Reportage zur Wahl : Horst Köhler: Keine Stimme zuviel

Als es vorbei ist, sagt er: „Wir werden es schaffen.“ Die Erleichterung ist Horst Köhler anzuhören. Und unten im Saal lächelt Gesine Schwan ein kleines, resigniertes Lächeln. Eine Reportage zur Wahl.

Robert Birnbaum
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Augenblick des Triumphs. Unmittelbar nach seinem Sieg nimmt Horst Köhler den Glückwunsch der unterlegenen Gesine Schwan entgegen....

Aus dem Saal steigt ein Hauch von Klassentreffen auf. In allen Ecken Gemurmel und Getuschel, alte Bekannte schütteln erfreut Hände, ach, du auch hier? Wenig festliches Schwarz ist zu sehen, viele Straßenanzüge, ein paar Dirndl. Winnie Nachtwei von den Grünen schießt Erinnerungsfotos.

Das ist ja nun eigentlich ein feierlicher Tag, wenn das Staatsoberhaupt gewählt wird. Aber so recht will sich kein Ernst einstellen in dieser Bundesversammlung. Irgendwann zwischendurch, der Wahlgang läuft schon, muss Norbert Lammert sogar mittelstreng um Ruhe bitten – hinten im Saal seien die Namensaufrufe nicht zu verstehen. Privatgespräche während der Versammlung – „was verfassungsrechtlich übrigens zulässig ist“ – möchten doch bitte vor dem Plenarsaal stattfinden. Es hilft nicht viel.

Und so passt es ganz gut zu diesem Wahltag, dass das Ergebnis am Ende nicht der Präsident des Deutschen Bundestages bekannt geben wird, sondern das Bläserquintett.

Dabei ist an diesem Samstagmittag in Berlin die Lage in Wahrheit alles andere als entspannt. Horst Köhler, der Amtsinhaber, muss um seine Wiederwahl nicht bangen – eigentlich. Gesine Schwan, die SPD-Herausforderin, kann auf ihren Sieg im Ernst nicht hoffen – eigentlich. Sie kann es seit Freitagabend noch weniger als vorher, doch dazu später.

Das Endergebnis steht also fest – eigentlich. Aber der Weg dorthin ist, je länger der unerklärte Wahlkampf ums erste Amt im Staate gedauert hat, immer mehr mit symbolischer Bedeutung aufgeladen worden. Köhlers Unterstützer aus CDU/CSU, FDP und den bayerischen Freien Wählern stellen 614 Wahlmänner und -frauen. Im ersten Wahlgang gewählt ist, wer 613 Stimmen erhält. Der erste Wahlgang musste eine Kraftprobe werden: Bringt das bürgerliche Lager die Kraft zur Geschlossenheit auf? In Wahrheit steht hier nicht Horst Köhler auf dem Prüfstand, sondern Angela Merkel.

Die Kanzlerin aber ist in diesen Tagen geradezu aufreizend entspannt. Am Freitagnachmittag treffen sich die Delegierten der Union zum ersten Zählappell. Im Fraktionssaal der Union sind die Bänke ausgeräumt, dafür doppelt so viele Stühle wie sonst, einige stehen trotzdem. Merkel guckt in den Saal und frotzelt los: So in etwa, sagt sie, werde das also aussehen, wenn CDU und CSU irgendwann mal die absolute Mehrheit im Bundestag hätten! In dem Ton geht es weiter.

Später beim geselligen Abend im Maritim-Hotel wird Merkel statt Appellen Anekdoten verbreiten – wie sie sich, als Vize-Regierungssprecherin der soeben Geschichte gewordenen DDR-Regierung, beim Bundespresseamt bewerben wollte, aber am Amtsarzt scheiterte: zu hoher Blutdruck, habe der Mann diagnostiziert, untauglich für den bundesdeutschen öffentlichen Dienst. „Mannomann, hab’ ich gedacht, da kann manches auch noch bisschen dynamischer werden!“ Die Delegierten lachen. „Die Familie der Union“ hat Merkel sie genannt. Das ist der einzige Satz, der klar macht, was am Folgetag auf dem Spiel steht.

Denn bei aller Lockerheit, die Mehrheit ist nun mal knapp. Und die Wahl ist nun mal geheim. Und die Freien Wähler sind nun mal frei. Allerdings herrscht, was das angeht, eher verkehrte Welt: Während sich bei CDU und CSU alle sicher sind, dass die zehn Freien ihre Zusage für Köhler einhalten, wittern sie bei den Freien eine Falle. Deshalb springt am Freitagabend der bayerische Landeschef Hubert Aiwanger im Palais am Pariser Platz auf einen Stuhl und versichert ganz laut und ausdrücklich: „Wir stehen zu Köhler.“ Aiwanger traut denen von der CSU ziemlich viel zu.

Der jüngere Mann im Trachtenjanker, der etwas steif neben den anderen herumsteht, traut ihnen sogar alles zu. „Ich weiß ja, wie die mit Menschen umgehen“, sagt Florian Streibl. Er kann als Experte gelten, weil sein Vater Max Streibl mal Ministerpräsident in München war, bevor ihn seine Partei wegen einer Amigo-Affäre abservierte. Nicht mal Weihnachtskarten hätten die danach noch geschickt! Jetzt ist Sohn Streibl Landtagsabgeordneter bei den Freien. „Wenn es Abweichler gibt, kommen sie aus der CSU“, sagt er. Er könne sich sogar vorstellen, „dass die bewusst zehn Abweichler ausgesucht haben, um sagen zu können: Die Freien Wähler waren’s!“

Aiwanger und Streibl können zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass die eigentlichen unsicheren Kantonisten ganz woanders zu finden sein werden. Gesine Schwan weiß es da schon. Gegen 19 Uhr ist sie am Freitagabend im Reichstag im Fraktionssaal der Grünen aufgetaucht. Nicht ganz freiwillig, sondern einem dringenden Rat der Grünen-Fraktionsspitze folgend. Vor einer Woche hatte Schwan in einem Tagesspiegel-Interview Zweifel aufkommen lassen, ob sie die DDR als Unrechtsstaat betrachtet oder nicht. Das hat bei der Partei, die amtlich immer noch die alte DDR-Bürgerrechtsbewegung Bündnis 90 im Namen führt, zu allerlei Irritationen geführt. „Du musst das klarstellen“, signalisierte die Fraktionsspitze der Kandidatin.

Schwan kam. Was folgte, beschreiben Leute, die dabei waren, als Eklat. Fast 50 Minuten lang musste sich Schwan verteidigen. Vor allem Marianne Birthler, Chef-Stasi-Aufarbeiterin und Wahlfrau der Grünen, habe wütend, laut und emotional mit Schwan über das Wesen der DDR gestritten. Als die Tonlage anhaltend hoch blieb, als gar Worte wie „Unterstellung“ flogen, brach Fraktionschef Fritz Kuhn die Debatte ab. Nur eine Bitte noch: Wer Gesine Schwan nicht wählen wolle, möge sich bitte zumindest im ersten Wahlgang der Stimme enthalten.

Schwan kam wegen dieser misslichen Ereignisse etwas zu spät zur Geburtstagsfeier. Ihr Geburtstag fällt nämlich zufällig auf den Tag vor dem Verfassungstag, und wie schon vor fünf Jahren feiern die Genossen mit ihr im Hamburger Bahnhof. Damals war sie Gerhard Schröders Kandidatin. Als wessen Kandidatin sie diesmal antritt, lässt sich auch am Ende des Abends nicht so genau sagen. Dabei geben sich alle große Mühe, keinen Zweifel aufkommen zu lassen an der Unterstützung der SPD für die ehemalige Präsidentin der Europa-Universität Viadrina. Franz Müntefering hat in der Fraktionssitzung am Nachmittag im Reichstag die Stimmen der SPD-Vertreter in der Bundesversammlung zugesagt, zu „hundert Prozent“. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck bekräftigt die Zusage vor dem Hamburger Bahnhof noch einmal auf offener Bühne. „Gesine, du kannst dich auf die Wahlmänner und Wahlfrauen der SPD absolut verlassen! Das verspreche ich dir!“

Man muss dazu wissen, dass ebendieser Peter Struck einer der entschiedensten Gegner von Schwans Zweitbewerbung war. Struck fürchtete, eine Niederlage werde der SPD im Bundestagswahlkampf schaden und ein Sieg mit den Stimmen der Linkspartei ebenfalls. Auch andere SPD-Größen, die Schwan jetzt lobpreisen, wollten vor einem Jahr Amtsinhaber Horst Köhler das Schloss Bellevue lieber kampflos überlassen. Zu ihnen zählen SPD-Generalsekretär Hubertus Heil und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der sich nun als Schwan-Verehrer von niemandem überbieten lassen will. „Offen und nicht verklemmt“ sei die Kandidatin, sie pflege eine „Sprache, die einladend ist und nicht ausgrenzend“. Am Ende seiner Rede ruft er Schwan zu: „Du bist eine Präsidentin für diese Republik, durch die sich dieses Land geehrt fühlen darf.“

Schwan hält auch eine Rede, sie sagt: „Wenn wir alle schön zusammenhalten, wird die Chance sich auch realisieren.“ Später zieht es sie auf die Tanzfläche. Das Stück heißt „I will survive!“

So also ist die Lage, als am Samstagmittag das Klassentreffen im Reichstag – guck’ mal, der Theo Waigel ist auch mal wieder da! – von der Glocke unterbrochen wird, die die Ankunft des Präsidenten ankündigt. Begrüßung der Ehrengäste auf der Tribüne, darunter drei Ex-Präsidenten – der greise Walter Scheel, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog. Kurze Ansprache über das Glück, das 60 Jahre Grundgesetz der Republik gebracht haben. Kurze Serie von Abstimmungen zur Geschäftsordnung, mit denen die Bundesversammlung einen Vorstoß der vier NPD- und DVU-Delegierten beiseite wischt, die alle Kandidaten noch einmal eine halbe Stunde lang reden lassen wollten. Die vier Rechtsausleger kennen das Grundgesetz nicht so gut. Lammert schon. Der Artikel 54 sei eindeutig: Der Bundespräsident wird ohne Aussprache gewählt.

