Zeitung Heute : Reise mit Kishon

Köhler ist in Israel. Doch die Israelis begehen ein anderes nationales Ereignis: eine Beerdigung

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Der Bundespräsident besucht Israel. Was erwartet ihn da?

Hätte Kishon in seinen letzten Monaten noch geschrieben, der neue Flughafen, auf dem Horst Köhlers Maschine landete, hätte ihm reichlich Stoff für eine Realsatire geliefert: Die Eröffnung hat sich um fünf Jahre verzögert und beim Bau wurden sowohl die Heizung als auch die Uhren vergessen. Als der Bundespräsident in Tel Aviv landete, wurde für Ephraim Kishon gerade die Trauerfeier gehalten.

Ein Staatsbesuch eines deutschen Bundespräsidenten in Israel war und ist etwas Besonderes. Auch der von Horst Köhler, 40 Jahre nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen. Doch einzig die Kontroverse über Köhlers Rede vor der Knesset vermag in Israel das Interesse der Öffentlichkeit wirklich zu fesseln: Nicht so sehr der Inhalt, sondern die Tatsache, dass er sie auf Deutsch hält – genauso wie sein Vorgänger Johannes Rau.

Israel ist an diesem ersten Februartag, zu Beginn des Staatsbesuches, mit unzähligen anderen Themen beschäftigt. Köhlers Besuch macht deshalb keine Schlagzeilen. Die Beerdigung Ephraim Kishons, des bekanntesten und populärsten Israelis in Deutschland, bildet an diesem Tag das nationale Ereignis.

Der begnadete Humorist und bedingungslose Patriot hatte sich bis vor zweieinhalb Jahren beklagt, dass er in seinem eigenen Land von der linken Kultur- und Medienelite ignoriert werde, während er doch der beste Botschafter seines Landes sei. Dann erhielt er den Staatspreis. Und nun bedauerte sein bester Freund, der bisherige Justizminister und heutige Oppositionsführer Ephraim „Tommy“ Lapid, dass Kishon die Trauerfeier nicht selbst miterleben könne – wie er es sich augenzwinkernd immer gewünscht hatte. Kishon hätte gesehen und gehört, wie man ihn auch in Israel, nicht nur in Deutschland, geliebt und geschätzt habe – trotz allem.

Köhlers Besuch in allen Ehren: Er schafft es nur auf die hinteren Seiten der Zeitungen, wenn überhaupt, und dann auch nur bestenfalls als Kurzmeldung. Der für Beginn nächster Woche angekündigte Antrittsbesuch der neuen amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice schlägt Wogen.

Sie kündigte Ariel Scharons Berater Dov Weisglass an, dass sie keineswegs nur Forderungen an die palästinensische Seite habe. Im Gegenteil. Israel habe dafür zu sorgen, dass die Palästinenser ein durchgehendes Territorium im Westjordanland erhalten, um dort und im Gazastreifen endlich ihren eigenen Staat errichten zu können.

Wichtigste Vorbedingung für eine Verhandlungslösung und auch einen koordinierten Rückzug aus dem Gazastreifen bildet die Waffenruhe. Nach einigen relativ ruhigen Tagen ist aber im Konflikt mit den Palästinensern die Gewalt wieder zurückgekehrt.

Während die Palästinenser wieder hoffen dürfen, sehen die israelischen Siedler an diesem 1. Februar nur dunkle Gewitterwolken aufziehen. Nicht nur, dass nach den sommerlichen Temperaturen der vergangenen Tage von 26 Grad im Schatten nun der Winter zurückgekehrt ist. Auch ihre Hoffnungen darauf, die von der Regierung Scharon beschlossenen Siedlungsräumungen zu verhindern, sind dramatisch geschwunden. Die Siedlerführung droht nach der missglückten Großdemonstration nun mit einem Hungerstreik „bis zum bitteren Ende“ – und Scharon ist dies bisher nicht einmal eine Stellungnahme wert.

Bitter ist dieser erste Februartag nicht nur für die Siedler im Gazastreifen, sondern für alle. Ab jetzt ist nämlich eine exakte Herkunftsbezeichnung für alle Exportgüter in den EU-Raum Pflicht – durchgesetzt nach vierjährigen Verhandlungen durch die Europäische Gemeinschaft. Für Siedler-Produkte gibt es keine Zollermäßigungen mehr, der Eurohahn ist für sie praktisch zugedreht.

Israel ist mit sich selbst beschäftigt. 40 Jahre nach Beginn der diplomatischen Beziehungen mit Deutschland.

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