Zeitung Heute : Reise der Woche: Im Tal der tausend Gefahren

Andreas Obst

Die ganze Welt von St. Martin passt in den Sturz einer Tuba. Im blitzenden Metall spiegelt sich alles, was hier Bedeutung hat: Die hohen Berge, die dunklen Holzhäuser, die Menschen. Der Tubaspieler spielt laut und falsch beim Jakobi-Fest, das hier seit jeher am Sonntag nach Jakobi gefeiert wird: mit einer Messe unter freiem Himmel vor der kleinen Kapelle, Musik, Bier, Älplermakkaroni, Polenta aus dem Holzofen, Schinken im Brotteig und all den anderen kräftigenden Köstlichkeiten aus der Küche des Restaurants. An diesem Sonntag ist Halbzeit für die Älpler. Fünfzig der hundert Tage sind vorbei, während denen das Vieh auf den steilen Bergwiesen sömmert". Lange hatte es die Natur in diesem Jahr nicht gut gemeint mit den Hirten und ihren Tieren. Viel zu früh war es viel zu heiß geworden, dann fiel schwerer Regen, manchmal tagelang. Von dunklen Wolken waren dann die mächtigen Gipfel umhüllt, die Wiesen wurden schwer, dunkelgrün von der Nässe und die Gebirgsbäche verwandelten sich in reißende Ströme - gefährlich für Mensch und Tier. Man lernt die Elemente fürchten an solchen Tagen, und man begreift schnell, wie fern die kleine Welt von St. Martin der übrigen Welt ist. Doch geografisch ist das gar nicht so. Nur eine gute halbe Autostunde ist es von Bad Ragaz, dem schläfrigen Kurort im Süden des Kantons Sankt Gallen, in das Dorf Vättis, wo man die Stille fast mit Händen greifen kann. Sie wird nur vom Läuten der Kirchenglocken unterbrochen. Vättis liegt zu Füßen des gewaltigen Drachenbergs. Ein furchtbarer Drache soll hier einst zu Tode gekommen sein, als er - erschreckt vom eigenen Schatten - gegen die Flanke des Bergs prallte. Dann geht es in steilen Serpentinen bergauf, schließlich einspurig, auf einer schmalen, aus dem Fels geschlagenen Trasse, entlang dem gewaltigen Stausee ins Calfeisental, das Tal der tausend Gefahren, wie die Einheimischen respektvoll sagen. Nicht einmal die Walser hielten es in der unwirtlichen Umgebung lange aus, das härteste Bergvolk Europas, wie sie sich selbst rühmten, die "Söldnerhirten", wie sie von anderen genannt wurden. Denn immer wenn es galt, schwierige Alpengebiete zu erschließen, Wälder zu roden, Sümpfe zu entwässern, riefen die Landbesitzer Walser herbei - dafür wurden ihnen von den geistlichen und weltlichen Herren besondere Besiedlungs- und Nutzungsrechte gewährt. Walser waren freie Bauern mit eigener Gerichtsbarkeit und Verwaltung. Seit dem Mittelalter war das so. Das Calfeisental besiedelten die Walser von oben nach unten, von den Gipfeln hinunter in die Ebene. Das lag nahe, denn ursprünglich waren sie aus dem Westen über die Berge gekommen, aus Flims im Oberwallis. Schnell wuchs die Siedlung St. Martin zum Mittelpunkt des Tals, um 1350 sollen hier mehr als hundert Menschen gelebt haben. Doch schon im 17. Jahrhundert wurde es im Calfeisental wieder still und einsam. Das harte Klima, keine Sonne am Talgrund während des ganzen Winters - die hohen Berge ringsherum sperren das Licht gleichsam aus -, überdies der zunehmende Brennholzbedarf, der sich bald in den Wäldern der Umgebung nicht mehr decken ließ, ohne die Lawinengefahr weiter zu erhöhen: St.Martin war kein guter Ort. Fortan wurde nur noch im Sommer das Vieh hierher und weiter hinauf in die Berge getrieben. Die letzte Walserin, die den Weiler verließ, soll um das Jahr 1650 Ursula gewesen sein. Vielleicht hieß sie auch Katharina. Jedenfalls lautete ihr Nachname Suter-Nigg oder Nigg-Suter - man weiß nicht viel Verlässliches über die frühen Tage von St. Martin. Doch sicher ist, dass sie die Witwe des letzten Messners, des Kirchendieners, der Kapelle von St. Martin war, das Grabkreuz ihres Ehemanns wird heute im Keller des kleinen Museums von Vättis aufbewahrt, ebenso zwei Statuen, die für die Kapelle angefertigt worden waren. Das Kirchlein selbst stammt wohl aus den ersten Tagen von St. Martin. Schon immer wurde es von Pfarreien aus der Umgebung besorgt, noch heute kommt fünf Mal im Sommer der Pfarrer von Vättis herauf, um für die Hirten die Messe zu lesen. Den besten Blick auf das Panorama des Jakobi-Fests - die Kapelle, den Pfarrer, die Gemeinde auf den Holzbänken und den Halbkreis der Musiker in ihren roten Jacken hat man aus dem Fenster des "Hochzeitszimmers" im Gebäude gleich gegenüber, dem ältesten der Siedlung. Hier soll einst die Familie des Messners gelebt haben. Mit dem breiten Himmelbett aus schwerem Holz als einzigem Möbelstück ist es heute das schönste der vier Gästezimmer, die man in der Walsersiedlung St. Martin mieten kann. Das Bett ist ein Werk von Clemens Nigg-Strolz, der das ganze Anwesen bei einer Versteigerung im Frühjahr 1973 erworben hatte. Immer habe er hier auch einmal den Winter verbringen wollen, erzählen seine Angehörigen. Schließlich habe er sich durchgesetzt und nicht gehört auf jene, die ihn warnten vor dem Schnee, den Lawinen und der Einsamkeit. Und viel geschaffen habe er in den Wochen um den Jahreswechsel 1986/87: das Himmelbett, die Täfelung der Stube, ein ganzes Büfett habe er mit der Motorsäge gefertigt. Hier im Fotoalbum der Familie ist es zu sehen, am Weihnachtstag, halb fertig, als Überraschung für Lisa, sein Frau. Doch als der Winter schon beinahe vorbei war, im März, da habe ihn eine Lawine verschüttet. Eine ganze Nacht lang habe er im Schnee gelegen, dann drei Tage auf der Intensivstation. Nie wieder sei er hernach gewesen wie früher. 1990 ist er gestorben. In einer Nische in der Stube steht sein Foto, davor brennt eine Kerze. Als sie so beieinander saßen, am verregneten Abend vor dem Jakobi-Fest, die Wirtsfamilie, das portugiesische Ehepaar, das für sie arbeitet, weil die "Mentalitäten" gut zusammenpassen, und die wenigen Gäste, da hat Lisa Nigg-Strolz geklagt: über die schlechte Saison, das Wetter, das harte Leben. Doch dann kam der Sonntag, die Sonne strahlte vom tiefblauen Himmel, in der Wirtsstube und auf der Terrasse waren alle Plätze besetzt, aus der Küche wurden immer neue schwerbeladene Teller und Schüsseln getragen. Es schien, als würde an diesem Sonntag der Sommer noch einmal beginnen. Womöglich war es wirklich so.

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