Zeitung Heute : Republik der schiefen Ebenen

Im Keller blüht der Schimmel, in den Etagen darüber streiten sie. Kaum einer weiß, was die Akademie der Künste eigentlich so treibt. Dabei hat sie doch einen edlen Zweck: den Gleichgewichtssinn der Gesellschaft zu irritieren

Kerstin Decker

Drei Schritte nur in die schöne neue Akademie der Künste am Pariser Platz, und schon ist man auf der schiefen Ebene. Für Modenschauen ganz ideal!, erklärt ein Akademiemitglied (Ost), Abteilung Literatur, in seinem Wohnzimmer und kann die Null-Grad-Neigung des eigenen Fußbodens ganz neu schätzen. Dabei ist die Akademie-Schräge am Brandenburger Tor ein demokratisches Bekenntnis.

Sie war nötig, um einen möglichst stufenlosen, also ganz und gar nichthierarchischen Zugang vom Pariser Platz aus zu schaffen. Argwöhner aller Couleur sehen trotzdem nur das Schiefe und halten es für symptomatisch. Alles schief. Das schöne neue Haus. Die Akademie selber. Im Keller zwar keine Leichen, aber dafür der Schimmel. Und kein einziger Saal, in den alle Mitglieder zugleich hineinpassen. Von hinten aber schaut missmutig ein Akademiemitglied (West), ebenfalls Abteilung Literatur, aus seinem Wohnzimmer auf die Rückseite der Akademie. Die Rückseite der Akademie gehört gar nicht mehr der Akademie. Darüber ärgert sich das Akademiemitglied jedesmal, wenn es das Fenster öffnet, und hat längst den größten Kulturskandal seit 1945 erkannt. Zuletzt ist auch noch der Akademiepräsident zurückgetreten. Wegen ein paar Paragrafen! Adolf Muschg wollte die Akademie anders schief als die meisten Mitglieder. Er wollte die Präsidialschräge. Alle Macht dem Präsidenten!, sinngemäß. Wir sind das Volk!, riefen da sofort die Mitglieder.

Das Schlimmste aber: Es gibt auch noch ein Volk jenseits der Akademie. Und das Nicht-Akademie-Volk weiß gar nicht mehr so recht, was eine Akademie der Künste überhaupt ist. Je mehr es darüber nachdenkt, desto weniger weiß es das. Also: Eine Akademie der Künste besteht aus verschiedenen Abteilungen, eine für Maler und sonstige bildende Künstler, eine für Musiker, eine für Kinematografen, eine für die Dichter und immer so weiter. Und wenn nun zum Beispiel die Dichter einen ganz außerordentlichen Neudichter entdecken, der noch nicht in der Akademie ist, wählen sie ihn rein. Oder auch nicht, wenn zu viele den Neuen doch nicht gut genug finden. Am Ende müssen aber auch die Musiker, Maler und die anderen für den Dichter sein – also die Vollversammlung der Künstler, der eigentliche Souverän. Es gibt demnach Akademiekünstler und Nicht-Akademiekünstler, wobei zu Letzteren auch solche gehören, die gar nicht in die Akademie wollen. Rilke oder George etwa fanden Dichter in einer Akademie ausgesprochen albern. Thomas und Heinrich Mann nicht. Hesse auch nicht, er wäre aber viel lieber zu den Malern gegangen.

Weil sich nicht immerzu alle Künstler treffen können, haben sie eine Art Ältestenrat und einen Ältesten. Das sind der Senat und sein Präsident. Die verschiedenen Abteilungen machen nun viele Veranstaltungen – Konzerte, Ausstellungen, Lesungen – mit Künstlern, die sie wichtig finden. Also vor allem mit sich selbst. Aber auch mit anderen.

Man steht eigentlich gar nicht schlecht auf der schiefen Eingangsebene am Pariser Platz. Und so ein leicht irritierter Wirklichkeits- als Gleichgewichtssinn ist einem Ort der Künste doch kongenial. Ja, bezeichnet es nicht geradezu den Anspruch der Kunst, den Gleichgewichtssinn der Gesellschaft durcheinander zu bringen? Die Akademiemitglieder befinden sich allerdings mehrheitlich bereits in jenem etwas fortgeschrittenen Alter, da der Mensch lieber sitzt statt steht, und schon gar nicht schräg. Darum konnte Heinrich Heine gleich nach seiner Ankunft in Paris berichten: Zuerst habe er sich die Leichenausstellung der Morgue angesehen und dann die der Académie Francaise. Die Académie Francaise, gegründet vom Sonnenkönig persönlich, ist noch immer das Urbild aller neueren, also erst wenige Jahrhunderte alten Akademien. Man versteht jetzt auch besser, warum bei der letzten Berliner Akademievollversammlung im Oktober fast nicht über die neue Satzung diskutiert werden konnte, denn es wurden immerzu Nachrufe vorgelesen. Muschg ist schon öfter mit Äußerungen aufgefallen wie: „An der Académie Francaise wäre das nicht passiert!“ Dazu muss man wissen: Die Académie Francaise existiert. Allein dieser Umstand erfüllt die Franzosen mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit. In Deutschland ist das anders.

Höchste Zeit also für die Frage: Wie schräg darf eine Akademie der Künste sein? Und wer hat Recht, der zurückgetretene Akademiepräsident oder die Mitglieder der Akademie? Und ist die Selbstbehauptung des Akademievolks schon Reformunfähigkeit, wie Muschg sagt?

Als die Nachricht vom Rücktritt des Akademiepräsidenten das bereits erwähnte Akademiemitglied (Ost) mit dem waagerechten Fußboden erreichte, stand es bedächtig vom Sofa auf und griff zielsicher nach der Satzung der Akademie der Künste. Und zwar nach der noch gültigen Satzung. Denn weil die Akademie die neue selbst geschriebene Satzung des Präsidenten nicht bedingungslos wollte, ist der Präsident ja zurückgetreten. Das Mitglied fand, was es dunkel bereits ahnte: Der Akademiepräsident durfte gar nicht zurücktreten. Er darf seinen Rücktritt nur vor der Mitgliederversammlung erklären. Und die ist erst im Februar. Muschg ist also satzungsgemäß noch im Amt. Das Akademiemitglied Ost kennt sich nämlich in Satzungsfragen aus. Ja, man kann sagen, es hat eine gewisse Leidenschaft für Satzungsfragen entwickelt, Paragrafen also. Das Mitglied heißt Friedrich Dieckmann und denkt sonst eher über Dichter und Komponisten nach, zuletzt in Buchform über Schiller und Mozart. Das Satzungswesen ist überhaupt ein Gebiet, für das Künstler traditionell eine eher gebremste Leidenschaft empfinden. Und nun das.

Die Akademie braucht dringend eine neue Satzung. Denn soeben, am 1. Januar 2006, ist das „Gesetz zur Errichtung der Akademie der Künste“ in Kraft getreten. Nun könnte man einwenden, in Berlin gibt es die Akademie der Künste schon seit über 300 Jahren, das alte, viel geliebte Domizil am Hanseatenweg nicht ganz so lange, und selbst der Neubau am Brandenburger Tor steht. Was also wird errichtet? Vielleicht wäre „Übernahme“ das treffendere Wort gewesen oder „Selbstübergabe“, doch das klingt nicht halb so innovativ wie „errichten“. Die (Berlin-Brandenburgische) Akademie der Künste befindet sich also seit ein paar Tagen in der Obhut des Bundes, welche vor allem eine finanzielle Obhut ist. Und dahin kann sie nun mal nicht mit der alten Satzung. Sie muss sich neu formatieren. Ins Größere. Ins Offenere. Ins Bundesweite. Manche sagen sogar: ins Europaweite.

Muschg fand das sehr gut. Als Schweizer darf man schon immer zugleich ganz hinterm Berg sein und ist trotzdem irgendwie europaweit. Und die Demokratie ist in der Schweiz gewissermaßen erblich. Muschg war also der ideale Akademiepräsident. Das fanden viele. Nur das nörgelige Akademiemitglied (West) sagte damals schon zu Muschg, der bei ihm zu Hause am Wohnzimmertisch saß mit Blick auf die bedenkliche Akademie-Rückseite: Adolf, sagte Rolf Hochhuth, ich werde dich wohl wählen, aber ich bin dagegen, dass schon wieder ein Ausländer Präsident wird.“ Das ist keine ausländerfeindliche Äußerung als vielmehr der ausgesprochene Verdacht, dass diese Ausländer immer viel zu höflich sind zu den Berliner Behörden. Hochhuth hält das für einen folgenschweren Fehler.

Für alle, die wissen wollen, warum eine Akademie der Künste mit Sitz Berlin einen Schweizer Präsidenten haben kann, sei erklärt: Die Akademie nimmt auf, wen sie will, international. Das ist ungefähr wie früher an der Platonischen Akademie. Der Kommunismus der Elite, eine Republik der freien Geister, vorausgesetzt, man hatte – das soll als Bedingung überm Eingang der Platonischen Akademie gestanden haben – Ahnung von Geometrie. Ein gutes Kriterium, siehe Schräge. Wahrscheinlich hatte die Platonische Akademie nicht mal eine Satzung. Und dass Platon der Chef war, wussten ohnehin alle.

Machen wir es also kurz, dachte opferbereit der Präsident und nahm es auf sich, seiner Akademie eine schöne neue Satzung zu schreiben. Mehr bundesweit. Mehr europaweit. Dabei ist eine internationale „Republik der freien Geister“ per se schon über-berlinweit, über-bundesweit, über-europaweit. Muschg fand es einigermaßen befremdlich, dass sich einige vorwitzige Mitglieder wirklich für seine Satzung interessierten. Das Mitglied (Ost) etwa hatte viele Verbesserungsvorschläge. Der Präsident schwieg beredt-nachsichtig. Das war bereits im Frühjahr des vorletzten Jahres. Im letzten September schrieb der Präsident einen zweiten Satzungsentwurf und war sehr befremdet, als das Mitglied schon wieder Beanstandungen hatte. Im „Gesetz zur Errichtung der Akademie der Künste“ steht: „Die AdK berät und unterstützt die BR Deutschland in Angelegenheiten der Kunst und Kultur.“ Hier finden wir schon die viel gestellte Frage beantwortet, wozu so eine Akademie der Künste überhaupt gut ist außer für die Künstler. Beraten und unterstützen? Dabei weiß doch jeder, dass eine Bundesregierung, die noch bei Trost ist, auf solche Beratung gern verzichtet. Erstens, weil Kultur ohnehin Ländersache ist, zweitens, weil 68 doch vorbei ist, und drittens, weil demokratische Regierungen tendenziell kulturfern sind. Denn Kulturrepräsentanten sind im Gegensatz zu Repräsentanten anderer Bereiche nicht mächtig, weshalb sie moderne Demokratien vor allem als Alimenteempfänger wahrnehmen. Der Sonnenkönig, eigentlich ein lausiger Demokrat, teilte immerhin noch ein Stück realer, eigener Macht mit seiner Akademie, nämlich die geistige. Die gibt es nun nicht mehr, jedenfalls nicht als Macht. Daher ist das „berät und unterstützt“ vor allem eine Freundlichkeit. Ohnehin suchte erst Schröder wieder die Nähe von Künstlern und Intellektuellen und hatte sogar was mit ihnen zu besprechen.

Muschg hatte in seinem Satzungsentwurf das „unterstützen“ schon mal weggelassen, was dem Akademie-Volk negativ auffiel. Und so ging das immer weiter. Vor allem gegen Muschgs Idee, den Senat der Akademie der Künste zu vergrößern, regte sich Misstrauen, bis an die Grenze offener Meuterei. Das widerständlerische Mitglied Rainer Kirsch, Dichter, entschloss sich bei der Mitgliederversammlung im Oktober zu der schwer wiegenden Vermutung: „Was tut man, wenn man ein Entscheidungsgremium entmachten will? Man bläht es auf, das heißt, man nennt das natürlich anders, man spricht von erweitern. Das lässt sich sehr schön am Lenin’schen Politbüro, aber auch an vielen anderen Gremien demonstrieren. Nun wollen Sie, wie ich gelesen habe, den Senat erweitern? Den bilden ja bisher die Sektionsdirektoren, und jetzt sollen aus der Masse der Akademiemitglieder gewählte Senatoren hinzukommen. Dies ist, liebe Freunde, eine Entmachtung ...“ Intellektuelle im Osten sind da empfindlich. Denn schon sehr früh im Herbst 1989, als das Politbüro der SED noch gar nicht zurückgetreten war, ging ein Raunen durch die intellektuelle, eher staatsferne Ost-Republik. Nichtjuristen aller Couleur interessierten sich plötzlich nur noch für Paragrafen: Wir brauchen eine Verfassung! Die Rechte des Einzelnen gegenüber dem Ganzen – die existierten nicht in der DDR-Verfassung – sollten endlich bestimmt werden. Der Verfassungspatriotismus Ost ist später sehr enttäuscht worden in der Ist-doch-garnichts-passiert-ihr-schließt-euch-einfach-an-Vereinigung. Doch eine ungeheure Satzungsfragensensibilität ist geblieben.