Das alles dauert 20 Minuten. Dann beginnt eine Prozedur, die nun einmal Zeit braucht: Jeder einzelne der 1224 Wahlmänner und Wahlfrauen wird namentlich aufgerufen, holt sich im Ostfoyer hinter dem Bundesadler seinen Wahlausweis ab, kreuzt in der Wahlkabine seinen Zettel an und wirft ihn im Plenarsaal in die Urne. Eintönig erschallt Name auf Name aus den Lautsprechern.

Unten im Saal kommt das Klassentreffen wieder voll in Gang. Merkel streicht durch den Saal, redet mal mit dem, mal mit jenem. Jürgen Rüttgers führt Gespräche, die sich, nach dem Gesichtsausdruck des NRW-Ministerpräsidenten zu urteilen, überwiegend um die Zukunft der Bochumer Opel-Werke drehen. Fotografiert wird übrigens auch viel, fürs Erinnerungsalbum: Ich mit der Kanzlerin – Merkel spielt lächelnd mit –, ich an der Wahlurne. Und man sieht die Altvorderen, wie sie Erinnerungen austauschen – Erwin Teufel, Edmund Stoiber, Bernhard Vogel stecken die Köpfe zusammen. Dann erschallen die letzten Namen: Zylajew, Zypries. Pause. Auszählung.

Es ist 14 Uhr, als der Saal sich wieder füllt. Einige schauen verstohlen auf ihre Handys. Früher wurden Wahlergebnisse noch per Zettel aus den Auszählungszimmern geschmuggelt, heute ist die SMS das Mittel der Wahl. Die Auszählung dauert länger, als es alle erwartet hatten. Die große Digitaluhr an der Wand des Plenarsaals springt auf 14 Uhr 11, als sich Peter Struck auf einmal zu Gesine Schwan hinunterbeugt. Er legt ihr die Hand auf die Schulter, sagt ein paar Worte. Schwan schüttelt leicht den Kopf, ein resigniertes Lächeln: schade. War ein Versuch.

Auf den Bänken gegenüber macht sich Erleichterung breit. Guido Westerwelle grinst über beide Backen . Und dann kommen plötzlich von rechts fünf junge Menschen in den Saal. Sie tragen Trompeten und Posaunen und eine Tuba herein, und da begreifen auch die in den hinteren Reihen: Die Entscheidung ist gefallen, einen zweiten Wahlgang wird es nicht geben – und das kann nur eines bedeuten. Bei Union und FDP braust Applaus auf.

Der Rest ist Nachspann. Erst 20 Minuten später kommt Lammert endlich in den Saal. Er sagt, das Ergebnis habe ganz besonders genau ausgezählt werden müssen, was aber eine Höflichkeitsschwindelei ist – in Wahrheit hat er draußen vor dem Reichstag gewartet, bis Köhler endlich aus der Pause zurückkommt. Dann verkündet der Präsident des Bundestages die Zahlen. 613 für Köhler. Genau die 613 Stimmen, die es brauchte! Im schwarz-gelben Lager springen sie auf wie elektrisiert, sie klatschen. SPD und Grüne erheben sich etwas später, auch sie applaudieren dem Mann, der jetzt den Saal betritt und der in den nächsten fünf Jahren noch einmal der erste Mann im Staat sein wird.

Köhler lächelt. Die Schwarz-Gelben klatschen weiter, die anderen haben längst aufgehört, nur Gesine Schwan applaudiert noch. Sie wird später als erste nach vorne gehen und dem Konkurrenten die Hand drücken. 503 Stimmen hat sie erhalten, weniger als drin gewesen wäre. Zehn Enthaltungen – die Grünen vermutlich. Und der Linken-Kandidat Peter Sodann hat sogar 91 Stimmen bekommen, was zwei mehr sind, als die Linke Sitze hat. Auch Sodann geht vor zu Köhler und gratuliert. Dann Westerwelle. Dann Merkel. Dann viele, viele andere. „Wir haben viel Arbeit vor uns“, sagt der neu gewählte Präsident in seiner kurzen Ansprache. „Aber wir werden es schaffen.“

Merkel lächelt. Wieder was geschafft.

(Mitarbeit: Cordula Eubel, Stephan Haselberger, Antje Sirleschtov, Rainer Woratschka)

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