäfer mit den Herden hinter dem Futter her, suchen die besten Weideplätze.

Die guten Geschäfte allerdings, sind in Gefahr, berichtet Hassan: Sein Vater musste die Herde im vergangenen Jahr dezimieren. Statt 500 besitzt er nur noch 350 Tiere. Der syrische Staat hat die Grenzen für Schaffleisch-Importe geöffnet. Jetzt kommt tonnenweise tiefgefrorenes Fleisch aus Iran und Jemen ins Land. Weil die Preise verfallen, lohnt sich der Unterhalt großer Herden kaum noch. Basis des Lebens in der syrischen Wüste sind die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Jede Beduinenfamilie ist Mitglied einer Kooperative.

Drei lange Runden liegt Black Night in Führung, vor Usama, vor Beija und Al Agar. Ein kleiner, behelmter Jüngling reitet das pechschwarze Pferd, weit vorn über den Hals gebeugt, in kurzen Steigbügeln stehend. Die Gerte saust auf die nassen Flanken des Tieres. Knapp dahinter kommt Usama, rechts und links schieben sich die Verfolger heran, getrieben von den wilden Schlägen der Reiter. Vorbei an den Tribünen, wo sich die Jungen über die Bande in die Rennbahn beugen, vorbei am verbeulten Ford Transit, auf dessen Dach der Mann mit dem Megaphon steht und den Stand des Rennens auf die Zuschauer hinab brüllt.

Das Signal zur letzten Runde ertönt und der führende Pulk verschwindet im Staub. Usama holt auf, kommt nahe an Black Night heran. Beide Tiere laufen Kopf an Kopf, Meter um Meter, die Nüstern gebläht, die Mähnen flattern wie zerfranste Fahnen. Black Night hat die Nase vorn, der Reiter drängt das Pferd nach außen, dicht an Usama heran, versucht, den Gegner aus der Bahn zu drängen. Black Night kommt aus dem Schritt, stolpert, knickt mit den Vorderläufen ein und stürzt.

Black Night gehört einem Mann aus den Arabischen Emiraten. Erst seit wenigen Jahren kommen seine Landsleute zum jährlichen Rennen nach Palmyra. Sie besitzen Pferde, die eher den gepflegten Reitplatz als die rauhe Wüste kennen. Gerüchten zufolge baden sie in Milch, werden massiert und bekommen Honig als Futterzusatz. Gewöhnlich laufen sie auf den großen Rennplätzen von Abu Dhabi, Dubai und Qatar, Anfang Mai aber werden sie im Flugzeug nach Damaskus gebracht und mit modernen Transportern in die syrische Wüste gefahren. Solche Pferde laufen nur unter leichten Jockeys, die im Rennsattel stehen und die zierlichen Pferde nicht zu stark belasten.

Palmyra ist ein interessanter Platz für die Männer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Hier, auf dem Festival der arabischen Brüder, können sie ihre Rennpferde an den Start schicken, mit hohen Wettsummen einsteigen und die Konkurrenz beobachten. Wenn ihnen eines der syrischen Pferde gefällt und sogar ein Rennen gewinnt, dann machen sie dem Besitzer ein Angebot.

Meist kann dieser den vielen Dollars nicht widerstehen. "Black Night gestürzt und ausgeschieden", schreit der Sprecher durchs Megaphon, "Usama vorn." Jubelnd reißen die Zuschauer hinter der Bande die Arme hoch, als Hassan mit Usama über die Ziellinie fliegt. Sofort ist der Onkel da, packt Usamas Trense und führt den Gewinner durchs Gewühl zur Tribüne. Hundert Hände tätscheln das schweißnasse Pferd und greifen ihm in die Mähne. Besitzer Ben Achmed und Reiter Hassan werden zur Ehrenloge gedrängt, wo die stammesältesten Beduinen sitzen und die Familie sich versammelt hat. Hassan lässt die Zügel los, wühlt sich zu Vater und Brüdern durch, lässt sich feiern. Um Usama, sein schnelles Pferd, kümmern sich jetzt andere. Als Hassan zurück will zu Usama und den Onkel wiedertrifft, ist sein Pferd nicht mehr da, es ist verkauft und abtransportiert. Viel Geld haben die Männer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gezahlt. Wieviel Geld, das will Ben Achmed nicht erzählen: Es sei jedoch weit mehr gewesen, als er je in der Hand hatte.

Meist kann er den vielen Dollars nicht widerstehen. "Black Night gestürzt und ausgeschieden", schreit der Sprecher durchs Megaphon, "Usama vorn." Jubelnd reißen die Zuschauer hinter der Bande die Arme hoch, als Hassan mit Usama über die Ziellinie fliegt. Sofort ist der Onkel da, packt Usamas Trense und führt den Gewinner durchs Gewühl zur Tribüne. Hundert Hände tätscheln das schweißnasse Pferd und greifen ihm in die Mähne. Besitzer Ben Achmed und Reiter Hassan werden zur Ehrenloge gedrängt, wo die Stammesältesten der Beduinen sitzen und die Familie sich versammelt hat. Hassan lässt die Zügel los, wühlt sich zu Vater und Brüdern durch, lässt sich feiern.

Um Usama, sein schnelles Pferd, kümmern sich jetzt andere. Als Hassan zurück will zu Usama und den Onkel wiedertrifft, ist sein erfolgreiches Pferd nicht mehr da, es ist verkauft und abtransportiert. Viel Geld haben die Männer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gezahlt. Wieviel Geld, das will Ben Achmed nicht erzählen: Es sei jedoch weit mehr gewesen, als er je in der Hand habe.

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