Zeitung Heute : Reisen durch China: Freie Fahrt für die Fremden

Harald Maass

Die Bahnhofsvorsteherin von Turpan, einer kleinen Oasenstadt im Westen Chinas, hätte wohl eine gute Gefängniswärterin abgegeben. In dunkelblauer Uniform, die Haare im strengen Dutt zusammengebunden, marschiert sie durch die Reihe der Wartenden. In der rechten Hand der mittelalten Dame schwingt ein Holzstock, der immer dann auf eine Schulter oder ein Knie niedersaust, wenn einer der Fahrgäste durch den Druck der Menschenmenge durch die Absperrgitter nach vorne gedrängt wird. "Weg da", raunzt sie einen stoppelbärtigen Bauern an, der seine Habseligkeiten in einem Reissack aus Plastik auf dem Rücken schultert. Dann ertönt ein Signal. Wie eine Schleuse öffnen sich die riesigen Metallgitter. Hunderte Menschen rennen auf den Bahnsteig dem einfahrenden Zug entgegen.

Es wird eine lange Reise in ein unbekanntes Gebiet. Mehr als dreißig Stunden dauert die Fahrt quer durch die trockene Tarim-Senke und die Taklamakan-Wüste, 1560 Kilometer Richtung Westen. Die Passagiere sind vor allem chinesische Wanderarbeiter, viele tragen noch die blauen Anzüge aus der Mao-Zeit. Ihr Ziel ist die alte Oasenstadt Kashgar, das kulturelle Zentrum der moslemischen Uiguren. Seit vergangenem Jahr ist die Stadt im westlichsten Zipfel zum ersten Mal in ihrer Geschichte mit dem Schienennetz verbunden. Drei Tage dauerte früher die Busfahrt über schlechte, staubige Straßen. Doch viele Uiguren können sich über die schnelle Verbindung nicht so recht freuen. Mit dem Zug kommen nicht nur neue Güter und Geschäftschancen sondern auch jeden Monat Tausende chinesischer Zuwanderer. In Kashgar, der letzten kulturellen Hochburg der Uiguren, fürchtet man, von den Chinesen überrannt zu werden.

Die Luft ist heiß und stickig im Zug. Bis zum letzten Zentimeter sind die Waggons mit Menschen überfüllt, manche schlafen in den Gepäcknetzen über den Sitzen, selbst in der schmutzigen Zugtoilette kauern einige Männer. "Es ist immer noch besser als mit dem Bus", sagt Bauer Jiang, ein kleiner, stämmiger Mann mit zerzaustem Haar. Wie alle Wanderarbeiter hofft er darauf, irgendwo im Westen Chinas eine Arbeit zu finden. "Wahrscheinlich werde ich beim Straßenbau etwas finden", sagt der 23-Jährige. In seiner Heimat in Sichuan habe der Boden nicht mehr viel hergegeben. "Die Regierung steckt jetzt viel Geld in den Westen, da gibt es mehr Arbeit", hofft Jiang.

Ein Abteil weiter hockt eine Gruppe junger Polizisten beim Kartenspielen auf dem Boden. Die jungen Männer in den olivgrünen Uniformen sind Uiguren. Nach ihrer Ausbildung in der Provinzhauptstadt Ürümqi seien sie auf dem Weg zurück in ihre Heimatstädte und Dörfer, berichten sie. "Natürlich ist der Zug gut. Er hilft unserer Regierung, die Wirtschaft in Xinjiang weiter zu entwickeln", sagt der Polizist Hasim. Er spricht fließend Chinesisch, die offizielle Unterrichtssprache an den höheren Schulen und Universitäten in Xinjiang. Die Chinesen seien bessere Geschäftsleute als die Uiguren, sagt Hasim. "Wir müssen in Xinjiang wirtschaftlich aufholen." Fühlt er sich als Uigure oder als Chinese? Der junge Mann drückt die Brust unter der Uniform hervor. "Wir Uiguren sind eine der Minderheiten in China. Unsere Regierung schützt die Minderheiten und hilft uns, unser Land zu entwickeln." Seine Kameraden nicken.

Wenn aus Hass Gewalt wird

Es ist Staatspropaganda, die Uiguren schon als Kinder an den Schulen lernen. In der Realität ist das Zusammenleben der Völker und Religionen in Xinjiang jedoch weit weniger harmonisch. Xinjiang ist Unruheprovinz im chinesischen Reich. Seit der gesellschaftlichen Öffnung des Landes in den achtziger Jahren träumen viele Uiguren wieder von einem eigenem Staat Ostturkestan. Der Widerstand gegen die chinesische Fremdherrschaft wächst. Junge Uiguren, die im ärmlichen Xinjiang keine Arbeit und Zukunft finden, schließen sich radikalen Moslemgruppen an. Ihre Wut entlädt sich immer häufiger in offener Gewalt. Im Februar 1997 kamen in der Stadt Yining bei Straßenschlachten mindestens zehn Menschen ums Leben. Der Aufstand wurde schließlich von der chinesischen Volksbefreiungsarmee niedergeschlagen. Seitdem erschüttern immer wieder Bombenanschläge und bewaffnete Anschläge das Gebiet. Pekings Sicherheitspolizei hält mit einem brutalen Regime, Folter und Hinrichtungen dagegen.

