Zeitung Heute : Rendezvous mit der Kamera

KNUT EBELING

York der Knöfel zappt von New York in den Hamburger Bahnhof Der moderne Mensch, so weiß die jüngere Kulturkritik von Baudrillard bis Cathérine David zu berichten, lebt in einer verkehrten Welt.Während die Außenwelt für ihn erst beim Zappen durch die Fernsehkanäle Gestalt annimmt, verblaßt, was er bei sich vor der eigenen Haustür wahrnimmt - beziehungsweise nicht mehr wahrnimmt. Bei York der Knöfel - einem aufstrebenden Berliner Künstler, dem binnen weniger Jahre jetzt der Sprung von abseitigen Ausstellungsorten in den Vorraum der musealen Sammlung des Hamburger Bahnhofs gelang - ist es dagegen genau umgekehrt: Während er die mediale Welt als unklar und fragmentarisch beschreibt, zeigt er ab heute im "Museum für Gegenwart" Momente von persönlicher Kommunikation mit fremden Menschen außerhalb der eigenen Haustüre. Im Aktionsraum des Museums türmen sich an die 50 Bildschirme in einer an Nam June Paik erinnernden monumentalen Videowand übereinander.Vor dem immergleichen weißen Monitor-Hintergrund - nüchtern und nichtssagend wie im Foto-Automaten - plaudern etwa 300 New Yorker frei über Gott und die Welt.Man erzählt, was Mann oder Frau gerade einfällt, 10 Minuten kurz oder auch zweieinhalb Stunden zäh, bis hin zu Beziehungsschwierigkeiten mit angedeuteten Abgründen ist vor der Kamera alles zu enthüllen. Bei diesem Rendevous mit der Kamera entsteht über kurz oder lang auf jedem der 50 Monitore eine Art selbstgestaltetes Porträt, das Psychogramm einer jeweiligen Befindlichkeit.Doch dabei interessiert den Berliner New York-Reisenden nicht etwa die stimulierende Anwesenheit der Kamera, die das Leben in einen Film, und - im Fall einer berühmtgewordenen kalifornischen Family - jede Intimität in eine Echtzeit-Dokumentation verwandelt.Leider ignoriert York der Knöfel die Subtilität der von ihm geschaffenen medialen Situation, mitsamt der Monumentalität ihrer Präsentation.Seine talking heads beharren - trotz ihres massenhaften Auftretens, die eine gewisse Anonymisierung oder zumindest Relativierung ihrer Aussagen nahelegen - auf der ganz persönlichen Begegnung vor der Kamera, auf dem überraschenden Aufbrechen der öffentlichen Gleichgültigkeit: also auf der Erfahrung einer authentischen Kommunikation, die im Zeitalter medialer Simulation mehr als archaisch wirkt. In die verkehrte Welt des Berliner Künstlers paßt die komplementäre Beschreibung der medialen Wirklichkeit genau, die York der Knöfel in seiner Hausgalerie Wohnmaschine präsentiert.In "My Christmas 1996" zeigt er 500 bunte TV-Schnipselchen als Foto-Tapete, die ihm während eines weihnachtlichen TV-Zappings in New York vor die Linse gerieten.Man sieht Tieraugen, Menschenmünder und sogar einen Santa Claus , der dem einsamen Fernsehzuschauer entgegenschmunzelt - Außenansichten eines TV-Touristen, der zu schnell zappt, um eine relevante Beschreibung der medialen Wirklichkeit abgeben zu können.So wünschenswert es ist, daß man sich im Hamburger Bahnhof nicht nur für internationale Markenartikel, sondern auch für die regionale Szene interessiert, so unerläßlich scheint es, bei der Auswahl haltbare Positionen von visuellem Popcorn zu unterscheiden.Beim Aufbau einer Sammlung für Neue Medien im Hamburger Bahnhof wird man genauer hinsehen müssen.KNUT EBELING Hamburger Bahnhof, Invalidenstr.51, bis 27.Juli, Eröffnung 26.6.97, 20 Uhr; Finissage "My Christmas 1996", 28.6.ab 17 Uhr Galerie Wohnmaschine, Tucholskystr.36.

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