Zeitung Heute : Rette sie, der kann

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Nach seinem Vorschlag, Geldquellen für die Entwicklungshilfe aufzutun, reist Frankreichs Präsident Chirac heute in den Senegal. Was muss in Afrika passieren, damit Armut wirklich bekämpft werden kann?

Wer dachte, Afrika würde ob des Seebebens in Asien oder der Wahl im Irak in Vergessenheit geraten, wird dieser Tage eines Besseren belehrt. Erst vergangene Woche stand die Notlage des Kontinents ganz oben auf der Tagesordnung beim Davoser Weltwirtschaftsforum. Großbritanniens Premierminister Tony Blair rief zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung der Industriestaaten für Afrika auf. Ein weiteres Indiz ist die Afrikareise von Jacques Chirac, die heute beginnt. Wie Blair ist auch der französische Staatspräsident bereit, den ärmsten Ländern in Afrika ihre Schulden zu erlassen und ihnen mehr Entwicklungshilfe zukommen zu lassen.

Wer nach den Gründen der afrikanischen Misere sucht, darf die natürlichen Barrieren wie Klima oder Krankheiten, aber auch die koloniale Vergangenheit nicht außer Acht lassen. Allerdings versuchen Afrikas Regierungen damit gern vom eigenen Versagen abzulenken: Solange viele Staaten von Cliquen regiert werden, die zuerst sich und dann ihre Klientel versorgen, ist der Kampf gegen die Armut nicht zu gewinnen.

Ohne eine neue Geisteshaltung wird es deshalb auch kaum zu der von Südafrikas Präsidenten Thabo Mbeki oft beschworenen „afrikanischen Renaissance“ kommen. Mbeki versuchte es mit einer afrikanischen Variante des Marshallplans – der „New Partnership for Africas Development“ (Nepad). Darin verpflichten sich Afrikas Staatschefs ausdrücklich zu guter Regierungsführung und Reformen.

Unter dem ursprünglichen Marshallplan hatten die USA zwischen 1947 und 1951 etwa 13 Milliarden Dollar in den Neuaufbau der kriegszerstörten Wirtschaft in Europa gepumpt. Selbst auf dem Höhepunkt des Programms beliefen sich die Hilfsgelder aber nie auf mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der unterstützten Volkswirtschaften.

Im Vergleich dazu wird Afrika mit Geld jetzt geradezu überhäuft: Insgesamt beläuft sich die Entwicklungshilfe derzeit auf fast acht Prozent des afrikanischen BIP. Einige Länder finanzieren mehr als die Hälfte ihres Staatshaushalts mit Entwicklungshilfe – und werden immer abhängiger davon. Vielen Lippenbekenntnissen afrikanischer Machthaber sind wenige Taten gefolgt. So ist kein einziges der im Nepad-Dokument erwähnten Infrastrukturprojekte in den vergangenen drei Jahren auch nur angegangen worden.

Auch der Schulterschluss des Kontinents mit dem simbabwischen Diktator Robert Mugabe, der sein Land seit Jahren systematisch ausblutet, verheißt wenig Gutes. Obwohl der 80-jährige Despot gegen jeden Buchstaben der neuen Charta der Afrikanischen Union verstoßen hat, wird er auf dem Kontinent noch immer als Befreiungsheld hofiert.

Doch mögen die Probleme Afrikas auch überwiegend selbst verschuldet sein, so hat der Westen aus moralischen wie praktischen Gründen doch eine Verpflichtung zur Hilfe. Zum einen kann er es sich nicht erlauben, Millionen Menschen ihrem Schicksal zu überlassen. Zum anderen würde er die Folgen seines Nichtstuns durch Krankheiten und Flüchtlingsströme später umso stärker zu spüren bekommen.

Einmütigkeit besteht bei allem Dissens darüber, dass sich die Notlage Afrikas weiter zuspitzt. Schon deshalb geht es inzwischen weniger um die Frage, ob sich reiche Länder höhere Finanztransfers leisten können oder ob die Staaten Afrikas Kapazitäten haben, die neuen Gelder zu absorbieren. Wichtiger sind zwei andere Gefahren: Die Hilfe verdrängt oft jene Strukturen und Exporte, auf denen das langfristige Wachstum Afrikas fußt. Und immer mehr Geld verstärkt nur den schon jetzt ausgeprägten Hang zu Korruption und Misswirtschaft. Mehr Hilfe birgt somit neue Gefahren. Noch riskanter ist es jedoch, im alten Stil fortzufahren – und dem Kollaps Afrikas zuzuschauen.

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