Zeitung Heute : Rembrandt zu Fuß

Wo ist Rembrandt zur Schule gegangen? Wo hat er gearbeitet und gelebt? Spazierwege durch Leiden und Amsterdam

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Von Rolf Brockschmidt Denkt man an Rembrandt, fällt einem sofort Amsterdam ein, die reiche Kaufmannsstadt, in der der Maler zu Ruhm und Ehre gekommen ist, in der er die Patrizier der Stadt und sein berühmtestes Bild, die so genannte „Nachtwache“, gemalt hat. Sein Haus in der Jodenbreestraat, das er 1639 für die ungeheure Summe von 13 000 Gulden gekauft hatte, demonstriert heute nach seiner originalgetreuen Wiedereinrichtung im Jahre 1999 den anfänglichen Wohlstand dieser großen Künstlerpersönlichkeit.

Seine Geburtsstadt Leiden, in der er am 15. Juli 1606 als Sohn eines reichen Müllers und Immobilienbesitzers am Rande der Stadtmauer am Galgewater (wie man den Rhein hier nennt) im Weddesteeg das Licht der Welt erblickte, stand bisher im Schatten Amsterdams. „Rembrandt gehört zu Amsterdam, aber gewiss auch zu Leiden. Er heißt schließlich nicht Rembrandt van Amstel, sondern Rembrandt van Rijn. In Leiden kann man durch die Straßen von Rembrandts Jugend laufen“, sagt Leidens neuer Bürgermeister Henri Lenferink im Leidener Magazin „Leven!“

Den Rundgang auf den Spuren Rembrandts beginnt man am besten im neuen Besucherzentrum am Marktsteeg, um sich dann nebenan im Städtischen Museum De Lakenhal, dem zentralen Ausstellungsort des Leidener Rembrandtjahres, die Ausstellungen anzuschauen. Diese ehemalige Tuchhalle, die 1640 erbaut wurde, hat Rembrandt selbst nicht mehr zu Gesicht bekommen, da er 1631 der Stadt endgültig den Rücken kehrte. Aber sie vermittelt mit ihrem mächtigen Portal, auf dem steinerne Tuchballen links und rechts liegen, einen Eindruck von der damals zweitgrößten Stadt der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande, eine Stadt, die von 1580 bis 1620 ihre Einwohnerzahl verdoppelte.

Als Rembrandt Harmenszoon van Rijn geboren wurde, war von einer Stadterweiterung Leidens noch nichts zu spüren. Die begann erst 1611 am gegenüberliegenden Ufer des Rheins. Man kann davon ausgehen, dass der kleine Rembrandt den Bauarbeiten fasziniert zugeschaut hat. Wer sich von De Lakenhal in Richtung Rembrandtbrücke bewegt – alle Sehenswürdigkeiten sind ausgeschildert – wird bald an einem prächtigen Bau mit Treppengiebel vorbeikommen. Es ist das Haus des Stadtarchitekten, der einem Bauhof vorsaß, in dem seit 1618 die einzelnen Bauteile für die Häuser und Schleusen vorgefertigt und später an Ort und Stelle zusammengesetzt wurden. Dieser Bauhofkomplex beherbergt heute ein Seniorenwohnheim. Dort wo heute Kräuter angepflanzt werden, stapelten sich damals die Balken und Ziegel.

Von dort ist es auch nicht mehr weit zur Bockwindmühle „de Put“, einem Nachbau aus den 60er Jahren. Einen ähnlichen Typ hatte Rembrandts Vater jenseits des Rheins (Galgewater) besessen. Die Brücke, eine typisch weiße holländische Zugbrücke, ist ebenfalls eine Rekonstruktion des historischen Vorbildes und trägt heute den Namen des großen Malers. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte bis in den Weddesteeg, dort, wo Rembrandt geboren wurde.

Aber die Enttäuschung ist groß. Auf den größten Sohn der Stadt deutet nur eine Gedenktafel hin, die vor 100 Jahren einst am Geburtshaus angebracht war, das aber dann Anfang der 70er Jahre im Rahmen der Stadtsanierung der Abrissbirne zum Opfer fiel. Jetzt versteht man auch, was der Bürgermeister meint, wenn er mit dem Rembrandtjahr den „verlorenen Sohn“ zurückholen will.

Es gehört etwas Fantasie dazu, sich das Leben in diesen schmalen Gassen vorzustellen, in der es durch die Einwanderung von Religionsflüchtlingen aus dem Süden immer enger wurde.

