Zeitung Heute : Reklame für Ladenmädchen

INA BOCKHOLT

Vom Kino zum Kult: Die Ausstellung "Das Ufa-Plakat" im Kunstforum der GrundKreditbankVON INA BOCKHOLT"Man kennt die Mätzchen, mit denen ein Erfolg erzwungen werden soll", nörgelte ein Filmkritiker über den Medienrummel zu Fritz Langs "Frau im Mond".Bereits Monate vor seiner Uraufführung im Oktober 1929 war der Film ein Pressethema.Der Regisseur ließ sich von zwei Wissenschaftlern bei der Austattung der Science-Fiction-Kulissen beraten.Als Gegenleistung machte die Ufa die Raketen des Professors populär - ein frühes Beispiel von Wissenschafts-Sponsoring.Kurz vor der Premiere im Ufa-Palast Zoo gab es eine weitere Attraktion: Werbemeister Rudi Feld zauberte auf die Außenwand des Kinos einen Sternenhimmel aus tausend Lämpchen.Das Plakat von Alfred Herrmann mit einer ins All glühenden Rakete und nüchternem Schriftzug war nur noch ein Teil dieser teuren Werbekampagne. In den Jahren zwischen 1918 und 1945 wandelten sich Stil und Funktion von Filmplakaten in dem Maße, wie sich die Welt technisch und politsch veränderte.Viele der großformatigen Bilder sind in der umfassenden Ausstellung "Das Ufa-Plakat" zu sehen, die von der Stiftung Deutsche Kinemathek und der Österreichischen Nationalbibliothek in Kooperation mit der Ufa Film & TV Produktion konzipiert wurde. Obwohl schon vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs Filme produziert wurden, avancierte das neue Medium in Deutschland erst ab 1918 zur einflußreichen Massenware.Denn bevor die Ufa 1917 auf Initiative von General Ludendorff gegründet wurde, um die angeschlagene nationale Kriegsmoral zu stärken, flackerten nur ab und an amerikanische und dänische Produktionen über die Leinwände.Als aus der Ufa nach Kriegsende eine private Gesellschaft entstand, wurde das ehemalige Propagandamittel Film zur Ware.Die Umstrukturierung des Konzerns spiegelt sich auch in neuen Lieblingsthemen wider, denn die Kinokassen klingelten vor allem bei publikumswirksamen Liebesfilmen.Die ersten Kinoplakate der neuen Ufa suchen vor allem durch theatralische Szenen und künstlerische Stilisierung zu verführen.Als habe sie Egon Schiele Modell gestanden, posiert Pola Negri - etwas angezogener freilich - auf einem Plakat für Ernst Lubitschs Film "Carmen".Paul Fenneker, der neben Theo Matejko der bedeutendste Gebrauchgraphiker der ersten Phase war, zeichnete dieses Bild wie ein Gemälde.Doch die künstlerische Freiheit war begrenzt.Im Mai 1920 trat das Deutsche Lichtspielgesetz in Kraft, durch das nicht nur Filme, sondern auch Reklame und öffentliche Aushänge kontrolliert wurden.Auf Litfaßsäulen sollte nur kleben, was moralisch unbedenklich war.So mußte Robert L.Leonard einer zunächst nur leicht verhüllten orientalischen Tänzerin, die in den Film "Sumrun" locken sollte, im zweiten Entwurf durch ein paar Pinselstriche ein dichteres Oberteil verpassen. Freizeit und Urlaub waren in der Weimarer Republik nicht mehr ausschließlich Privilegien der Oberschicht, so daß bald auch Angestellte, kleine Beamte und Ladenmädchen für die populäre Kultur gewonnen wurden.Und die mußten oft überlegen, für welchen Film sie ihren Lohn ausgaben.Mit einer aufwendigen PR-Kampagne machte die Ufa aus Langs "Dr.Mabuse" daher 1922 schon einen Kinokult, bevor er im Verleih war.Wochenlang waren in der "Berliner Illustrierten Zeitung" Auszüge aus dem gleichnamigen Roman von Norbert Jacques zu lesen.Kurz vor der Uraufführung wurden freie Flächen mit den Plakaten von Matejko gepflastert.Auf überdimensionalem Format wird das gruselige Versprechen zumindest schon durch eine von einer schwarzen Macht verfolgten Dame eingelöst. Als die Technik zum Motiv vieler Filme wurde und irgendwann sogar die stummen Bilder sprechen ließ, erhielten auch die dekorativen Annoncen einen anderen Anstrich.Ein neuer Stil entstand etwa 1927, als Plakate nicht mehr lithographisch, sondern durch Offset-Druck vervielfältigt wurden.Einer Waschmittelwerbung der siebziger Jahre gleicht Boto Arndts regenbogenfarbiges Design zum Film "Heimkehr" von Joe May.Auch auf den Plakatierungen zu seinem Film "Asphalt" und Langs "Spionen" bestimmen riesige Buchstaben die farbige Fläche.So wie die Neue Sachlichkeit die Ästhetik der Filme und ihrer Reklame beeinflußte, hat das "Dritte Reich" seine Signatur auf einigen der ausgestellten Exponate hinterlassen.Auf dem Plakat von 1932 zu dem Film "F.P.1 antwortet nicht" mit Hans Albers sind drei Marinemitglieder mit blondem Haar oder blauen Augen gezeichnet.Unter ihnen schwimmt ein Flugplatz im Meer, dessen militärische Nutzbarkeit noch in Weiß-Rosa stilisiert ist.Mit den Plakaten zu "Unternehmen Michael" (1937) oder "Sieg im Westen" (1941) wird dann ein offensichtlicher Bilderkrieg geführt. Seit 1933 kontrollierte das NS-Regime die gesamte deutsche Filmindustrie.Der Spannweite des Werbemediums zwischen Propaganda, Kommerz und Kunst wird die Ausstellung beispielhaft gerecht.Kunstforum in der GrundKreditbank, Budapester Str.35, bis 12.März.Katalog bei Edition Braus, 40 DM, im Buchhandel 44 DM.

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