Zeitung Heute : Reise der Woche: Im Marais schlägt das Herz von Paris

Hella Kaiser

Natürlich sind alle Wege gepflastert im Marais. Der sumpfige Boden, dem das Pariser Viertel seinen Namen verdankt, ist längst trockengelegt. Dass man ab und zu doch nach unten schauen sollte, liegt an den Hunden, die von den Parisern im Stil des Laisser-faire erzogen werden. "Passen Sie auf, wo Sie laufen", warnt eine Einheimische. Zu spät. Aber, was macht das schon? Im Mittelalter lauerten ganz andere Gefahren zwischen Rue du Temple und Bastille.

Es war der Stadtteil der Diebe. "Zigeuner, entlaufene Mönche, versumpfte Studenten, Schurken aller Nationen, wie Spanier, Italiener, Deutsche, und alle Religionen, Juden, Christen, Mohammedaner, Götzenanbeter, am Tage bettelnd, nachts als Räuberbanden ausschwärmend ...", so beschrieb Victor Hugo die düstere Gegend in seinem Buch "Der Glöckner von Notre Dame". Romanheld Monsieur Grenouille verzweifelt in den ungezählten Gassen des Häuserlabyrinths. Über "diese verdammten Kreuzungen", flucht er, die "der Teufel mit der Ofengabel geformt hat".

Ecke Rue Poisson und Rue de Jarente packen wir den Stadtplan weg. Durchs Marais muss man sich treiben lassen. Und dabei die Handtasche fest unter den Arm klemmen? Keine Sorge, die Polizisten, die neuerdings auf blitzblanken, stahlblauen Fahrrädern die Runde machen, sind nicht wegen möglicher Langfinger hier. Sie interessieren sich nur für die oft abenteuerlich geparkten Autos. Warum werden die engen Gassen nicht zu Fußgängerzonen erklärt? "Ein schwieriges Thema", seufzt Fremdenführerin Danièle Louveau-Jouan. Bisher habe sich kein Bürgermeister da herangewagt.

An der Place des Vosges ist das Gedränge auf den handtuchschmalen Bürgersteigen vergessen. Ein Platz wie aus dem Bilderbuch. Achtunddreißig Patrizierhäuser umrunden das großzügige Quadrat, und keines tanzt aus der Reihe. Weißer Sandstein, rosa Backstein und blaue Schieferdächer. Henri IV. hatte Geschmack. Wer hier wohnen durfte, war von Adel - oder hatte zumindest besondere Qualitäten. Marion Delorme, neben Ninon de Lenclos die berühmteste Kurtisane jener Zeit, besaß hier ein Haus. In der Nummer 21 logierte Marschall Bassompierre, der später als "Don Juan" in die Musikgeschichte einging.

Victor Hugo zog 1832 in die Place des Vosges Nummer 6 ein. Da war sein kurz zuvor publizierter "Glöckner von Notre Dame" schon ein Bestseller und der Dichter ein gemachter Mann. Die Tinte seiner Manuskripte habe er mit einer Mischung aus Sand und Gold getrocknet, weiß die Fremdenführerin. Und heute? Wer den Quadratmeterpreis von rund 15000 Mark bezahlen kann, lässt sich auf eine Interessentenliste setzen. Und die ist lang. Ex-Kulturminister Jack Lang hatte Glück, weil er zugriff, als das Marais noch kaum saniert war.

Feine Hôtels, wie man die Patrizierhäuser in Paris nennt, gibt es zu Dutzenden in diesem Viertel. Nach der Revolution von 1789 hatte das Volk einige von ihnen "erobert", Manufakturen eröffneten unter den vornehmen Dächern, in einstigen Beletages wurde gewerkelt, gehandelt und verheizt, was man nicht zu Markte tragen konnte. Bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts hinein besann sich das Marais auf seine mittelalterliche Tradition: Es wurde wieder zum Viertel der kleinen Leute.

Viele der Patrizierhäuser haben eine ähnliche Geschichte wie das Hôtel Saint-Aignan in der Rue du Temple 71. 1640 war es gebaut worden und bis 1789 in adliger Hand. 1842 zog ein kleiner Industriebetrieb ein, später wurden die drei Etagen des Hôtels an jüdische Künstler aus Polen, Rumänien und der Ukraine vermietet. 1942 wurden die Bewohner deportiert, das Haus stand lange leer. 1962 wurde es von der Stadt Paris gekauft, aber erst 1988 zum schützenswerten historischen Monument erklärt und von Grund auf restauriert. Heute beherbergt es ein jüdisches Museum.

