Zeitung Heute : Reise der Woche: Ein Ouzo für Maria Callas

Beim zweiten Ouzo überkommt Anna die Nostalgie. Was waren das für Zeiten damals, als Onassis noch die großen Feste der Insel mit seiner Anwesenheit beehrte: Jene Sommernacht etwa, als Maria Callas auf dem Hauptplatz von Lefkada-Stadt spontan mal eben die Verzweiflungs-Arie der Santuzza aus der Oper Cavalleria Rusticana anstimmte und es unter den Hunderten von Zechern so still wurde, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Doch das ist schon Jahrzehnte her. Auch Annas Hotel ist schon in die Jahre gekommen. In manchen Zimmern schälen sich die Tapeten von den Wänden. Aber es gibt eine Klimaanlage, und die nagelneuen Fenster schließen dicht. Was wichtig ist, denn das "Nirikos" steht genau dort, wo der schmale Damm endet und sich aller Verkehr auf die Insel verteilt.

Doch Lefkada ist gar keine echte Insel. Es waren die Korinther, Typen, die sich wie Konquistadoren aufführten, wie Anna sagt, die die einstige Halbinsel im ionischen Meer mittels eines Durchstiches vom Festland abtrennten. Aus rein praktischen Gründen übrigens. Es war bequemer, im sicheren Schutz der Küste zu segeln, statt einen großen Törn hinaus ins ionische Meer zu machen.

Heute überquert man den schmalen Kanal mittels einer Schiffbrücke: Roll-on-roll-off über 50 Meter blaues Wasser. Wenn wirklich ein Kahn durch den Kanal will, dreht sich der mobile Ponton zu Seite und Lefkada ist für ein paar Minuten ein wirkliches Eiland.

Der korinthische Durchstich ist noch heute beeindruckend befestigt. Ein venezianisches Kastell aus dem 14. Jahrhundert wacht über die Zufahrt nach Lefkada, doch die dicken Wehrmauern von Santo Mauro sind inzwischen nurmehr pittoreske Wegmarke. Lefkada-Stadt ist ein fast orientalisch anmutender Ort, der sich in den letzten Jahren heraus gemacht hat. Eine ausgedehnte Fußgängerzone wurde angelegt, Straßencafés und malerisch dekorierte Tavernen gibt es zuhauf. Die Fassaden der Häuser leuchten in Pastellfarben, die auf Wellblechverkleidungen aufgetragen sind. Lefkada wurde immer wieder von schweren Erdbeben heimgesucht. Darum sind die Häuser hier traditionell nicht aus Stein, sondern aus elastischerem Holz, das mit Fachwerk ausgefugt wird. Holz ist in Griechenland rar, und weil das feuchte Winterklima den Konstruktionen zusetzt, werden die Häuser seit Jahrzehnten mit Blech verkleidet, um ihre empfindliche Substanz zu schützen. Die Erdbebengefahr erklärt auch, warum die Kirchen der Insel fast stets einschiffige Basiliken mit rundem Tonnengewölbe sind, das Erschütterungen am besten verträgt. Und weil Kirchtürme bei Beben eine massive Gefahr darstellen, sind sie auf Lefkada nie fest gemauert, sondern schlichte Metallgerüste, in die die Glocke gehängt wird.

Lefkada, in jüngerer Vergangenheit oft auch Lefkas genannt, hieß im Altertum Leukas und ist nach dem Gebirge an seiner Südspitze benannt, dessen schneeweiße Felsen senkrecht ins Meer abfallen. Diese heute Kap Dukato genannte Landspitze, ist der Legende nach jener Platz, an dem sich Sappho in die Tiefe gestürzt haben soll, nach dem Phaon ihre Liebe verschmähte. Die lefkadischen Felsen haben wegen dieses allerdings nicht verbürgten Dramas einen festen Platz in der Mythologie. Nachweislich korrekt ist dagegen, dass die Insel bereits in neolithischer Zeit besiedelt war. Gleichfalls nachgewiesen ist auch, dass Lefkada in antiker Zeit eine wichtige Rolle spielte und seine Schiffe an allen legendären Schlachten teilnahmen. Doch soviel Ruhm und Ehre war dem deutschen Archäologen Wilhelm Dörpfeld noch nicht genug. Er verstieg sich in die Hypothese, nur Lefkada könne das homerische Ithaka gewesen sein, die Heimat des Odysseus.

