Zeitung Heute : Respekt gegenüber dem Lehrer ist angebracht

IMKE NOWISZEWSKI

Was ist Amerika? Ist es wirklich nur Hot Dog, Hollywood, L.A.und der "American way of life", der in den USA gepflegt wird, jenem Stück des Kontinents, das eingeklemmt zwischen Kanada und Mexiko liegt? Ich hatte mich als Austauschschülerin entschlossen in ein Stück Amerika zu reisen, wo es noch nicht allzuviele hin verschlagen hat.In ein Land an der Südspitze des Kontinents, begrenzt von Uruguay, Brasilien, Paraguay, Bolivien und Chile - Argentinien eben, "das Silberland" oder auch "das Land der sechs Kontinente" genannt..

Der Gedanke, ein Austauschschuljahr zu machen, kam mir schon, als ich 14 Jahre alt war.Zum Herbst 1995 nahm er klare Gestalt an.Von Anfang an war für mich klar, daß ich in kein englischsprachiges Land wollte.Meine Priorität war, in ein Land zu fahren, wo ich die Sprache nicht beherrschte, um sie über die Kultur zu lernen.Heute, ein Jahr nach meiner Rückkehr, bereue ich diese Entscheidung nicht.Im Gegenteil.

Es verschlug mich im Juli 1996 für ein Jahr nach Villa Angela, in eine Kleinstadt mit 35 000 Einwohnern in der Provinz Chaco, ganz im Norden von Argentinien.Der Unterschied zwischen Berlin und Villa Angela machte sich schnell bemerkbar, denn kurz nach meiner Ankunft beispielsweise wußte die ganze Stadt über mich Bescheid.Das Interresse steigerte sich noch dadurch, daß ich die erste deutsche Austauschschülerin dort war.Und so geschah es ziemlich schnell, daß man mich für blond und blauäugig erklärte, denn ich sei ja schließlich Deutsche.

Dennoch verlief das Jahr sehr ruhig.Die anfängliche Sprachbarriere verschwand schnell, und so plapperte ich bald fröhlich mein noch in den Anfängen steckendes Spanisch.Mein Unwissen ist schamlos ausgenutzt worden, in dem man mich dauernd mit irgendwelchen ordinären Ausdrücken konfrontierte.Als ich die "schmutzigen" Wörter dann gelernt hatte, benutzte auch ich sie selbst regelmäßig und schockierte damit meine Lehrer und Eltern von Freunden.Nicht nur dabei bin ich oft in moralische Fettnäpfchen getreten und habe gegen Regeln verstoßen.

Das dies geschehen würde, war mir von Anfang an klar, aber meine erste Gastfamilie kreidete mir alles extrem an.Nach einem Monat verschwand dann ihre übertrieben aufgeschlossene und freundliche Stimmung.Nach Problemen mit meinem Gastbruder und meiner Gastmutter wechselte ich nach einem halben Jahr die Familie.Glücklicherweise blieb ich in der Stadt und in der Schule, denn dort hatte ich mir schon einen großen Freundeskreis aufgebaut.

Von Ende November bis Mitte März hatten wir Sommerferien - Gott sei Dank waren sie so lang.Denn die Temperaturen kletterten von Oktober bis Dezember extrem in die Höhe - am ersten Weihnachtstag waren es über 50 Grad.Ich konnte meine Freundinnen nicht verstehen, die bei diesen Temperaturen noch fröhlich zum Joggen oder Aerobic gingen, denn auch nachts fielen die Temperaturen nur wenig.

Zu der höllischen Hitze kamen dann noch die sehr strengen Schulregeln.Auch bei 40 Grad und mehr mußten wir Jeans und T-Shirts tragen und die Jungen Jeans und weißes Hemd.Sandalen waren nur dann erlaubt, wenn sie einen Gurt um die Ferse hatten.Das Haar durfte nicht offen getragen werden, und Make up war verboten.Jungs, die nicht rasiert waren, bekamen eine Verwarnung.Den Lehrern mußten wir mit Respekt begegnen, sonst gab es schnell einen Tadel.Diplomatie war also gefragt, wenn man einem Lehrer erklären wollte, daß seine Methoden nicht ins Schwarze trafen.Rauchen war ebenfalls verboten.Ich hielt mich daran, denn als Austauschschülerin muß man sich schließlich an die gegebenen Umstände anpassen.

Ich habe viel erlebt, Positives und Negatives - so ein Jahr ist kein Zuckerschlecken.Zum Beispiel hat mich das Familienzusammengehörigkeitsgefühl sehr beeindruckt, das ich in meiner zweiten Gastfamilie erleben konnte.Dank vieler Bekanntschaften habe ich viel von Argentinien gesehen, zum Beispiel Buenos Aires, die Wasserfälle des Iguazu an der Grenze zu Brasilien, oder Cordoba, eine der jüngsten und modernsten Städte.So kam es, daß das Abschiednehmen vor der Heimreise tausendmal schlimmer war als das Wiedersehen-Sagen vor dem Hinflug.

Schwierig zu verstehen ist die soziale und wirtschaftliche Situation dort.Auch wenn Argentinien als reichstes und an Europa orientiertes Land Südamerikas gilt, bedeutet das noch lange nicht, daß die Kluft zwischen Arm und Reich beseitigt sei.Zu den Armen gehören auch die wenigen Ureinwohner, deren Vorfahren die Missionierung durch die Spanier überlebten, und die heute von der Bevölkerung nicht besonders geschätzt werden.

Aber Argentinien ist ein wundervolles Land, in dem man schnell die Augen für das Negative verliert.Ein Grund dafür mag die dortige Mentalität sein, die so unbekümmert, lebensfroh, herzlich, aufgeschlossen und optimistisch ist.Das hat sich bei mir besonders nach meiner Rückkehr nach Deutschland bemerkbar gemacht, als ich wieder mit der harten und grauen Wirklichkeit konfrontiert wurde.Aber mittlerweile kann ich auch dem deutschen Leben eine positive Seite abgewinnen.

Die Autorin ist 21 Jahre alt und hat in diesem Jahr am Hans-und-Hilde-Coppi-Gymnasium in Berlin-Karlshorst ihr Abitur gemacht.Sie und ihre Familie waren selber schon Gastfamilie für eine Austauschschülerin aus Costa Rica.

Einjährige Studienaufenthalte in über 40 Länder rund um den Globus vermittelt der Verein Berliner Austauschschüler e.V.(VBA).Die Teilnehmer werdenintensiv auf die Fremde vorbereitet, leben dort bei einer Gastfamilie in einer kleineren Stadt und nehmen nach der Rückkehr an einer Nachbereitung teil.Interessierte Berliner Jugendliche müssen sich auf Kosten für das Auslandsjahr von etwa 3500 Mark in Ungarn oder Polen bis hin zu 9800 Mark in Australien oder Neuseeland einstellen.Dazu sollte ein monatliches Taschengeld von etwa 120 bis 150 US-Dollar gerechnet werden.Der VBA weist darauf hin, daß ein Auslandsjahr sich auf jeden Fall lohne - auch wenn damit ein Schuljahr zu Hause verloren geht.

Informationen und Programmunterlagen sind erhältlich beim VBA im Willy-Brandt-Haus (Wilhelmstraße 140, 3.Etage, Raum 3.33, 10963 Berlin-Kreuzberg), t 282 93 79, mo, di, mi, fr von 10 bis 17 Uhr, do von 10 bis 20 Uhr.

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