Zeitung Heute : Reise in die Gegenwelt

Dauersprint durch fünf Staaten Asiens, Wirbelsturm widersprüchlichster Eindrücke – und Joschka Fischer lernt, was Dialektik ist

Robert von Rimscha[Lahore]

Endlich, am zehnten Tag seiner Reise quer durch Asien, erreicht Joschka Fischer sein Ziel. Der Außenminister schiebt sich auf steilen, ausgetretenen Stufen drei enge Treppenhäuser empor, dann noch eine Stiege, dann hat er das Dach erklommen und das Panorama vor sich.

Rechts der Palast mit den verspiegelten Schlafgemächern der Mogulen, jener Herrschersitz, der später ein britisches Fort wurde. Links daneben die Badschahi-Moschee mit ihren vier roten Minaretten und dem Gebetsplatz für 70 000 Menschen. Dazwischen der marmorne Tempel der Sikhs.

Es ist Donnerstag, der 22. Juli, spätabends in Lahore, dem geistigen Zentrum Pakistans. Die Kultstätten sind goldgelb angestrahlt und greifen elegant in den dunstigen Nachthimmel. Fischer steht auf dem Dach des Restaurants „Coco’s Nest“ am Rand der chaotischen Altstadt Lahores und lässt den Blick wandern. Hin und her. Ein majestätischer Anblick. Und wieder hin. Und wieder her. „So ähnlich muss das alte Bagdad ausgesehen haben“, denkt er laut. Er sieht etwas Originales, etwas vollkommen anderes, den Gegenpunkt zu seiner Welt.

Eine Fernsehkamera steht bereit für Fischer. Doch der Minister lehnt es ab, ein Interview zu geben. Ein einziges Mal will der Schnellverarbeiter vermeiden, dass die Bewertung den Eindruck überholt. Ein einziges Mal will er glauben können, unverstellt Asien zu sehen, hier das islamische Asien. Ein einziges Mal will auch ein westlicher Minister im Dauersprint durch fünf Staaten Asiens an die Authentizität des Eindrucks glauben. Schließlich hat er schon genug Eindrücke nur durch Panzerglasscheiben, Gerüche nur durch Beschreibung, Bewertungen nur durch Diskussionsbeiträge intellektueller Gesprächspartner mitbekommen. Was Fischer nicht von der einordnenden Bewertung abhält.

Nach einem guten Tag im ultramodernen Peking, wo die Gattung des Rad fahrenden Chinesen inzwischen ausgestorben ist, nach einem knappen Tag in Bangladeschs Hauptstadt Dhabi, wo das Überleben im Verkehr gleich unmöglich erscheint wie das Überleben von 130 Millionen Menschen in einem Land der Größe Bayerns und Baden-Württembergs, wo also das stete Ansteigen der Flüsse nur eine fatalistische Chiffre für das nationale Schicksal des drohenden Ertrinkens zu sein scheint, nach einer Visite im instabilen Nach-Bürgerkrieg Sri Lankas, nach Kurzaufenthalten in Chefin und Mumbai, dem alten Madras und Bombay, wo indisches Selbstbewusstsein dem der Chinesen in nichts nachsteht – nach diesem Wirbelwind von Eindrücken also hat Joschka Fischer einen Begriff gefunden: Dialektik.

Fischer variiert das Wort. Dialektik der Aufklärung, des Fortschritts, der Entwicklung, der Globalisierung – all diese Paarungen probiert er aus. Die Ehrlicheren in seiner Begleitung tuscheln ihren Nachbarn zu: „Was war das nochmal mit der Dialektik?“ Ach ja, dieses Ding mit These, Antithese, Synthese. Diese Theorie über die Akzeptanz der Widersprüchlichkeit. Dieses Gedankengebäude, das es erlaubt, die Zerrissenheit zu sehen und dennoch auf einen Nenner zu bringen. Welche Widersprüchlichkeiten? Viele, zu viele.

„Wir züchten unsere eigene Konkurrenz heran“, sagt ein Delegationsmitglied. China und Indien schaffen um die zehn Prozent Wachstum. Ist das nicht genug Masse, um im Lande selbst ein wenig zu verteilen? Braucht China noch Entwicklungshilfe? Deutschland zahlt sie.

Gefragt sind die Eliten der Schwellenstaaten. In Chennai diskutiert Fischer mit Intellektuellen. Vor allem die Älteren sagen ihm, Globalisierung sei Amerikanisierung, und Amerikanisierung stehle Identität. Die Jüngeren, vor allem Unternehmer, sehen es ganz anders. Globalisierung sei eine Chance, und niemand nutze sie besser als sie selbst. Tags drauf wird die deutsche Delegation zunächst eine vom indischen Bund an den Einzelstaaten vorbei errichtete Eliteuniversität und dann ein Wasserprojekt für die arme Landbevölkerung besuchen. Vor allem die Parlamentarier, die im Fischer-Tross unterwegs sind, stellen sich parteiübergreifend die Frage: Wir Westler lassen uns von den hiesigen Eliten als postkoloniale Neoimperialisten beschimpfen, und gleichzeitig müssen wir beim Bau von Sickergruben helfen? „Das Wort Verantwortung für die eigene Bevölkerung hören die hier nicht gern“, sagt einer. Fischer selbst weist auf Kulturunterschiede hin. Damit meint er wohl: Eliten in China oder Indien haben sich seit 5000 Jahren daran gewöhnt, das Elend der eigenen Massen nicht als moralische Infragestellung ihres Wohlstands zu begreifen. Jetzt, wo es den Massen immer besser geht, erst recht nicht.

Das ist die Problematik der asiatischen Elite. Und dann gibt es noch die Widersprüchlichkeit der westlichen Wahrnehmung. In Dhaka stapft Fischer durch den stinkenden Morast eines Slums. Er sieht es als kamerawirksamen Besuch bei den Ärmsten der Armen. Nur sind das eben nicht die Ärmsten der Armen. Deutsche Ärzte unterhalten hier einen Behandlungsraum, es gibt Zisternen für sauberes Wasser, gleich gegenüber liegt die Schule, und fast alle Hütten haben Strom. Unter den Wellblechdächern läuft das Cricket-Spiel Bangladesch–Sri Lanka. Nationalsport, hierzulande. Zigmal hat Fischer erklärt, dass Globalisierung nicht so laufen könne, dass wir im Westen den Ärmeren verbieten, nach Fernsehgeräten, Kühlschränken und Autos zu streben. Doch genau dieser Verbotsimpuls ist noch da. Wenn das Fernsehen im Slum von Dhaka als Unterwerfung unter die Illusionsindustrie gewertet wird, wenn Fischer in jenen, die fernsehen, Opfer sieht. Da versagt der Alleserklärer aus dem Auswärtigen Amt.

Und noch ein Widerspruch. Hier, in Asien, gibt es noch den Westen. Europa und Amerika, zusammen. Fischer merkt dies vor seinem Aufstieg auf das Dach des „Coco’s Nest“, als er im Hause seines pakistanischen Kollegen zum offenen Gespräch zusammentrifft. Da gesteht ihm eine Publizistin, emotional sei es für einen Moslem eigentlich unmöglich, das Existenzrecht Israels anzuerkennen. Ganz egal, was die Ratio dazu sagt. Solche Worte schweißen Europa und Amerika zusammen. Auch zuvor in Chennai, beim Podiumsgespräch mit den Intellektuellen, hatte Fischer bereits Amerika verteidigt. Nicht in seinen Aktionen. Aber in seiner Funktion als Ziel, das Milliarden anstreben. Als Ort der Ausbildung für die Kinder. Als Mittelklasse-Leben, das man auch gern hätte. Deshalb reagiert Fischer zurückhaltend, wenn in Asien das alte Europa gelobt wird, das den USA in Sachen Irak so tapfer die Stirn geboten habe.

Derlei interessiert Fischer aber weniger als das Zusammenspiel der asiatischen Boom-Wirtschaften. Denn dies verändert die Welt dramatisch. China saugt Indien mit nach oben. Und kauft und kauft und kauft, vor allem Energie. Handelsströme kehren sich um. Jedenfalls wartet hier in Asien niemand auf den Erfolg innerer Reformen in Europa. Niemand braucht Europa. Asien ist sich, mit Amerika als Stachel, selbst genug.

Vor drei Minuten ist Joschka Fischer die engen Stufen des „Coco’s Nest“ wieder herabgestiegen. Oben aufs Dach hinsetzen durfte er sich nicht. Wegen der Sicherheit. Zwar hatten die einheimischen Geheimdienstler jedes Polsterkissen mit ihrem Metalldetektor auf Unerwünschtes überprüft und unter jeden Tisch einen Spiegel gehalten, auf dass nicht irgendwo eine Bombe klebe. Dennoch. Es fehlt der Fluchtweg, es ist eng hier oben, von jedem Nachbardach könnte ein Attentäter herüberschießen. Also setzt sich Fischer an keinen Tisch. Genießt 20 Minuten Authentizität im Stehen.

Als er gegangen ist, gehen die Lichter der Moschee und des Forts aus. Der Sikh-Tempel erstrahlt noch länger. In der deutschen Delegation wird später gewitzelt, da habe wohl die Botschaft hervorragende Kontakte zum städtischen Amt für die Beleuchtung der nationalen Kulturdenkmäler spielen lassen.

Es ist ein Witz. Vielleicht ist es auch wahr. Niemand weiß das genau. Denn so ist Asien eben. Niemand weiß, ob er sieht, was ist. Oder nur, was gezeigt werden soll. Oder was er selbst sehen will.

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