Die Geschichte der Pariser Juden wird darin erzählt, jener Bevölkerung also, die so lange im Marais heimisch war. Noch immer ist die Rue des Rosiers, die das Marais von West nach Ost durchquert, eine Enklave jüdischer Kultur. Im Restaurant Jo Goldenberg wird selbstverständlich koscher gekocht, und die Kuchenstücke im Korcarz sind nach osteuropäischen Rezepten gebacken. Leckere Fallaffel gibt es hier, und wer exotisch kochen will, kauft seine Gewürze selbstverständlich schon seit Jahrzehnten im Izraël in der Rue des François-Miron 30. Ringsherum aber sind feine Boutiquen und Edeletablissements eingezogen, mit glitzernden Auslagen und schwindelerregenden Preisen.

"Das Viertel verliert seinen jüdischen Charakter", bedauert Madame Louveau-Jouan. Die Synagoge in der Rue des Ecouffes ist noch da, aber bärtige Gläubige in orthodoxen Gewändern sind schon ein seltener Anblick geworden im Marais. An einer Ecke bietet ein winziger Laden Gedrucktes zur jüdischen Geschichte an. "Adieu Israel" heißt ein Buchtitel in der verstaubten Auslage. Vielleicht zeigt beim nächsten Besuch hier schon ein japanischer Designer seine Kreationen. Japanisches sei zur Zeit en vogue in Paris, sagt die Führerin.

Was nicht mehr zu retten war im Marais, wurde abgerissen und durch im Stil passende Neubauten ersetzt. Wo immer es geht, will man jedoch das Alte bewahren. Noch also wird am Hôtel Beauvais in der Rue François-Miron 68 gewerkelt, dort, wo Mozart als Kind bei einem Gastspiel logiert haben soll. Was fertig ist, wurde - oft - Museum. Das Musée Carnavalet etwa, wo im 17. Jahrhundert die aristokratische Schriftstellerin Madame de Sevigné gewohnt hat. Das Museum für die Geschichte der Stadt Paris hätte sich keinen besseren Ort suchen können. Das Mittelalter ist da präsent und - natürlich - die Revolution. Eine Locke von Robesspierre ist ausgestellt und sein letzter, blutbefleckter Brief.

Madame de Sevigné gesteht die Fremdenführerin das feine Haus zu, von Aubert de Fontaney aber spricht sie voller Verachtung. "Er war ein Parvenü", sagt sie und zeigt - vom - Jagdhund bis zum Wappen - auf all die adligen Insignien an der Fassade, die ihm gar nicht zugestanden hätten. Fontaney hatte als Pächter der Salzsteuer ein Vermögen gemacht, und deshalb wurde sein aufwändig gestaltetes Domizil in der Rue de Thorigny 5 zu seinen Lebzeiten Hôtel Sâlé getauft. Die Einheimischen nennen es noch heute so, obwohl längst das Picasso-Museum dort eingezogen ist.

Bis das Marais überall schick und teuer ist, wird noch viel Wasser die Seine hinunter fließen. So viele bröckelnde Fassaden noch, so viele dunkle Gassen, in denen man sich wie Monsieur Grenouille verlaufen könnte. In der Dämmerung spielen junge Musikstudenten Klassisches unter den Arkaden der Place des Vosges. Fernes Kirchengeläut mischt sich hinein, vielleicht von Notre Dame? Natürlich gibt es dort längst keinen Glöckner mehr. Und doch würde man sich nicht wundern, huschte jetzt der verwachsene Retter der schönen Esmeralda hier vorbei.

"Das gegenwärtige Paris hat keine allgemeine Physiognomie. Es ist eine Ansammlung von Mustern mehrerer Jahrhunderte", schrieb Victor Hugo 1830. Man braucht ja nur ins frisch renovierte Centre Pompidou zu gehen, um zu erleben, dass Hugos Beobachtung noch immer stimmt. In der sechsten Etage, im Restaurant "Georges", stehen Stahltische und steife, weiße Sitzmöbel und vermitteln das kühle Ambiente des 21. Jahrhunderts. Durch die Glasfenster aber blickt man über die Dächer des Marais, und das Mittelalter scheint zum Greifen nah.

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