Homers Helden lebten in der Zeit von 1550 bis 1100 vor Christus. So sehr sich Dörpfeld auch mühte, er fand keine Übereste aus dieser Zeit. Dörpfeld gab nie seine Theorie über das "wahre Ithaka" auf und hielt der Insel die Treue bis in den Tod. Sein Grab kann in Vlicho besichtigt werden. Die Flaniermeile der Inselhauptstadt ist heute nach ihm benannt.

In jüngster Vergangenheit machte Lefkada vor allem wegen der vorgelagerten Insel Skorpios, dem Privateiland des Tankerkönigs Aristoteles Onassis, von sich reden. Der einst aus Smyrna, dem heutigen Izmir, Vertriebene wollte sich hier eine neue hellenische Heimat schaffen. Onassis galt als Mann des Volkes, von seinen zwanglosen Auftritten in den Cafés und Kneipen von Lefkada spricht man noch heute gern. Skorpios darf nicht besichtigt werden. Doch von den Ausflugsbooten, die fast täglich von Nidri durch die Inselwelt zwischen Lefkada und dem Festland touren, ergibt sich immerhin ein Blick auf die Solitude des Tycoons. Nidri ist der einzige Ort auf Lefkada, der fest in der Hand - vor allem englischer - Touristen ist. Wilhelm Dörpfeld wäre überrascht, wie geschäftig es in seiner Wahlheimat und dem vermeintlichen einstigen Königssitz des Odysseus zugeht.

Wesentlich stiller präsentiert sich das fruchtbare Hinterland von Nidri mit seinen Obst- und Olivengärten. Ein Traumziel für Wanderer ist der Wasserfall, der sich am Ende einer engen, von Farn und Blumen überwucherten Schlucht in einen smaragdgrünen kühlen Pool stürzt. Noch weiter südlich ist selbst an der Küste kaum noch Betrieb. In der glasklaren Kiesbucht von Poros gibt es nur wenige private Zimmervermieter und einen gut gepflegten Campingplatz. Wie ein Fjord schneidet die benachbarte Bucht von Sivota, in der Dörpfeld den Odysseus gestrandet glaubte, tief ins Land. Auch hier geht es selbst im Hochsommer beschaulich zu. Fischerboote liegen am Kai und werden in einer winzigen Werft mit neuen Schichten grellbunter Farbe bepinselt. Der malerische Hafen Vasiliki an der gleichnamigen, weiten Bucht ist der Ausgangspunkt für Schiffsausflüge zu den lefkadischen Felsen. Einst stand hier ein Apollotempel, heute hält ein Leuchtturm einsame Wacht.

Nirgends zeigt sich Lefkadas wilde Westküste spektakulärer als in Porto Katsiki. Grelltürkises Wasser umflutet das bizarr geformte Felsufer mit dem schmalen Streifen hellen Sandes. Treppen führen in die Tiefe zum fotogenen Badeplatz. Weiter nach Norden liegt die Steilküste in absoluter Abgeschiedenheit. Kein Dorf säumt die schroffen Abhänge, und auch die Straße hält gebührenden Abstand. Die Terrassenfelder im gebirgigen Landesinneren sind zum großen Teil verlassen. Mitten in der Einsamkeit der weiten Hochebene zwischen Hortata und Eglouvi liegt die Kapelle Agios Donatos. Anfang August wird das Linsenfest gefeiert, bei dem es Eintopf satt für alle gibt und man sich in großen Kreisen in althergebrachten Volkstänzen ergeht.

Karia ist das einzige Bergdorf, das am Tourismus partizipiert. Die kleine Platia wird von wenigen Cafés und Tavernen gesäumt, in Kunstgewerbeläden kann man lokale Webarbeiten und Stickereien kaufen. Am Ortsausgang findet sich das private Volkskundemuseum, über das Herr Katopodis wacht. Alte Trachten, Webstühle und feine Handarbeiten sind zu besichtigen. Ein Mal im Jahr quillt Karia fast von Menschen über. Mitte August feiert man hier in glühender Hitze eine traditionelle lefkadische Hochzeit, die zur Freude von Einheimischen wie Fremden prachtvoll in historischen Kostümen inszeniert wird. Der Wein fließt in Strömen, der Duft von gegrilltem Hammel zieht durch die Gassen.

Der August ist auf Lefkada ohnehin der Monat der großen Feste. In der malerischen Kulisse des Kastells wird das Literatur- und Kunstfestival dargeboten. Auf dem weiten Platz am Ende des Damms findet das große internationale Folklorefestival statt, für das Tanz- und Musikgruppen aus aller Welt anreisen. Dann ist Annas Terrasse der Logenplatz für die Honoratioren, und es ist fast so schön wie damals, als die Callas plötzlich ihre Arie in die lefkadische Nacht hinaus sang.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben