Zeitung Heute : Reise der Woche: Zurück in die Urzeit

Gerald Penzl

Der Auftakt unserer Tour ist wenig abenteuerlich. Seit zehn Stunden sitzen wir nun im Jeep und fahren in Richtung brasilianische Grenze. Begonnen hatte der Trip in die versunkene Welt der Tepuys in Ciudad Bolivar. Von Venezuelas schmucker Kolonialstadt am Ufer des Orinoco aus ging die Fahrt vorbei an den rauchenden Schloten der Schwerindustrie-Metropole Ciudad Guayana nach Upata. Auf dieses letzte Zeichen urbaner Zivilisation folgten Rinderweiden, Bananenplantagen und ab und an kleine, wie für Western-Filme gemachte Dörflein. Mit El Dorado schließlich begann der Dschungel. Dieser vom Namen her Glück und Reichtum versprechende Ort entpuppte sich als windschiefes Goldgräbernest mit einer Handvoll Kneipen, streunender Hunde und einem riesigen Knast. Berühmtester Insasse darin war - Literatur-Fans wissen es - Henry Charrières Teufelsinsel-Flüchtling Papillon.

Jetzt, rund 400 Kilometer hinter Ciudad Bolivar, ist La Escalera erreicht. In engen Serpentinen windet sich die Piste auf das 1200 Meter hohe Plateau der Gran Sabana. Höher und höher schraubt sich der Sechszylinder aus der grünen Pflanzenmasse des Urwalds dieser grandiosen, von Tafelbergen, Flüssen und Wasserfällen durchwirkten Graslandschaft entgegen. Mit einbrechender Dunkelheit sind wir am Ziel. "Bienvenidos a San Francisco de Yuruaní", empfängt uns ein Schild am Ortseingang der Pemones-Indianer-Siedlung. Das klingt freundlich und ist auch so gemeint. Wer wie wir den 2875 Meter hohen Roraima besteigen will, startet in der Regel von hier aus. Und heuert die Pemones als kundige Führer und Träger an.

Unser Verhandlungspartner hierzu ist Vasillo. Dieses drahtige Kerlchen - wegen seiner Liebe zu Timberland-Produkten von allen nur Timbi genannt - erweist sich als knallharter Geschäftsmann. Getreu dem Motto: Das Kriegsbeil ist begraben, der weiße Mann nur noch zum "Geldabknöpfen" da, zockt er uns mit seinen Preisen im wahrsten Sinne des Wortes ab. Als wir den Deal perfekt glauben, legt er das Trumpf-Ass der Ausgekochtheit auf den Tisch. Ob vetternwirtschaftliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme oder nicht, jedenfalls fragt er uns, wer denn für uns kochen solle. Auf unser Achselzucken wiegt er den Kopf, überlegt, grinst verschmitzt und schiebt uns seine eigene Mutter als Herrin über Herd und Trekking-Küche unter.

Mit den ersten Sonnenstrahlen sortieren wir die Ausrüstung. Von Abfalltüten über Zahnpasta und Zelte bis hin zum Notruf-Sender wird das Equipment auf fünf Träger und sechs Trekker verteilt. Die Tour auf den Roraima beginnt. Sechs Tage haben wir veranschlagt. Der erste jetzt ist ein bequemer Spaziergang durch Savanne und Wald. Am späten Nachmittag treffen wir im Parai-Tepuy-Indianerdorf ein. Timbi, jetzt ganz der Manager, lässt die Zelte aufschlagen, Wasser holen und Feuer machen. Dann verschwindet er in einer der Hütten und schleppt einen Berg von Fleischwaren an. Flugs wird der Grill entfacht.

Nach dem Frühstück schon zeigt das Thermometer schweißtreibende Temperaturen an. Baum- und schattenlos, windet sich der Pfad durch schütteres Buschwerk, Gras und ausgedörrte Erde. Wir marschieren und marschieren. Die gute Laune trübt das nicht. Im Gegenteil. Wir genießen das "Wir-Gefühl", begeistern uns an der schlichten Schönheit der Landschaft und berauschen uns an den beiden Tafelberg-Kolossen Roraima und Kukenán.

Gegen 15 Uhr kommt der Rio Kukenán in Sicht. "Zum Glück", konstatiert Timbi, "hat es in den letzten Wochen kaum geregnet. Sonst hätten wir durch den Fluss schwimmen müssen. Kein Vergnügen bei der Ausrüstung." Am anderen Ufer greife ich zu den Gurten, löse die Schnallen und der mir vor zwei Wochen im heimischen Trekking-Shop als letzter Schrei des biomechanischen Trage-Komforts hochgejubelte Rucksack rauscht den Gesetzen der Schwerkraft gehorchend zu Boden. Im Nu bin ich aus den Klamotten und im erfrischenden Nass.

Diktatorische Priester-Regenten wie sie die Mayas, Azteken und Inkas hatten, kannten die Indianer der Gran Sabana nicht. Auch keine himmelstürmenden Tempelanlagen, keine blutrünstigen Götteropfer und auch keine gewaltigen Stadt-Staaten. Ihre Dörfer hat der Zufall in die Savanne gewürfelt. Tages- und Wochenmärsche entfernt, hatte jeder Stamm seine eigene Sprache, seine eigene Kultur und seine eigenen Hexen und Zauberer. Gemeinsam war nur die Angst vor den Tepuys. Die Tafelberge galten als Hort des Grauens und der bösen Geister. Kein Indianer hätte freiwillig seinen Fuß auf einen dieser Klötze gesetzt. Einzig Liebesschmerz, Gerichtsurteil oder Stammesfehde trieben ihn dort hoch. Vom Gipfel aus, so dass Gesetz der Savanne, blieb dem Armen nichts, als sich in die Tiefe zu stürzen. Mystische Todesvögel trugen die Leichname dann auf Nimmerwiedersehen fort.

Von all dem wissen "unsere" Träger nichts. Nur allzu gründlich wurden sie zunächst von den Spaniern und später von nordamerikanischen Bibelsekten "zivilisiert". Und so preschen sie anderntags unbekümmert Richtung Tepuy. Der Trail wird steiler. Der Roraima, in der Indianer-Sprache "Mutter aller Wasser", setzt sich mit sprudelnden Quellen und kleinen Tümpeln in Szene.

Es kommt, wie es kommen musste: Nachts hatten die Regengötter den Himmel voller Schleusen gehängt und machen sich jetzt einen Spaß daraus, sie aufzudrehen. Der Roraima in seiner bombastischen Wucht zum Greifen nah, präsentiert sich als wolkenumtobtes, blitzdurchzucktes, steingepanzertes Schlachtschiff, das uns wohl sagen will: Bleibt mir vom Leib. Wir ignorieren die Warnung und gehen weiter. Oberhalb des Campamento Base verwandelt sich der steile Pfad in klebrigen Morast. Bis zu den Waden im Schlamm hangeln wir uns weiter. Nach 300 Höhenmetern verschluckt uns der Nebelwald. Dumpf und dunkel, voll geheimnisvoller Düfte und Töne, krallt sich ein ganzer Garten Eden exotischer Biomasse an Ästen, Wurzeln und Stämmen fest.

Paso de las Lágrimas, Tränenpass: Das Finish ist an Dramatik kaum zu überbieten. Wie komponiert, leuchten 1500 Meter tiefer die sanft gefalteten Hügelketten der Gran Sabana. Direkt vor uns dagegen, wie aus einem Stück gehauen, 500 Meter himmelwärts stürmender Fels. Sturzbäche - die Tränen des Berges - schütten sich über uns aus. Schwindelerregend klebt eine Geröllrampe als Aufstieg an der Wand. Hier hinauf? Timbi greift in die Psycho-Kiste. "Das", so motiviert er uns, "hat ein Achtzigjähriger in drei Stunden geschafft!" Nass bis auf die Haut, treibt uns sein Ansporn hoch und höher.

Was für die Archäologen die Akropolis in Athen ist, sind für die Biologen die Tepuys. Rund 120 dieser Tafelberge sind in der Gran Sabana zu finden. Sie sind Zeugen einer Zeit, da die Erde nur von Einzellern bewohnt und Afrika zusammen mit Südamerika noch einen Kontinent bildete. Über 1,7 Milliarden Jahre, schätzt die Forschung, haben diese von Algen und Flechten schwarzgefärbten Sandsteingiganten auf dem Buckel. Der höchste in Venezuela ist der Roraima. Mit 65 Quadratkilometern flunderflacher Dachform zählt er freilich noch zu den Taschenausgaben dieser Spezie. Absoluter Star im Reigen der Tepuys ist der 200 Kilometer Luftlinie entfernte Auyan-Tepui. Zwar "nur" 2400 Meter hoch, wartet er mit 700 Quadratkilometern Plateau und dem rund 1000 Meter tiefen Angel-Fall als weltgrößten Wasserfall auf.

Geschafft! Allen Wettern zum Trotz haben wir den Gipfel erreicht. Unsere Augen baden im Urgrund der Erdgeschichte. Flechtenähnliche Pflanzen wuchern am Boden, die endemisch, nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sind. In kleinen Tümpeln hocken schwarze, fingerkuppengroße Frösche. Gigantische, von Wind und Wetter in Millionen Jahren modellierte Felsformationen beflügeln die Fantasie: Ähnelt der Stein dahinten nicht einem riesigen Menschenkopf? Sieht jenes Gebilde nicht aus wie ein Turm übereinander geschichteter Pfannkuchen? Was hält dieses gut 30 Meter hohe Gebilde überhaupt zusammen? Fletschen nicht rechts davon zwei Steinzeit-Saurier die Zähne. Haben sie Sir Arthur Conan Doyle erspäht? Jenen berühmtem Sherlock-Holmes-Autor, der Ende des 19. Jahrhunderts "The Lost World" schrieb, eine Fantasy-Geschichte, die dem Roraima einen schaurigen Dino-Park andichtete.

Unter einem Felsvorsprung stehen uns bevor. Zwei Tage Entdeckungskurs stehen auf dem Plan. Und es gibt viel zu entdecken: Das Gran Laberinto del Norte, ein zehn Quadratkilometer großes Potpourri aus Zinnen und bis zu 50 Meter tiefen Spalten. Das Valle de los Cristales, ein Spiegelkabinett aus Wasser- und Bergkristallen. Das Amphitheater. Und natürlich La Ventana, jener abgrundtiefe, schmierseifenglatte Felsen, vom dem so mancher Adrenalin-Junkie schon mit dem Gleitschirm abgesprungen sein soll...

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