Zeitung Heute : Reise der Woche: Wo Eiszapfen vor den Bullaugen hängen

Vor dem Fenster ziehen verschneite Berge vorbei, kleine Inseln und manchmal ein paar Holzhäuser. Das Wetter wechselt ständig. Helles Morgenlicht verwandelt sich in dichtes Schneetreiben, bald darauf strahlt die Sonne aus jäh aufgerissenem Himmel. Dann schimmern Berge und Felsen weiß, bläulich und violett, zu ihren Füßen liegt spiegelglatt dunkelblaues Wasser. Kaum etwas könnte wohl so schwer auf dem Gemüt lasten, dass man beim Anblick dieser einsamen, erhabenen Landschaft nicht ein bisschen frohlocken wollte. Weil es so schön ist, so still und so weit weg von allem. Da vergisst man vieles - sogar, wie man im rauen Seegang der Nacht zuvor um ein Haar auf dem Kabinenboden erwacht wäre.

Die Landungsbrücke klappt hinunter, und hinter tanzenden Schneeflocken schimmert Tromsø in verschiedenen Schattierungen von Blau. Anfang des 20. Jahrhunderts sah man hier gelegentlich Trapper mit Eisbärenjungen an der Leine durch die Straßen gehen. Es waren Tiere, deren Mütter sie oben in Spitzbergen erlegt hatten. Sie brachten die Jungtiere mit zurück und zähmten sie. Mensch und Tier gewöhnten sich aneinander, doch wenn der Herbst kam, schlug die Stunde der Trennung: Die Eisbären waren übermannshoch gewachsen; sie wurden verkauft, in engen Holzkäfigen verschifft und endeten in Zoos irgendwo in Europa. In Tromsø ist die Erinnerung an die Zeiten, als die Jäger von hier aus auf Jagd nach Spitzbergen gingen, noch wach.

Das "Paris des Nordens" nennen Einheimische ihre Stadt. 6500 Studenten, vielen Kneipen und Geschäften sowie der angeblich nördlichsten Brauerei der Welt ist diese Einschätzung zu verdanken. Und: In Tromsø stehen die letzten Ampeln auf den nächsten (und nördlichsten) 900 Kilometern norwegischen Bodens. Franzosen würden da wohl verwundert eine Augenbraue heben. Das "Tor zur Arktis" ist der passendere Beiname für die Stadt, von der aus Fridtjof Nansen und Roald Amundsen ihre Polarexpeditionen begannen. Vergleiche mit irgendwelchen Metropolen hat sie ohnehin nicht nötig: Mit den bunt gewürfelten Holzhäusern auf der Stadt-Insel Tromsøya und auf dem Festland jenseits des Tromsøysundes, den eine über einen Kilometer lange Brücke überspannt, und mit dem märchenhaften Lichterglanz, der in die frühe Dämmerung des Winters scheint, hat sie ihren ganz eigenen Reiz.

Im Hafen liegen russische Schiffe, die hier repariert werden, neben Fischerbooten. Schwarzes Wasser schwappt an die weiße Kaimauer. Vor der Landungsbrücke des Frachtschiffs bremst ein Taxi. Die Ladeklappe schlägt zu, ein paar Passagiere gehen an Bord, der Steg wird eingezogen. Und schon verschwinden die Lichter von Tromsø in der Dunkelheit.

Bei der Gründung der Linie vor gut 100 Jahren hatten die Schiffe der Hurtigrute die Aufgabe, Güter, Post und Personen entlang der norwegischen Küste zu transportieren. Heute erwirtschaften die beiden Reedereien, die die elf Schiffe betreiben, 60 Prozent ihres Umsatzes mit dem Tourismus: In der Hauptsaison zur Zeit der Mitternachtssonne sind die Schiffe regelmäßig ausgebucht. Daher subventioniert der Staat die Linie jetzt nur noch während der Wintermonate, wenn die meisten Kabinen leer bleiben. Allein im Winter - der hier etwa Anfang Mai endet -, wenn die Landstraßen Nordnorwegens unpassierbar sind und bei Schneesturm auch die Flughäfen schließen, erfüllt die Hurtigrute noch ihren eigentlichen Sinn: die entlegenen Städtchen jenseits des Polarkreises zu versorgen und mit der Außenwelt zu verbinden. Im Speisesaal ist es dann fast so einsam wie an den Küsten, die links und rechts an den Fenstern vorbeiziehen, die Liegestühle an Deck sind zusammengeklappt und festgebunden, das Be- und Entladen bestimmt den Rhythmus an Bord. Etwa alle drei Stunden läuft das Schiff einen Hafen an, so dass sich die Passagiere nicht langweilen müssen. Zwischendurch gibt es einiges zu tun: Auf Deck durch den Schnee laufen. Die Berge der Lyngsalpen betrachten und Inseln zählen. Sich wieder aufwärmen und dann von vorne beginnen.

Die Suche nach dem Ende der Welt beschäftigt Reisende in dieser Gegend seit jeher. Pietro Negri, ein Priester aus Ravenna, konstatierte 1664 nach dreijähriger Reise: "Hier, am äußersten Zipfel der Finnmark, wo die Welt zu Ende ist, hört auch meine Sehnsucht auf, und ich kehre zufrieden nach Hause zurück." Wer wollte das nicht? In Honningsvåg auf der Insel Mageroya ist man dem Weltenende nahe. Im Sommer herrscht hier auf der Straße zum Nordkap lebhafter Verkehr, so dass zwischen Parkplatz und der postmodern anmutenden Nordkap-Halle mit Kino und Souvenir-Supermarkt nicht viel zu spüren ist vom Abenteuer früher Weltreisen. Von Oktober bis Mai aber ist die Straße auf den letzten 13 Kilometern gesperrt. Nur mit Schneeraupe oder Schneescooter ist der nördlichste Punkt Europas zu erreichen. Auf dem Weg über das Bergplateau kann man nun im Ansatz nachvollziehen, wie sich die ersten Polarforscher gefühlt haben müssen. Der Wind tost, der Schnee liegt meterhoch, kein Baum und kein Strauch stört den Blick gen Nordpol. Allerdings ist er noch sichere 2080 Kilometer entfernt. Nur das Modell der Weltkugel erhebt sich aus der Ödnis, und wer es im Schneetreiben bis dorthin und zurück geschafft hat, weiß, dass die Arktisreisenden früherer Jahrhunderte entweder übergeschnappt oder Märtyrer im Dienst der Wissenschaft gewesen sein müssen - unvorstellbar, bei solcher Witterung Monate oder gar Jahre unterwegs zu sein.

Dabei ist es in den umliegenden Gemeinden sogar recht gemütlich. Der wärmende Golfstrom hält die Küste Nordnorwegens eisfrei und beschert der Gemeinde Nordkap Temperaturen, die rund 20 Grad über den auf diesem Breitengrad üblichen liegen. Minus fünf Grad beträgt die Durchschnittstemperatur im Winter, im Sommer wird es hier, 150 Kilometer nördlich der Baumgrenze, im Schnitt sogar zehn Grad warm. 3500 Menschen leben in Honningsvåg und in den umliegenden vier Fischerdörfern. Auf dem 71. Breitengrad liegt die örtliche Tankstelle. Die Eingänge der Häuser sind erhöht und somit auch bei hohem Schnee begehbar, und jeder hat Petroleumlampen, Kerzen und Essen für drei Tage im Haus für den Fall, dass ein Orkan aufzieht. Denn dann versinkt die stille Schönheit der Landschaft in wütendem Brausen, Felsbrocken fliegen umher und niemand wagt sich mehr nach draußen.

Im Herbst wird Schellfisch gefangen, im Winter Dorsch, im Sommer kommen Seelachs und nach Mitternachtssonne dürstende Touristen. Und die Rentiere der Samen, der ursprünglichen Bevölkerung der Finnmark. Knapp 4000 Rentiere weiden im Sommer auf den Hügeln der Insel Mageroya, den Winter verbringen sie auf den Hochebenen des Festlands. Aber auch in der dunklen Jahreszeit sind Tiere da: Schneehasen, Wiesel, Nerze und Lemminge. Doch die lassen sich kaum blicken. Stattdessen sieht man Schnee, Menschen, die auf anmutigen Tretschlitten ihre Einkäufe erledigen, und warmes Licht, das aus roten, gelben und weißen Holzhäusern hinaus in die Kälte scheint.

Von Ende November bis Ende Januar dauert die Polarnacht. Wenn die Sonne zum ersten Mal wieder über den Horizont steigt, wird am Nordkap - wie überall nördlich des Polarkreises - ein Sonnenfest gefeiert. Die Kinder haben schulfrei und malen sich Sonnen in die Gesichter, das Lebensgefühl aller schnellt in die Höhe. Von da an geht es zügig voran, schon einen Monat später bleibt es bis zum frühen Nachmittag hell. Dann erst versinkt die Sonne in dramatischen Farben und färbt die tief verschneite Landschaft golden, orange und hellblau, die Dämmerung ist lang und atemberaubend. Und da scheint es gar nicht mehr unmöglich, hier zu leben, auch wenn die Einwohner glaubhaft versichern, im Winter sei ihr Leben ziemlich ruhig.

Im Hafen von Kirkenes, der Stadt abseits des Golfstroms und nahe der Grenzen nach Russland und Finnland, schwimmen Eisschollen. In harten Wintern können hier die Fjorde zufrieren, und auch im Sommer sind Schneestürme nicht unbekannt. Kirkenes ist der Wendepunkt der Hurtigrute, von hier aus geht es über 34 Häfen zurück nach Bergen. Vorher lohnt es sich, das Schiff zu verlassen. Zwar stehen in Kirkenes - wie so häufig in Nordnorwegen - nur Gebäude, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut wurden. Denn auch diese Stadt, die vor rund 100 Jahren zwecks Abbaus ihrer Eisenerzvorkommen gegründet wurde, wurde von Deutschen auf dem Rückzug völlig zerstört. Doch ihre Lage und die Umgebung sind von solcher Schönheit, dass die architektonischen Sünden aus den 50er Jahren durchaus lässlich erscheinen. 1996 wurde die Mine geschlossen; seither erinnern nur noch ein paar auf stillgelegten Eisenbahnschienen herumstehende Loren an die industrielle Vergangenheit. Auf verschneiten Seen sausen Schneescooter umher, die Flüsse rahmen Eiszapfen, man glaubt den Frost klirren zu hören. Nachts tanzen die grünlichen Schatten des Nordlichts über den Himmel.

Bis Murmansk sind es noch 250 Kilometer, aber von der Grenze aus kann man schon mal einen Blick aufs russische Boris Gleb werfen, eine kleine Siedlung mit samischer Kapelle. Erst spät wurden hier Grenzen gezogen; noch im 19. Jahrhundert zogen Nord-, Süd- und Lulesamen am nördlichen Ende Europas nach Belieben umher. Die Staatsgrenzen und die Unterdrückung der samischen Kultur machten dem ein Ende. Obwohl sie mittlerweile ein eigenes Parlament haben und ihre Traditionen wiederzubeleben suchen, tragen Samen folkloristische Kleidung heute nur noch für die Touristen. So ist Kirkenes heute Grenzstadt in jeder Hinsicht: Zwischen drei Ländern, zwischen den Zeitzonen Helsinki und Moskau, zwischen wilder Natur und zahmer Zivilisation mit Satellitenschüsseln. Der Schnee glitzert, der Fjord leuchtet unwirklich blau. Wer weiß: Vielleicht ist dies nicht das Ende der Welt. Sondern ihr Anfang.

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