Zeitung Heute : Reise der Woche: Weite aus Wasser und Wüste

Klaus Thiele

Irgendwann verweigert auch das Handy seinen Dienst. Südlich von Assuan ist man völlig aus der Welt. Weit und breit kein Haus, keine Straße. Einsam gleitet das Wüstenschiff dahin. Nein, von einem Kamel ist nicht die Rede, sondern von einem Kreuzfahrtschiff. Es fährt mitten durch die nubische Wüste. Auf dem Nassersee. Mehr als 500 Kilometer lang und bis zu 35 Kilometer breit ist dieser See. Vom Hochdamm bei Assuan staut er das Wasser des Nil flussaufwärts bis hinein in den Sudan.

Früher fuhr hier ein Postdampfer bis Wadi Halfa an der sudanesischen Grenze, klapperte die Siedlungen entlang der grünen Flussoase ab. Aber diese Orte sind versunken, die Felder, die Dattelpalmen verschwunden. Die nubische Bevölkerung wurde umgesiedelt und lebt heute nördlich des Dammes, vor allem zwischen Assuan und Edfu. Kein Dorf mehr am Ufer, kein Grün, nur Felsen und gelber Wüstensand. Das klingt eher langweilig, ist hingegen nicht nur ein sehr erholsamer, sondern auch ein überaus reizvoller Teil einer Ägypten-Reise. Denn nicht alles versank im Nubischen Meer.

Das Wüstenschiff legt vor Tempeln an, von denen die meisten anders überhaupt nicht zu erreichen sind. Mit Booten werden die Schiffsreisenden an Land gebracht, extra für sie kommt Wachpersonal herbei. In einem Fall bieten dunkelhäutige Nubier ihre Kamele an für den Ritt zwischen dem nahe beieinander liegenden Tempel Sebua, vom "Tal der Löwen" mitsamt der Sphinx-Allee verlegt, und dem auf einer Anhöhe stehenden Dakka-Tempel, der 40 Kilometer "wanderte". Man ist fast erleichtert: Irgendwo leben also doch noch ein paar Nubier in dieser gottverlassenen Weite aus Wasser und Wüste.

Alle Tempel Nubiens wären vom Nilwasser verschlungen worden, hätten sich nicht 50 Nationen an einer Rettungsaktion der Unesco beteiligt, als 1960 mit dem Bau des 196 Meter hohen Dammes begonnen wurde. Besonders spektakulär war, als von aller Welt bewunderter technischer Geniestreich, die penible Zerlegung der Tempel von Abu Simbel in 1000 Blöcke bis zu 20 Tonnen Gewicht. 180 Meter landeinwärts und 65 Meter höher wurden die Teile wieder zusammengefügt, und so blieb der größte Felsentempel des Landes ein Höhepunkt jeder Ägypten-Reise.

Weniger bekannt ist dagegen, dass auch andere Tempel mit großem Aufwand gerettet wurden. Ein paar waren über Jahre die entlegensten Bauwerke auf Erden, so gut wie unerreichbar für Touristen. Erst als vor wenigen Jahren mit den Kreuzfahrten auf dem Nassersee eine neue Variante des Ägypten-Tourismus "erfunden" wurde, kamen die ersten Besucher. Schiffe wie die "Nubian Sea" sind eigens für das tiefere Wasser des Stausees gebaut worden - großzügiger, mit mehr Platz für die maximal 132 Passagiere, als es auf den meisten der typischen Nildampfer der Fall ist, die durch Oberägypten fahren. Sieben Schiffe sind inzwischen auf dem Stausee unterwegs. Mehr sollen es nicht werden, erfährt man vom immer gut gelaunten Personal.

Drei geruhsame Tage braucht die "Nubian Sea" für die 240 Kilometer von Assuan zum Ziel Abu Simbel. Nachts macht das Schiff an einem Felsen in Ufernähe fest. Geradezu rührend ist neben nubischer Folklore das sonstige "Unterhaltungsprogramm": Nach dem Essen am zweiten Abend werden die Passagiere auf das Pool-Deck gebeten: Drei Tempel an Land sind kurzfristig angestrahlt, exklusiv für sie.

Man hat damals übrigens, als das Wasser langsam stieg, die Tempel sehr weitsichtig verlegt, als habe man schon an die Nassersee-Kreuzfahrer gedacht. Bauwerke, die früher viele Kilometer voneinander entfernt standen, sind in unittelbarer Nachbarschaft neu aufgestellt, so dass man bei jeder Bootsfahrt an Land gleich zwei oder drei besichtigen kann. Das erste Ziel liegt noch in Sichtweite der gewaltigen Staumauer. Der Tempel von Kalabscha, erbaut für den lokalen Gott Mandulis, stand früher 50 Kilometer südlich. Nebenan wurden die Tempel von Kertassi und Beit el-Wali neu aufgebaut, letzterer mit recht kriegerischen Reliefs im Innern. Ihn ließ Ramses II. errichten, der letzte der ganz großen Pharaonen. 67 Jahre hat er bis 1213 vor Christus regiert. Den Kalabscha-Tempel haben übrigens die Deutschen versetzt. Als Belohnung durften sie das Tempeltor mitnehmen. Es steht im Ägyptischen Museum in Berlin.

Sechs Tempel ließ Ramses II. allein in Nubien errichten und sich darin nicht nur als König von Ober- und Unterägypten, sondern auch als Gott darstellen. Relief-Szenen in den Tempeln zeigen auch, wie der sonst eher auf Frieden bedachte Pharao seine Gegner, darunter auch aufständische Nubier, vernichtet. Nubien war lange für das Pharaonen-Reich fernes, afrikanisches Ausland. Ägyptens natürliche Grenze lag an den ersten Nilkatarakten bei Assuan. Dann aber lockten die Bodenschätze - Gold vor allem - die Pharaonen nach Nubien. Später, unter den Römern bis hin zu den Osmanen, blieb das nubische Niltal wichtiger Handelsweg ins innere Afrika, bewacht zum Beispiel vom Fort Qasr Ibrim, einst auf einem Berg gelegen, jetzt nur noch eine Insel mit Ruinen.

Die "Nubian Sea" setzt sich mit dem Bug an dem Inselchen fest. Betreten dürfen es die Passagiere inzwischen nicht mehr. Ein Sonderfall unter Nubiens geretteten Tempeln ist Amada, 200 Kilometer südlich von Assuan. Der Tempel konnte wegen der Gipsschichten mit farbigen Reliefs nicht zersägt werden. Er wurde deshalb von Franzosen komplett auf Schienen gesetzt und in sechs Monaten sechs Kilometer weit transportiert.

Unruhig werden die Passagiere am letzten Tag. Gegen Mittag soll Abu Simbel erreicht werden. Vorher aber sieht man am rechten Ufer nun tatsächlich eine Siedlung. Dort wohnen die Ingenieure und Arbeiter des Toshka-Projektes. Von dort wird ein Kanal parallel zum Nil gebaut, durch den neues Agrarland gewonnen werden soll. Dann endlich kommt Abu Simbel in Sicht. Die "Nubian Sea" legt direkt vor dem Tempel des Ramses mit den 20 Meter hohen Pharao-Figuren am Eingang und dem benachbarten, für seine Frau Nefertari errichteten Hathor-Tempel an.

Hier herrscht nun wieder touristisches Gewusel. Für kurze Zeit eingeflogene Gruppen hetzen durch den Tempel mit den Pfeilerfiguren, auf denen sich der Pharao als Gott Osiris darstellen ließ.

Abends sind bis auf die Schiffsreisenden alle Besucher verschwunden. Eine Ton- und Licht-Schau mit Laser-Effekten findet fast im intimen Kreis statt. Und am Morgen sieht man fasziniert vom Pool-Deck zu, wie die aufgehende Sonne die Ramses-Statuen rötlich aufleuchten lässt. Schöner als mit dem Schiff kann in Abu Simbel niemand ankommen. Die Straße von Assuan ist seit Jahren gesperrt. Man kann seitdem nur nach Abu Simbel fliegen - oder eben still mit dem Wüstenschiff durch die nubische Wüste einschweben.

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