Zeitung Heute : Resozialisierung in den USA: In die Wüste geschickt

Annette Kögel

"Gucken Sie mich doch an. Ich kann nicht mal mehr eine Shorts anziehen." Sholanda krempelt die Armeehose hoch. Hinter der Narbe im linken Knie steckt eine Gewehrkugel. Das Souvenir von einem Mädchen aus der gegnerischen Gang wird Sholanda nicht mehr los. Doch jetzt soll aus der 16-jährigen Schwarzen, die auf Gleichaltrige gefeuert und Touristen überfallen hat, ein netter Teenager werden. Sholanda steht wie Tausende Kinder und Jugendliche aus Los Angeles in einem Erziehungs-Camp stramm: Antreten zur Besserung.

Drei mal zwei Meter - für ein Jahr sind sie Sholandas Zuhause. Die Einzelzelle ist sauber, fast steril. Bilder an der Wand sind verboten. In solchen Zimmern werden nur renitente Insassen untergebracht - oder besonders sensible und selbstmordgefährdete wie Sholanda. Ihre Zelle befindet sich im Isoliertrakt von "Camp Challenger" im kalifornischen Lancaster, zwei Autostunden östlich von Los Angeles in der Mojave-Desert. Die Gesellschaft schickt diejenigen, mit denen sie nicht zurechtkommt, in die Wüste.

Sechs Camps reihen sich im Erziehungslager um das Exerzieroval. Die stacheldrahtbewehrten Lager sind nach Geschlechtern getrennt. Die Jugendlichen kommen ohne privates Gepäck hierher. Sie werden mit grünen Baumwollhosen und weißen T-Shirts eingekleidet, lange Haare werden geschoren. Kinder werden zu Kadetten, ihre Vornamen kennt keiner vom Wachpersonal. "Sir, yes, sir!" - so hat auch Sholanda gelernt zu antworten. Die Jungen und die Mädchen schlafen jeweils zu Dutzenden in einem Raum. In der Mitte des Saals wachen rund um die Uhr Officers auf einem Podest über die Insassen. Kameras übertragen jede Bewegung auf die Bildschirme im zentralen Kontrollraum, auch aus Sholandas Zelle. Nicht mal auf der Toilette gibt es eine Privatsphäre: Das Klo hat keine Tür. Unterordnen, anpassen, gehorchen, aber auch Selbstachtung und Respekt anderen gegenüber - das Regelwerk zum Auswendiglernen hängt überall an der Wand: "Ich will ein besserer Mensch werden." Auch Sholanda hat Leitsprüche wie diesen schon oft aufgesagt.

Weg mit den Waffen, weg von der Straße - und stattdessen während einer Auszeit mit strengen Regeln ein Leben ohne Gewalt lernen: Das war das Ziel der Camp-Begründer in den Vereinigten Staaten. Oklahoma und Georgia eröffneten 1983 die ersten militärisch geführten Erziehungslager für Erwachsene. Anfang der 90er Jahre folgten "Bootcamps" nur für Jugendliche. Allein L.A. County mit mehr als zehn Millionen Einwohnern betreibt 18 solcher Jugendeinrichtungen, jedes mit rund 120 Insassen. Die ersten Lager wurden gebaut, weil die Gefängnisse ständig überfüllt waren und man nach einer billigen Ersatzlösung für "gewaltfreie Ersttäter" suchte, für Delinquenten also, die in Deutschland höchstens eine Geld- oder Bewährungsstrafe erhielten. Längst verbüßen in Bootcamps aber auch solche Kinder und Jugendliche ihre Strafe, unter denen ein bewaffneter Raubüberfall als Kavaliersdelikt gilt.

