Zeitung Heute : Reisebekleidung: Tropenhelme sind nicht zu empfehlen

Frau Osthues[was ist ein Stutzer?]

Ingrid Osthues betreibt in Hamburg Deutschlands einziges Spezialgeschäft für Marine- und Tropenbekleidung: "Ernst Brendler". Ihr Urgroßvater hat die Firma 1879 als Uniformschneiderei gegründet. Franz Lerchenmüller hat sie besucht.

Frau Osthues, was ist ein Stutzer?

Ein Stutzer ist ein kurzer Marinemantel, der von den Unteroffizieren früher auf den Segelschulschiffen getragen wurde, eine warme Jacke aus Tuch, mit der man handiger arbeiten konnte.

Haben alle Ihre Kleidungsstücke so ungewöhnliche Namen?

Wir führen Klapphosen - Marinehosen, die vorn eine Klappe statt eines Schlitzes haben - und Troyer - warme Wollpullover mit Reißverschluss -, Matrosenblusen und Finkenwerder Fischerhemden. Oder nehmen Sie die klassische Prinz-Heinrich-Mütze ...

die Helmut Schmidt immer aufhatte?

Natürlich nicht. Herr Schmidt trug eine Helgoländer Lotsenmütze. Die Prinz-Heinrich-Mütze hat mein Großvater im Kieler Yachtclub zusammen mit Prinz Heinrich, dem Bruder Wilhelms II., entwickelt. Nicht zu verwechseln auch mit dem Elbsegler, der traditionellen Mütze der Lotsen und Schlepperkapitäne auf der Elbe.

Nun führen Sie aber auch Tropenbekleidung. Wer, bitteschön, unter Hamburgs Bürofachkräften braucht heute einen leichten Tropenanzug?

Ganz normale Geschäftsleute, die morgens nach Singapur oder Venezuela fliegen. In einem normalen Tuchanzug würden die dahinschmelzen.

Aber in die Safarijacke schlüpfen die nicht.

Wer auf Safari geht, braucht eine Jacke, die das Gewehr hält, die farblich unauffällig ist, atmungsaktiv und leicht. Sie muss Taschen haben, in denen er alles Notwendige unterbringen kann: Patronen, Filme, Notizblöcke. Auch Archäologen nehmen die Safarijacke gern, weil soviel in die Taschen passt.

Ich habe eine Weste mit zehn Taschen, die außerdem ganz klein zusammenzuknüllen ist und nicht knittert. Gewonnen?

Der Vorteil der Safarijacke liegt in den Materialien. Nur Leinen oder Baumwolle lassen Schwitzwasser durch und verdunsten es nach außen. In Ihrer Jacke aus Kunststoff oder Gemisch schwitzen Sie sicher wie in einer Plastiktüte.

Und obendrauf dann den Tropenhelm, um mich vollkommen lächerlich zu machen?

Wir haben zwar einen Tropenhelm, aber von dem raten wir Reisenden ab. Ein leichter Baumwollhut ist besser. Den Tropenhelm führen wir nur für Film- und Fernsehproduktionen.

Und warum sehen die Illustrationen in Ihrem Prospekt so aus, als seien sie geradewegs aus den vierziger Jahren übernommen?

Es sind die sechziger. Aber ganz gezielt, denn es beweist: Marine- und Tropenkleidung sind nicht der Mode unterworfen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar