RETROSPEKTIVEHAP Grieshaber : Achtet den göttlichen Zufall

Jens Hinrichsen

Traurige Taube! Sie sträubt, wehrt und windet sich, doch stramm bleibt die Fessel, die ihre Krallen verschnürt. Aus wenigen Flächen hat HAP Grieshaber das Tier 1950 in Holz geschnitten. Wie ein mahnendes Schriftzeichen wirkt das malträtierte Friedenssymbol vor blauem Grund. Anlässlich des 100. Geburtstags von HAP (Helmut Andreas Paul) Grieshaber, des wohl bedeutendsten Holzschnittmeisters der Nachkriegszeit, wird die „Gefesselte Taube“ in einer großen Retrospektive im Kunstforum der Berliner Volksbank präsentiert. Zugleich prunkt die Ausstellung mit rund 70 anderen Arbeiten des Künstlers, der 1981 in Reutlingen starb.

Zweierlei Polen im Gesamtwerk Grieshabers will die Schau mit dem programmatischen Titel „Zeitgeschehen und Natur“ gerecht werden: einerseits dem politischen Einsatz eines homme engagé, der als junger Künstler mit den Nazis über Kreuz geriet. Natürlich in Berlin dabei: die anlässlich der „Luftbrücke“ 1952 geschaffene weibliche Personifikation der „Berolina“, vor dem Hintergrund eines US-Flugzeugs thronend. Die andere, poetische Seite Grieshabers lockt in ein herbschönes, von mythologischen Figuren und allerlei Getier bevölkertes Paradies, in dem fantastische Bäume aufragen. Gerade in diesen Farbholzschnitten zum Thema Natur entfaltet sich die atemberaubende Formerfindungskraft des Künstlers, dem die Nachkriegsdebatte „Figuration versus Ungegenständlichkeit“ herzlich egal war. „Verachtet alle Mätzchen, den eleganten Bluff“, riet Grieshaber seinen Studenten, „aber achtet den göttlichen Zufall und lernt ihn meistern.“ Wer konnte das besser als Grieshaber selbst? Jens Hinrichsen

Kunstforum Berliner Volksbank, Do 15.1. bis So 19.4., tgl. 10-18 Uhr, 4 €, erm. 3 €

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