Wie Sholanda. "Every other day", von Tag zu Tag, hat sie Bankkunden oder Touristen überfallen und aus Autos auf feindliche Gangs geschossen; "Drive-by-Shooting" nennt man so etwas. Sholanda wusste sich nicht anders zu helfen. "Bei meiner Mutter und mir ist selbst eingebrochen worden, und das Geld, das ich beim Taco-Bell-Restaurant verdiente, hat nicht gereicht." So kam sie wegen "Raubs, tätlichen Angriffs mit einer tödlichen Waffe und Drogenbesitzes" ins Bootcamp. Sholanda wird ein Jahr im Lager bleiben, üblicherweise sitzen die Kinder und Jugendlichen sechs Monate. Verstoßen sie oft gegen die Regeln, müssen sie die ursprünglich vom Gericht verfügte, volle Strafe im Jugendgefängnis absitzen.

"Camp Challenger" wurde in Gedenken an die verunglückte Raumfähren-Crew errichtet. Challenger - für Sholanda ist jeder Tag eine Herausforderung. 24 Stunden sind im Minutentakt zerhackt. Um 6 Uhr 30 Wecken, 7 Uhr 30 Frühstück, 8 Uhr 15 Fertigmachen für die Schule, 12 Uhr Lunch, 13 Uhr 15 Schule, 15 bis 16 Uhr Freistunde im Schlafsaal, 16 bis 17 Uhr Sport, 17 Uhr 30 Abendessen, 18 Uhr 30 Kurse für junge Eltern in Babywickeln und Sozialverhalten, 20 Uhr Duschen, 21 Uhr Bettruhe. Wenn sich die 12- bis 19-Jährigen bewegen, müssen sie marschieren - oder zumindest im Laufschritt traben. Wer im Camp nicht folgt, muss Liegestütze machen oder zur Einzelhaft in die Isolationszelle. Wer eine Militäruniform bekommt, gehört zu den Privilegierten. Sholanda trägt Boots und Armeekleidung - sie macht sich gut, heißt es bei der Campleitung.

Doch Drill allein genügt nicht. "Eigentlich brauchen die Jugendlichen mehr psychologische Betreuung", sagt "Challenger"-Mitarbeiterin Michelle Guymon. Sie hat zusätzliche soziale Angebote im Camp eingeführt. Zum Beispiel hat sie die Insassen gebeten aufzuschreiben, woran sie sich nicht gern erinnern. Michelle liest vor: "Daran, dass mein älterer Bruder ins Gefängnis kam", "dass mein Cousin getötet wurde". Wovor sich die Kinder fürchten? "Dass ich erschossen werde", "vorm Tod", "dass jemand aus meiner Familie stirbt, während ich im Knast bin".

Vor alldem hat auch Sholanda Angst. Die junge Schwarze sortiert in ihrer Zelle die Habseligkeiten im Regal unterm Bett: ein Kamm, eine Bürste, ein Deostift, die Bibel - das ist alles, was sie besitzen darf. Sholanda senkt den Kopf. "Meine Leute aus der Gang haben sich noch nicht gemeldet und mir Geld geschickt, obwohl sie mit Drogen 3000 Dollar am Tag machen."

Dort, wo die junge Schwarze aufwuchs, sind die Straßenzüge, die Bürgersteige und Läden unter den Gangs aufgeteilt. Sholanda gehörte zu den "Hooters", und sie hat erlebt, dass der wirkliche Straßenkampf heftiger ist als jeder Actionfilm. "Im Supermarkt darf ich mich nicht sehen lassen, sonst fange ich mir noch eine Kugel ein", sagt sie.

In L.A. haben Hunderttausende ihr Leben einer Gang verschrieben: Die Spezialeinheit der Polizei hat allein im sozialen Brennpunkt Compton 80 000 Mitglieder registriert. Die größte Gruppe sind die "Cripps", darauf folgen die "Bloods". Die Mitgliedschaft wird von Generation zu Generation vererbt. Auch Sholanda wurde die Gang-Zugehörigkeit in die Wiege gelegt. Um viel mehr hat sich ihre Mutter allerdings nicht gekümmert.

In "Camp Challenger" bekommt Sholanda drei Mahlzeiten am Tag. Sie geht jeden Tag zum Schulunterricht. Viele Kinder kennen solche geregelten Strukturen nicht. Manch einer konnte vor der Einlieferung weder lesen noch schreiben oder mit Messer und Gabel umgehen. Weil man das im Camp lernen kann, haben die Lager bei einigen Eltern so einen guten Ruf, dass sie ihren Nachwuchs freiwillig anmelden wollen.