Vater Rembrandt war ein wohlhabender Mann, und so war er auch Mitglied der Schützengilde, die dieses Stadtviertel zu schützen hatte. Den Eingang zu diesem militärischen Übungsgelände mit Arsenal markiert ein prächtiges Tor aus dem Jahre 1645. Unweit der „Doelen“, wie dieses Gelände überall in den Niederlanden genannt wird, befindet sich Rapenburg, die prächtigste Gracht Leidens, die vom Reichtum der Tuchfabrikanten zeugt. Die Häuser Nr. 35, 37 und 39 wurden in Rembrandts Jugend erbaut. An dieser Gracht liegt das Academiegebouw, ein ehemaliges Kloster, das seit 1581 der ersten Universität der unabhängigen Republik als Hauptgebäude dient.

Wir wissen, dass Rembrandts ambitionierte Eltern ihn mit 14 Jahren zum Studium an der Universität einschrieben. Aber in den Studentenlisten der folgenden Jahre taucht er nicht mehr auf. Wahrscheinlich hat er die Universität niemals besucht und stattdessen lieber eine Lehre bei einem Maler angefangen hat.

Von der Universität aus überquert man den Rapenburg und gelangt bald zur mächtigen Pieterskerk, wo Rembrandts Eltern begraben liegen. Auch den Gravensteen, den mächtigen Komplex mit Gefängnis und Richtplatz der Grafen von Holland, muss schon der junge Rembrandt gekannt haben. In Sichtweite des Gravensteens befindet sich auf der Ecke Lokhorststraat, Schoolsteeg die Lateinische Schule, die Rembrandt von 1615–1619 besucht hat. Unterrichtssprache war Latein, und um die Sprachfähigkeit zu fördern, wurde auch viel über lateinische Literatur diskutiert. Hier soll Rembrandt auch seinen ersten Zeichenunterricht bekommen haben. Die Lateinische Schule war sicherlich nicht ohne Einfluss auf Rembrandts spätere Wahl antiker und biblischer Themen.

In der Straße Lange Brug, die ihren Namen von den vielen Brücken über die ehemalige Gracht bekam, finden wir nahe der Gasse Gekroonde Liefdepoort ein schmales Haus, in dem heute unten eine Galerie untergebracht ist. Oben im ersten Stock hatte Rembrandts erster Lehrmeister Jacob Isaaczoon van Swanenburgh sein Atelier. Hier lernte Rembrandt sein Fach, Farben anrühren, zeichnen, malen und kopieren.

Ganz in der Nähe befindet sich das prächtige Rathaus aus dem Jahre 1597. Allerdings ist nur noch die Fassade authentisch, das übrige Gebäude wurde 1929 durch ein Feuer zerstört. Der mächtige lang gestreckte Bau unterstreicht Leidens Bedeutung und Größe zu Zeiten der Republik.

Den besten Überblick über Leidens Altstadt bildet „De Burght“, eine runde mittelalterliche Befestigung auf einem Hügel, den auch Rembrandt gekannt haben muss. Von den dicken Wällen der Trutzburg hat man einen wunderbaren Blick über die Dächer der Stadt mit ihren 3000 Baudenkmälern, von denen viele noch aus der Zeit Rembrandts stammen.

Ob es politische Gründe waren, die Rembrandt keine großen öffentlichen Aufträge in Leiden bescherten, oder ob es nicht vielmehr der Sog der Hauptstadt mit ihren einflussreichen Bürgern und Kaufleuten war, die einem aufstrebenden Maler wie Rembrandt viel mehr Chancen und Aufträge bieten konnten – wir wissen es nicht genau. Tatsache ist, dass er sich 1631 endgültig in Amsterdam niederlässt, zunächst bei dem Kunsthändler Hendryck Uylenburgh auf der Ecke der heutigen Jodenbreestraat unweit der Anthonieschleuse, wo sich heute das Rembrandt-Haus befindet, jenes berühmte Gebäude, das seinen Ruhm, aber auch sein Scheitern symbolisiert.