Es ist ein fast verlorener Kampf, den die Uiguren führen. Als Mao Zedong 1949 die kurzlebige Republik Ostturkestan in seine Volksrepublik eingliederte, stellten die Uiguren 75 Prozent der Bevölkerung. Der Große Vorsitzende ließ nicht nur die führenden Moslem-Führer hinrichten, er startete auch einen der größten Umsiedlungsprozesse in der Geschichte Chinas. Mao schickte Millionen Han-Chinesen in den unwirtlichen Westen und investierte riesige Summen zum Bau von Industrieanlagen in Xinjiang. Die Zuwanderungswelle drängte die Uiguren in die Minderheit. In ihrer Heimat stellen sie nur noch 44 Prozent der Bevölkerung.

Kashgar ist eine der letzten Städte in Xinjiang, die bis heute von Uiguren dominiert wird. Wie aus einem anderen Jahrhundert erscheint die alte Oasenstadt bei der Einfahrt mit dem Zug. Links und rechts der Gleise tauchen Pappelbäume aus dem steinigen Wüstenstaub hervor. Schwarzhaarige Kinder in weißen arabischen Trachten, Lehmhäuser und Brunnen zwischen leuchtend grünen Wiesen und Feldern. In den Gassen um die Id Kah-Moschee, dem Basarviertel der Oase, spazieren die uigurische Männer mit langen Bärten und bestickten grünen Hüten zum Gebet. Händler verkaufen kräftig gewürzte Lammspieße, Fladenbrot, Datteln und Feigen. Die Gesichter der meisten Frauen sind verschleiert.

Die Stimmung ist jedoch nur an der Oberfläche so entspannt. Eine überlebensgroße Mao-Statue, die vom "Platz des Volkes" über die Häuser blickt, erinnert auch die Menschen in Kashgar stets an die Macht der Pekinger KP. Als eine Kolonne schwarzer Regierungsautos auftaucht, springen die Menschen zur Seite. Rücksichtslos vertreiben die chinesischen Beamten mit ihren Autohupen die einheimischen Uiguren von der Straße. "Weg da! Platz machen", brüllt eine Megaphonstimme vom Dach eines Polizeiautos.

Über Politik zu reden, ist gefährlich

Die Szene lässt kaum Zweifel, wer hier das Sagen hat. In Xinjiang ist die offizielle Amtssprache Chinesisch, die Straßenschilder sind chinesisch, das Geld ist chinesisch. Sogar die Zeit ist auf Pekinger Vorschrift chinesisch: Obwohl Kashgar mehr als 3000 Kilometer westlich von der chinesischen Hauptstadt liegt, müssen die Bewohner offiziell nach der Pekinger Standardzeit leben - vier Stunden vor ihrer natürlichen Ortszeit.

In Kashgar könnten Uiguren noch nach den alten Traditionen und ihrer eigenen Kultur leben, sagt der Student Nuri. Fünf Gebete jeden Tag seien der Mittelpunkt des Lebens, erzählt er. Die Beine verschränkt sitzt der 19-Jährige im Restaurant und schlürft Taubensuppe - eine Spezialität in Kashgar. Nuri studiert in der Provinzhauptstadt Ürümqi Englisch, für die Ferien ist er mit dem Zug in seine Heimatstadt Kashgar zurückgekehrt. "Ürümqi ist eine chinesische Stadt und ziemlich hässlich. Aber dort gibt es Arbeitsplätze", sagt. In Kashgar geben es für junge Leute nichts zu tun. Warum kommen dann die chinesischen Wanderarbeiter? "Die Chinesen machen körperliche Arbeit auf Baustellen. Viele Uiguren wollen diese Jobs nicht." Mehr will Nuri über die Zuwanderung nicht sagen. Über Politik zu reden ist in Xinjiang gefährlich.

Es ist keine einfache Entscheidung, die junge Uiguren wie Nuri treffen müssen. Wenn er in Kashgar bleiben will, muss er die kleine Hutmacherei seines Vaters an der Moscheemauer übernehmen. Wenn er weiter kommen und nach seinem Studium eine gut bezahlte Arbeit finden will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Heimat zu verlassen. "Vielleicht wird es Kashgar wirtschaftlich ja bald besser gehen", hofft er. Die Pekinger Zentralregierung hat in diesem Jahr ein riesiges Investitionsprogramm in den Westprovinzen gestartet, damit diese den Anschluss an die boomenden Küstenprovinzen schaffen. Die neue Zugverbindung bringe mehr Touristen und neue Geschäftschancen in die Oase, sagt Nuri. Deutlich wird das vor allem an den neuen Wohnblocks, die Chinesen in der ganzen Stadt errichten - es sind die gleichen hässlichen Kachelbauten wie überall im Land.

Werden die Uiguren diesmal von den Investitionen profitieren? Nuri überlegt einen Moment, als ob er nicht ganz sicher sei, wie offen er diese Frage beantworten darf. "Die Stadtregierung hat vor kurzem angekündigt, dass sie die Gassen um die Moschee abreißen werde", sagt er vorsichtig. Der alte Basar solle in eine Halle verlegt werden. Das sei moderner und hygienischer, hieß es in der Begründung. Was denkt er darüber? "Die meisten Uiguren sind gegen diesen Plan", sagt Nuri. Der wahre Grund für den Abriss habe nichts mit Modernisierung zu tun. "Wenn sie das wirklich machen, zerstören sie Kashgar."

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