Reizthema : Jugendgewalt zwischen Tatsachen und Populismus

Seit Tagen debattiert die Politik über die angeblich steigende Jugendgewalt. Wie straffällig sind Jugendliche wirklich? Und wie sieht die Entwicklung bei ausländischen Straftätern aus?

Michael Schmidt

Stimmt der Eindruck, dass die Straftaten von Jugendlichen in den vergangenen Jahren zugenommen haben?

Nein. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) kommt zu einem anderen Ergebnis. Danach ist genau das Gegenteil richtig. Die Zahl tatverdächtiger Jugendlicher und Heranwachsender ist zwar bis 1998 angestiegen – auf rund 150 000 Kinder, 300 000 zwischen 14- und 18-Jährige und 240 000 Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren. Seitdem aber gibt es einen Rückgang. So ist die Zahl der tatverdächtigen Kinder bis Ende 2006 auf 100 000 gesunken, die der Jugendlichen auf 280 000. Bei den Heranwachsenden gab es kaum Veränderungen.

Trotz dieser insgesamt rückläufigen Tendenz wird Jugendkriminalität von Politik und Gesellschaft als besonders problematisch empfunden. Vor allem, weil Jugendliche überproportional häufig Straftaten begehen. Etwa zwölf Prozent aller Tatverdächtigen sind zwischen 14 und 18 Jahre alt, während die Jugendlichen an der Bevölkerung nur einen Anteil von rund fünf Prozent haben. Besonders alarmierend wirkt, dass die Kriminalität insgesamt in den vergangenen zehn Jahren um 4,3 Prozent zurückgegangen ist, es bei der Gewaltkriminalität aber einen Anstieg um 15,6 Prozent gab – und 43 Prozent der Verdächtigen jünger als 21 Jahre sind.

Wie sieht die Entwicklung bei ausländischen Straftätern aus?

Die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen insgesamt ist in den vergangenen Jahren gesunken, von 633 000 im Jahr 1997 (gleich 27,9 Prozent aller Tatverdächtigen), auf 503 000 im vorvergangenen Jahr (22 Prozent aller Tatverdächtigen). Vergleicht man den Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung – 8,8 Prozent –, sind diese in der Kriminalstatistik damit immer noch deutlich überrepräsentiert. Ein Vergleich mit der deutschen Bevölkerung bleibt aber schwierig. Denn zum Ausländeranteil in Deutschland zählen zum Beispiel Touristen und Illegale nicht, die in der Tatverdächtigenstatistik jedoch auftauchen.

Bemerkenswert sind drei weitere Entwicklungen. Während die Zahl der deutschen Tatverdächtigen im Alter von 14 bis 21 Jahren von 389 000 im Jahr 1997 auf 429 000 Ende 2006 stieg, sank die Zahl der tatverdächtigen ausländischen Jugendlichen im gleichen Zeitraum von 129 000 auf 91 000. Außerdem finden sich unter den deutschen Tatverdächtigen mehr Kinder (4,7 Prozent), mehr Jugendliche (13,1 Prozent) und mehr Heranwachsende (11,1 Prozent) als unter den ausländischen, wo sich der Anteil der Kinder auf 3,5 Prozent beläuft, der Jugendlicher auf 9,1 Prozent und der Heranwachsender auf 9,0 Prozent. Und: Während es bezogen auf alle Deliktbereiche einen Kriminalitätsrückgang bei deutschen wie nichtdeutschen Kindern und Jugendlichen gibt, fällt er bei den Nichtdeutschen laut Kriminalstatistik stärker aus.



Einmal kriminell, immer kriminell?

Der Zweite Periodische Sicherheitsbericht der Bundesregierung vom November 2006 hält fest: Jugendkriminalität kommt in allen sozialen Schichten vor und ist als im statistischen Sinne „normales“ Phänomen zu bezeichnen. Ab einem Alter von zehn bis zwölf Jahren steigt die Quote der Tatverdächtigen. Mit 17 bis 18 Jahren erreicht sie ihren Höhepunkt, ab 20 sinkt sie. In der Regel gilt dabei erstens: je älter die Täter, desto schwerwiegender die Taten. Zweitens: Der Anteil weiblicher Tatverdächtiger schwankt zwischen 20 bis 32 Prozent, männliche Jugendliche begehen aber grundsätzlich sehr viel mehr Gewalttaten. Und drittens: Bei ausländischen Jugendlichen ist Körperverletzung mit 29,5 Prozent die häufigste Ermittlungsursache, vor Ladendiebstahl mit 22,9 Prozent. Bei Deutschen liegen diese beiden Delikte mit jeweils rund 23 Prozent gleichauf vor Sachbeschädigung mit 18,9 Prozent.

Aus dem kriminellen Verhalten junger Menschen könne dabei, wie der Bericht zeigt, nicht abgeleitet werden, dass sie „auch langfristig delinquent bleiben.“ Es gebe jedoch Wiederholungs- und Intensivtäter, die Politik und Justiz besonderes Kopfzerbrechen bereiten. Eine Studie des Bundesjustizministeriums aus dem Jahre 2004 bestätigt dies: Zwei Drittel aller Verurteilten werden nicht rückfällig. Am seltensten die wegen Mord und Totschlag Verurteilten – sowie diejenigen, die nur eine Geldstrafe aufgebrummt bekommen. Bemerkenswert mit Blick auf die Jugendkriminalität aber ist: Täter, die zu einer freiheitsentziehenden Jugendstrafe ohne Bewährung verurteilt wurden, werden besonders häufig rückfällig.

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