Das Rembrandt-Haus ist derzeit vielleicht der authentischste Ort, um ein wenig Rembrandt-Feeling zu verspüren. Die komplette Rekonstruktion der Räume im Jahre 1999 versetzt uns in Rembrandts Zeit. Und neben all den Möbeln und Bildern, die es in dem Gebäude zu bewundern gibt, interessiert vielleicht die Demonstration der Tiefdruckpresse. Es riecht nach Druckerfarbe und man sieht, wie von der schwarz eingefärbten Platte die Radierung abgezogen wird. Auch das Atelier bietet Einblick in die Arbeitsweise Rembrandts. Hier beeindrucken vor allem die aus Pulver angerührten Farben und die kleine Palette. Rembrandt wohnte im einstigen Judenviertel Amsterdams, wo er sich auch auf der Straße manche Anregung geholt haben wird. Geht man Richtung Oude Schans und biegt in den Krom Boomsloot ein, wo auch heute noch viele Schiffe festmachen, kann man sich vorstellen, wie er hier einst Händler und Seeleute aus aller Herren Länder getroffen hat, darunter auch manchen Turbanträger, der bei ihm auf vielen Gemälden als Typus vorkommt. Von hier aus ist es nicht weit zum Nieuwmarkt, der von „De Waag“, dem ehemaligen mittelalterlichen Stadttor und späteren Waagegebäude, dominiert wird. In den wuchtigen Ecktürmen hatten verschiedene Gilden ihren Sitz, darunter auch die Sankt-Lucas-Gilde der Maler. Hier befand sich auch das Anatomische Theater, in dem Leichen von Straftätern seziert wurden und somit den Medizinstudenten zur Anschauung dienten. Gegen ein entsprechendes Eintrittsgeld durften normale Bürger Dr. Tulp oder seinem Nachfolger, Dr. Dijmans, zuschauen, wie Toten der Schädel im Dienste der Wissenschaft geöffnet wurde. Rembrandt hat in zwei Gemälden diese Anatomiestunden festgehalten. Das Theatrum Anatonicum befindet sich heute im Besitz einer Mediengesellschaft und kann für Veranstaltungen gemietet werden. Dafür bietet das Café und das Restaurant De Waag im Erdgeschoss ein stilvolles Ambiente für den müden und hungrigen Spaziergänger auf Rembrandts Spuren.

Vom Nieuwmarkt folgt man dem Kloveniersburgwal – schon der Name deutet auf die Schützenkompanie (Klovenier = Schütze), an dem auch das prächtige Trippenhaus liegt. Trip war ein erfolgreicher Waffenhändler, und Rembrandt hat seine Tochter zur Unterstützung der Eheschließung recht vorteilhaft gemalt. An der Breite des Trippenhauses – die Breite des Hauses bestimmte die Höhe der Steuer – kann man den Reichtum der Bürger ermessen.

Der Kloveniersburgwal mündet in die Nieuwe Doelenstraat, wo heute noch das Luxushotel „NH Doelen“ zum Teil in den Mauern des alten Doelen, des Schützen- und Übungshauses der Kloveniergilde, Gäste beherbergt. Hier, in der Nummer 24 hing auch von 1642 bis 1715 Rembrandts „Nachtwache“, die heute offiziell „Schützenaufmarsch der Kompanie des Frans Banning Cocq“ heißt, da der nächtliche Eindruck nur dem dunklen Firnis zu verdanken ist. An der Rezeption des Hotels kann man sich melden, um zu dem Ort im mittlerweile ersten Stock geführt zu werden, wo einst das Original hing. Eine Reproduktion ragt nun aus dem Hotelflur, und eine rohe Mauerkante vermittelt noch einen Hauch von Authentizität. Als das Gemälde ins Rathaus 1715 umziehen musste, wurde es passend geschnitten, die Seitenstreifen sind nicht mehr vorhanden.

Die Nieuwe Doelenstraat 18 war von 1635 bis 1638 die Adresse von Rembrandt und Saskia, bevor sie in das große Haus in der Jodenbreestraat umzogen. In der benachbarten Staalstraat, benannt nach den Tuchprüfungsmustern des Vorstands der Tuchmacherzunft, findet sich das Haus der Staalmeester. Der Giebel ist an den Seiten mit steinernem Tuch verhüllt. Rembrandt hatte dieses berühmte Bild 1661/62 gemalt. Heute präsentiert im Erdgeschoss die Designergruppe „Droog Design“ allerneueste Kunst aus den Niederlanden.

Rembrandts letzte Wohnstätte befindet sich außerhalb des alten Amsterdamer Kernes, in der Rozengracht 184, im Kleine-LeuteViertel Jordaan, wo sein Sohn einen Kunsthandel betrieb. Rembrandt wurde in einem Armengrab in der Westerkerk bestattet.

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