Zeitung Heute : Reisende in Sachen Kunst

REGINA KÖTHE

Eva-Maria Biecker ist Mitarbeiterin der Berliner Interpreten- und Künstleragentur (BIKA) und kommt gerade aus Köln.Dort verhandelte sie mit einer anderen Agentur über eine Kooperation.Nun steht sie im neu bezogenen Büro und zeigt auf das Künstlerregal.Da liegen sie, die Schützlinge der Agentur, jeder hat sein eigenes Fach mit Pressemappe, Fotos und Demokassetten.BIKA gibt es seit eineinhalb Jahren.Anfangs ist Eva-Maria Biecker "mit dem Koffer losgezogen", hat Veranstalter im ganzen Bundesgebiet besucht und ihnen das Material ihrer Solokünstler gezeigt.Dazu gehörten damals unter anderen Gayle Tufts, Rainer Bielfeldt, Michael Frowin und Julia Kock.

"Neugierde wecken, ohne zu bedrängen", das ist ihr Konzept und es scheint aufzugehen.Ihre Erfahrungen, Kontakte und Lebendigkeit machen sie fit für einen Beruf, den sie als ideal für sich einstuft."Ich bin ein Versorger- und Kümmertyp und das ist eine Dienstleistung, die ich mir heute bezahlen lasse." Wie kommt man auf die Idee, in einer Künstleragentur zu arbeiten? "Es hat mich angesprungen." Die kräftige und energische Frau lacht; sie war für Filmproduktionen tätig, hat eine Boutique geführt und dann beim Karma-Theater gearbeitet.

"Künstleragenten sind Makler zwischen Veranstaltern und Künstlern, die mit der Vermarktung künstlerischer Leistung beschäftigt sind." Hinter diesem trockenen Statement von Jens Michow, Vorsitzender des "IDKV - Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft", verbirgt sich ein Bündel an Kompetenzen, welches ein Agent mitbringen muß.Ob klassische Musik, Rock, Comedy oder Schauspiel, ein guter Agent kennt die Szene genau und kann einen Künstler einschätzen.Und er muß die rechtlichen und technischen Finessen der Branche kennen, sonst kann es böse Überraschungen geben, wenn etwa Regreßansprüche geltend gemacht werden.Eva-Maria Biecker arbeitet beispielsweise mit einem Rechtsanwalt zusammen, der alle Verträge überprüft.Das empfindet sie als eine ungeheure Entlastung.Es wirkt sich positiv auf die Verhandlungen aus, weil sie dann vor allem über die Künstler und Programme sprechen kann.

Künstleragenturen befinden sich im Umbruch.Aufgrund der Finanzknappheit von städtischen Veranstaltern und Kulturämtern werden die privaten Veranstaltungen von mittelständischen Firmen oder Großunternehmen für Agenturen immer wichtiger.Ein Beispiel ist Eva-Maria Kaufmann, die seit 1990 eine Agentur in Dresden betreibt.Während sie anfangs vor allem Kammermusiker betreute und Konzerte organisierte, hat sich ihre Künstlerkartei inzwischen auf alle Genres ausgeweitet.Heute plant sie vor allem Gala-Veranstaltungen für Unternehmen oder Ministerien und bietet Beratung zur Programmgestaltung, Künstlerauswahl, Technik, Werbung, Security und Catering an.Solch ein "Fullservice-Angebot" kann sie nur machen, da sie einzelne Bereiche an andere Firmen abgibt, die mit ihr kooperieren.Jens Michow, der selbst Agent war und heute als Rechtsanwalt tätig ist, warnt jeden, der aus Begeisterung für Kunst und Kultur in diese Branche einsteigen will.Der Markt ist bereits überfüllt; für jede Veranstaltung gibt es etwa zehn Mitbewerber."Ich stelle jedem die Frage: Weshalb braucht die Wirtschaft dich?"

Neue Wege ist die promovierte Kunsthistorikerin Birgit Grüßer gegangen, die nach ihrem Studium in der damals neu gegründeten Kultursponsoring-Abteilung von Daimler Benz gearbeitet hat.1991 hat sie sich mit der "Agentur für Kultur, Ökologie und Kommunikation" selbständig gemacht.Seitdem betreut sie Künstler und initiiert Projekte: ein Kurzfilmfestival, eine Reihe für Neue Musik, Ausstellungen.Ihre Auftraggeber sind Museen, Festivals und Stiftungen, die Projektkonzeption, Sponsorenakquise und PR nach außen abgeben."Die Liebe zur Kunst" hat sie Kulturagentin werden lassen.Sie kennt sowohl die Denkstrukturen der Unternehmer als auch die der Künstler und hat sich entschieden, als selbständige Vermittlerin und Koordinatorin tätig zu sein.

Auf dem Gebiet des vor zirka zehn Jahren auch in Deutschland aufkommenden Kultursponsoring ist sie eine hochqualifizierte und versierte Partnerin für Institutionen und Künstler.Gerade im Ausstellungsbereich sind viele Projekte ohne Sponsoring, Sachleistungen und Medienpartnerschaften gar nicht mehr zu realisieren.Neben kaufmännischem Wissen, Verhandlungsgeschick und PR-Kenntnissen ist bei Kunstprojekten das Verständnis für künstlerische Inhalte und Künstler entscheidend.Das könne keine Werbe- oder Event-Agentur leisten, meinen einhellig Birgit Grüßer und Jens Michow.Dafür brauche man Spezialisten, sonst findet keine erfolgreiche Zusammenarbeit statt."Man wächst in die Branche hinein." Die meisten Agenten waren zuvor entweder selbst auf der Bühne, haben einzelne Künstler gemanagt oder kommen aus dem Tourneebereich.

Das soll sich ändern: der Verband konzipiert derzeit einen Ausbildungsgang zum "Veranstaltungskaufmann", der gemeinsam mit der IHK realisiert werden soll.In Zukunft werden Veranstaltungen und Projekte zunehmend ausgelagert und an Agenturen abgegeben.Der klassische Künstleragent wird es immer schwerer haben, sich auf dem Markt zu behaupten.Nach Meinung von Jens Michow ist es für Künstleragenturen überlebenswichtig, ihr Angebot zu erweitern.

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