Im Westen war man schon immer empfindlich gegen Enteignungen. „Wir Trottel!, wir Trottel!, warum sind wir bloß nicht bessere Juristen geworden?“, ruft das Akademiemitglied (West), das im Rücken der neuen Akademie wohnt. Vor ein paar Jahren merkte das Adlon, dass es noch mehr Platz brauchte, für einen Speisesaal vielleicht. Da war aber keiner mehr. Das Adlon würde seinen Speisesaal also ganz tief in der Erde verbuddeln müssen – so ungefähr auf Höhe des einstigen Führerbunkers. So kam es nicht. Die neue Akademie der Künste hat nun leider keinen Raum mehr, in den alle 347 Mitglieder gleichzeitig hineinpassen, was sich bei der Eröffnung leicht irritierend bemerkbar machte. Auch musste die Akademie ihre Archivräume ganz tief in die Erde vergraben, wohin das benachbarte Akademiemitglied manchmal noch heute den Speisesaal des Adlon wünscht. Denn es ist sehr feucht da unten, und die acht Milllionen Verkaufserlös waren Peanuts gegen die fortan notwendigen Trockenlegungskosten. Trotzdem ist das Reich des Schimmels noch immer keinem einzigen Buch zumutbar.

Irgendwann wäre es Zeit für einen unhöflichen Präsidenten gewesen. Für eine Verfassungsklage, findet Hochhuth.

Gut, dass die Akademie das neue schöne Behnisch-Glashaus hat. Zwar ist Glas als Chiffre demokratischer Transparenz etwas milchig geworden, seit Monopolisten aller Art mit Vorliebe in rundum transparenten Ganzglaskondomen sitzen. Aber ästhetisch – was für ein Ausrufezeichen neben dem Hotel!

Wo aber ist nun die Lösung der Akademie-Misere? Natürlich könnte man den Rest des Akademie-Gebäudes auch noch dem Adlon schenken und die Akademie einfach auflösen. Das Adlon hätte dann endlich eine bedeutende Architektur und noch mehr Speisesäle, der Bund würde Geld sparen, Adolf Muschg würde als letzter Akademiepräsident in die Stadtgeschichte eingehen, und vielleicht würden wir gar nichts merken. Denn manche Akademie-Künstler kennt man gar nicht. Der erste Chef der Abteilung Literatur hieß Ludwig Fulda. Kennt auch keiner mehr. Oder nur durch Robert Musil: „Ich möchte nichts Bitteres wider Ludwig Fulda sagen. Er hat Zeit seines Lebens die deutsche Sprache und den menschlichen Vorzug der Gedankenfreiheit missbraucht; aber er wusste es nicht.“ Es gibt nur ein Problem. Die Ludwig-Fulda- Künstler, die nicht mal so lange sie leben unsterblich sind, sind gestern wie heute außerhalb der Akademie deutlich in der Überzahl. Und sie werden stündlich mehr. Platz frei für die Jungen? Aber mit 30 hat man nun mal noch kein Werk. Überall rufen wir die Elite-Institutionen zurück. Sollten wir also wirklich eine der letzten real existierenden aufgeben? Vielleicht ist es ja der einzigartige Vorzug der Akademie, dass da die üblichen Verdächtigen nicht drin sind. Nicht die, die jeder kennt. Muschg wollte mehr Ehrenmitglieder, auch Nichtkünstler, um das ein bisschen auszugleichen. Die Ost-Akademie hatte früher auch alle möglichen kunstfernen Ehrenmitglieder. Lieber nicht, sagen viele. L’art pour l’art ist besser. Der Zweck der Kunst ist die Kunst. Das wusste schon Heine. Es mag als Standpunkt ziemlich undemokratisch klingen. Aber es ist der einzig mögliche. Und er schließt die Wirkung ins Allgemeine nicht aus, ja er ist vielmehr deren Voraussetzung.

Manche überlegen nun, ob so eine Akademie sich nicht auch zu der immerhin größten Kulturaufgabe der letzten Jahre hätte äußern müssen, zur Rechtschreibreform. Hier die Überraschung: Sie hat es getan. Und nicht nur eine. 2003 und 2004 haben zuerst acht, dann zehn deutsche Akademien der Künste und der Wissenschaften einen offenen Brief an die Kultusministerkonferenz geschrieben. Reformiert die Reform oder gebt sie ganz auf! Dieser Zusammenklang deutscher Akademien war geschichtlich einzigartig. Doch alle taten so, als hätten sie nichts gehört. Vielleicht liegt der Reformbedarf nicht nur bei der Akademie allein.

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