Zeitung Heute : Retrogefühl spüren

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

Volles Retrogefühl, letzte Woche. Erst gab’s „Good Bye, Lenin“ und dann die Friedensdemo. Journalisten, die mitdemonstrierten im Zug der 500 000 durch Berlin, fühlten sich an die 80er Jahre erinnert. Es sei wie damals in und um Bonn, als man gegen Raketen auf die Straße ging, die Pershings hießen und gegen ein Programm, namens SDI, das sich zwischen den Sternen abspielen sollte. Damals gab es Sticker mit Friedenstauben und durchgestrichenen Bomben zu kaufen, so wie vergangenen Samstag am Straßenrand. Weil auch solche mit „Atomkraft – nein danke!“ zu haben waren, fühlten sich ein paar Aktivisten wie vor zwanzig Jahren unter Helmut Kohl. Keine Ahnung, ob das als Errungenschaft oder große Verwirrung zu werten ist. Aber ich hatte andere Vergleiche im Kopf.

Auch wir haben in den 80ern Friedenstauben und Atompilze gemalt, aber Bonn war nur im Fernsehen und überhaupt ziemlich weit weg. Als wir im Osten mal richtig zu demonstrieren anfingen, war es wie immer etwas später. Es ging auch nicht um Raketen, sondern um eine alte Garde roter Männer. Da wir sie loswerden wollten, bekamen sie Angst. Da sie die Regierung waren, hatten wir Angst vor ihnen. Am Ende haben wir uns alle so sehr gefürchtet, dass wir nur noch gemeinsam auf die Straße gingen. Eine Million sollen an jenem Samstag im November 1989 auf dem Alex gewesen sein. Vielleicht war es auch nur die Hälfte. Aber was macht das schon. Fünf Tage später fiel die Mauer.

Von all dem hat die aus dem Koma erwachte Mutter in „Good Bye, Lenin“ nichts mitgekriegt. Soll sie auch nicht, wie inzwischen jeder weiß, der schon mal einen Satz über Wolfgang Beckers Film vernommen hat. Jede Aufregung wäre tödlich, aber eine solche ist die Abschaffung einer Regierung samt Staatsgefüge wohl. Was Muttern im Laufe des Films vorgelogen wird, ist überaus bizarr und meist sehr komisch. Über die Drehbuchschnitzer sieht man großzügig hinweg, wenn auch unter Fachpublikum, sprich Ossis, inzwischen heiß diskutiert wird, ob a) Spreewaldgurken im Osten überhaupt so hießen und ob sie b) jemals aus den Regalen verschwunden sind, wie der Film behauptet. Leider gibt es bisher nur widersprüchliche Aussagen. Es ist einfach zu lange her.

Dass mit der Zeit Details unscharf werden, ist zumindest ein Segen fürs Marketing. Bei der laufenden Kampagne für „Good Bye, Lenin“ kann nun auch der geneigte Kinogänger aus wie Ost wie West mitraten. Obwohl die Fragen in der Anfängerkategorie liegen (inzwischen weiß wohl jeder, dass mit „Arbeiterschließfach“ die Plattenbauwohnung gemeint ist) kann es nicht schaden, ein paar Begriffe wie „Wimperndreher“ (Mascara), „Flötenkessel“ (Wasserkocher) oder GaPi (Gasanzünder in Pistolenform) vor dem Verstummen im Lexikon zu bewahren. Wörter überleben ja nur, wenn man sie gebraucht. Und was hören wir neuerdings aus Leipzig? Montagsdemos sind wieder in. Na, wenn das keine erfolgreiche Wiederbelebung ist!

Der Film läuft seit letzter Woche. Am besten guckt man sich den Streifen im stilechten Ambiente des Kinos „International“, Karl-Marx-Allee, U-Bahnhof Schillingstraße, an. Heute 16.15, 19 und 21.45 Uhr.

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