Zeitung Heute : Retten via Satellit

Nach 45 Todesfällen bei der Rallye Dakar seit 1978 ist die Sicherheit für die 28. Auflage verstärkt worden

Hartmut Moheit

Berlin - Auch eine 45-minütige Herzmassage konnte Fabrizio Meoni nicht mehr retten. Auf der 11. Etappe der 27. Rallye Dakar war der italienische Motorradfahrer bei einem Sturz mit dem Helm derart hart auf den Lenker aufgeschlagen, dass er nach einem Genickbruch verstarb. Meoni war ein Star der Wüstentour 2005, die er zweimal gewonnen hatte, und bei der er bis zu jenem Unglückstag auf Rang zwei gelegen hatte. Er beherrschte seinen Job, im Gegensatz zu jenen Amateuren im Feld, die jedes Jahr etwa 80 Prozent der 250 Motorrad-Teilnehmer ausmachen. Und dennoch, Meoni wurde zum 45. Toten in der Dakar-Statistik in 27 Jahren. Hätte er gerettet werden können?

Heute beginnt in Lissabon die 28. Tour. Die Veranstalter glauben, den Kritikern der Rallye mit neuen Sicherheitsvorkehrungen die Argumente nehmen zu können. Auch nach Meonis Tod hatten sie eine Debatte über den Sinn der Rallye entfacht. Vor allem die am meisten gefährdeten Biker, denen im Ernstfall keine Knautschzone hilft, soll das so genannte Leatt-Brace schützen. Ähnlich dem Head-And-Neck-System (HANS) im Automobilsport, tragen einige Motorradfahrer ab heute eine aus Karbon und Fiberglas gefertigte Helm-Halskrausen-Konstruktion, die mit dem Rückenschutz verbunden ist. Damit wird eine Überdehnung des Kopfes in alle Richtungen verhindert – und ein Genickbruch.

Das Mittel gibt es somit, das vielleicht auch Meoni gerettet hätte, aber der Veranstalter schreibt es den Teilnehmern nicht zwingend vor. Er stellt nur 40 Stück für Amateurfahrer zur Verfügung. Selbst einige Profis wie KTM-Werkspilot Cyril Despres, der Meonis Witwe versprochen hatte, sich für mehr Sicherheit einzusetzen, werden darauf verzichten. Es ist seiner Meinung nach noch nicht ausgereift.

Als weitere Neuerung ist eine Begrenzung der Maximalgeschwindigkeit auf 150 Stundenkilometer eingeführt worden, die auch für Trucks gilt, und in Ortschaften ist eine Begrenzung auf 50 Stundenkilometer vorgeschrieben. Weiterhin erhofft man sich durch eine Gewichtsreduzierung der Motorräder durch weniger Kraftstoff ein besseres Handling und damit verringerte Sturzgefahr.

Leichtsinn wird damit auch zukünftig nicht ausgeschlossen. Aus der Sicht von Luc Alphand, dem ehemaligen alpinen Weltmeister und heute erfolgreichen Mitsubishi-Fahrer, bleibt im Geflecht von Sponsorenverpflichtungen und Fernsehverträgen wenig Raum für Sicherheitsdenken. „Die Gefahr ist ein Teil der Faszination“, hat er lapidar gesagt. Das ist ohnehin ein gängiges Argument im Motorsport. KTM-Sportchef Heinz Kinigadner glaubt sogar einen Trend erkannt zu haben: „Je mehr passiert, umso interessanter scheint die Rallye Dakar zu werden.“ Die Realität in der Wüste zeigt aber immer wieder, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. So mussten die Organisatoren 2005 wegen starker Sandstürme machtlos zusehen, wie ein Großteil der Teilnehmer sich verirrte und wegen Kraftstoffmangels über Nacht in der Wüste liegen blieb. Erst zwei Tage später konnte das Feld nach intensiver Suche und Bergung der Vermissten wieder zusammengeführt werden.

Das soll sich zwischen Lissabon und Dakar nicht wiederholen. Erstmals sind alle Fahrzeuge mit dem IriTrack-System ausgerüstet, das im Notfall eine direkte Verbindung via Satellit zwischen dem in Not geratenen Teilnehmer und der Rallye-Zentrale aufbaut. Mit diesem System können die betroffenen Fahrzeuge im Rallye- Hauptquartier geortet werden. Unter der Leitung des französischen Arztes Jean-Charles Lamotte sind während der Rallye 50 medizinische Helfer rund um die Uhr im Einsatz. An jedem Etappenort ist ein Feldhospital aufgebaut. Drei Rettungshubschrauber und zehn geländegängige Rettungswagen stehen dort bereit. Spezielle Rettungsfahrzeuge begleiten den Rallye-Tross, um schnelle Hilfe am Unfallort leisten zu können. Auch Unfälle mit der afrikanischen Bevölkerung sollen verhindert werden. Radio France International und die lokalen Rundfunkstationen warnen täglich die Einheimischen vor den Motorrädern, Trucks und Autos.

mit dpa

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