Wie Sholanda ihre Zukunft sieht? Sie ahnt, dass es schwierig wird: "Selbst wenn ich draußen ein neues Leben beginnen will - die anderen nehmen darauf keine Rücksicht. Für die bin ich ein Feind, die bringen mich um." Studien zufolge liegt die Rückfallrate bei den "Cadets" der US-Bootcamps trotz Abschreckungsdrills sogar höher als beim herkömmlichen Strafvollzug. Manchmal hilft es, die Insassen zu Verwandten in andere Bundesstaaten zu schicken. Wenn sie dort jemand will. "Auch wenn die Mädchen schwanger werden, erkennen sie manchmal ihre Verantwortung dem Leben gegenüber", weiß Betreuerin Michelle.

Sholanda kümmert sich derweil um die farbige Puppe einer Campgenossin, eine junge Mutter, die Kleinkindpflegekurse belegt. Später soll Sholanda sich mit ihrer Erzrivalin im Camp treffen, es ist eine Aussprache geplant. Sholanda wird das Essensbesteck nicht zur Waffe umfunktionieren, wie es in anderen Camps schon geschehen ist.

Jungs verlieren im Erziehungslager schneller die Beherrschung, sind oberflächlicher, weniger selbstbewusst. Die Tattoos verraten, wer sein Leben welcher Gruppe verschrieben hat. Zum Beispiel der Knastgang "Mexican Mafia". Wenn deren Mitglieder vor Gericht stehen, tragen sie Fußfesseln und werden an den Stuhl gekettet. Vorbilder auch für Sholandas Campgenossen Bobby. Der ist gerade 13. Mit 10 stand der kindliche Schwarze mit dem Babyspeck das erste Mal vor dem Richter, weil er auf Gleichaltrige geschossen hat. "Du musst töten. Sonst wirst du selbst gekillt", kräht der Kleine. Was ihm am meisten Spaß gemacht hat, wenn er draußen unterwegs war? "Saufen und auf Nigger schießen." In Deutschland wären Sholanda oder Bobby schon längst bei einer Pflegefamilie oder im Heim in psychologischer Betreuung.

In der Region Los Angeles hingegen werden so viele kriminell gewordene Minderjährige und volljährige Jugendliche in Camps und Knästen vor der Gesellschaft in Sicherheit gebracht wie sonst nirgends auf der Welt. Bei der größten Staatsanwaltschaft Amerikas bekamen im Jahr 1999 1200 Anwälte allein 27 000 schwerwiegende Fälle jugendlicher Straftäter auf den Tisch. Vergewaltiger, Mörder, Räuber, Entführer, Diebe.

Einen Schutz Minderjähriger bis zu 14 Jahren vor Verurteilung und Haft wie in Deutschland kennt Amerika nicht - so will man dem Trend entgegenwirken, dass Volljährige immer öfter die kleine Schwester oder den jüngere Bruder als Killer anheuern. In manchen Bundesstaaten gilt das "Three-strikes-law" jetzt auch für Jugendliche: Nach drei Straftaten sitzen sie lebenslang hinter Gittern. Andernorts wurde das Mindestalter gesenkt, bei dem Jugendliche nach Erwachsenen-Strafrecht verurteilt werden können.

Oft genug bringen sich die Jugendlichen gegenseitig um. Und manchmal, das weiß auch Sholanda, passieren dumme Missgeschicke. Sie erzählt von Kids, die nachts mit dem Auto loszogen. Sie haben auf ein Haus gezielt und getroffen. Bei Dunkelheit konnten sie nicht sehen, dass einer aus dem Wagen heraus seinen eigenen Bruder umgebracht hat. Sholanda atmet tief durch. Sie weiß, sie will zu dieser Szene nicht mehr dazugehören. "Killen ist einfach nicht ladylike."

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