Zeitung Heute : Rettung von Feindeshand

Unterwegs in einem US-Hubschrauber über Aceh

Moritz Kleine-Brockhoff[Banda Aceh]

Der Helikopter hängt 20 Meter über dem Boden, aus allen Richtungen rennen Menschen herbei. Plötzlich wirbelt der Druck Trümmer durch die Luft, ein Mann wird fast von einem Wellblechstück erwischt. „Hoch!“, brüllt ein US-Soldat und zeigt mit dem Daumen nach oben. Der Pilot reagiert schnell. Glück gehabt, niemand verletzt. Zwei Minuten später, der nächste Versuch, diesmal klappt die Landung.

Teunom, ein Dorf an der von Beben und Flut zerstörten Westküste Acehs: Wo Häuser standen, sind nur noch Fundamente, wo Markt, Moschee und Schule waren, Trümmer. Wo 5000 Menschen lebten, sind es noch ein paar hundert. Wie alle Orte an der Westküste ist Teunom nur von der See oder aus der Luft zu erreichen, weil die Küstenstraße an vielen Stellen weggespült ist. Tagelang hatten die Menschen nichts zu essen, dann kamen die grauen Retter, die „MH 605 Knighthawk“-Helikopter der US-Marine. Sie brachten Kekse, Milchpulver, Wasser, Nudeln und Medikamente. „Manchmal sind wir mit dem Heli eingesunken, weil der Boden so matschig war“, sagt Jason Schapp, ein US-Soldat. „Da haben wir alles abgeworfen. Die Leute haben sich um das Essen geschlagen. An einem anderen Ort haben 40 Männer unseren Helikopter gestürmt, als wir landeten.“

Im Dorf Teunom läuft die Lieferung reibungslos, weil die indonesische Soldaten schon vorher angekommen sind. Sie helfen beim Entladen und sorgen dafür, dass niemand stört. „Wenn der Helikopter aus den USA nicht gekommen wäre, wären wir verhungert“, sagt ein alter Mann. „Wir sind so froh, dass uns jemand hilft.“ Um ihn herum stehen ein paar Männer, sie nicken, müde, mit leeren Blicken.

Nach zehn Minuten sind alle Kartons entladen. Wenig später rattert der graue Retter los, eine halbe Stunde lang fliegt er in Richtung Nordosten, entlang der Küste, die in ganz Asien am schwersten von der Katastrophe getroffen wurde. An einer Klippe ist ein Stück Felsen herausgebrochen. Wo die Küste flach ist, liegt vor dem Meer ein breiter, hellbrauner Streifen – dort gibt es nichts mehr, was repariert werden könnte. Betonstücke liegen herum, von oben sehen sie wie Krümel aus, dazwischen Bäume, wild übereinander gefallen wie Mikado-Stäbchen. An einigen Stellen hat sich die See das Land einverleibt, dort gibt es jetzt neue Inselchen. Es ist noch zu erkennen, wo die Küstenstraße früher verlief. Ein großes Geländer liegt halb versunken im Wasser, 50 Meter vor dem Strand. Selten sieht man Menschen, wenige haben überlebt. In Gruppen laufen sie nach Nordosten, zur Provinzhauptstadt Banda Aceh, mehrere Tagesmärsche entfernt.

Der Helikopter fliegt jetzt über das offene Meer. In der Ferne werden die Konturen des riesigen Schiffes deutlich, das 30 Kilometer vor Aceh liegt: der Flugzeugträger „USS Abraham Lincoln“. Hier landet ein Hubschrauber nach dem anderen. Soldaten rennen, schleppen, winken, Helikopter werden geparkt, aufgetankt, neue Hilfsgüter eingeladen. Auf der „Lincoln“ sind 4500 Soldaten im Einsatz, auf drei Begleitschiffen 2000 weitere. Seit dem Wochenende fliegen 17 Helikopter ohne Pause, 40 Tonnen Lebensmittel haben die Amerikaner schon an die Westküste gebracht. Ohne sie hätten Überlebende dort kaum Hilfe erhalten. Indonesiens Streitkräfte haben nur wenige Schiffe und Hubschrauber in Aceh. „Wir waren gerade in Hongkong und freuten uns auf Landgang, da kam der Befehl, in Richtung Indonesien auszulaufen“, sagt Leutnant John Caulten, ein Helikopterpilot. „Aber das war gut. Nie in meinem Leben habe ich so helfen können wie in den letzten Tagen.“

Als die USA in Afghanistan und den Irak einmarschierten, wollten Demonstranten im islamischen Indonesien die US-Botschaft stürmen. Indonesiens damaliger Vizepräsident Hamzah Haz nannte US-Präsident George W. Bush einen „Terroristen“. Nach und nach war aus der Wut Ohnmacht geworden, aber die Mehrheit des Volkes lehnt die Washingtoner Regierung immer noch ab, und vor allem deren Nahostpolitik. Nun sind die Amerikaner als Helfer hier und auch willkommen. Heute fliegt sogar Colin Powell in Aceh ein.

Der Knighthawk ist aufgetankt. Schnell geht es in die Höhe, schnell wird die gigantische USS Abraham Lincoln klein. Diesmal hat der Hubschrauber Reis an Bord. Das Ziel, das Dorf Lhoong, ist durch die Zerstörung der Küstenstraße von der Außenwelt abgeschnitten. Der Helikopter landet auf einem Fußballfeld. Sechs Männer und ein Junge humpeln herbei und steigen ein. Alle haben Wunden und blutdurchtränkte Verbände darum gewickelt. Doch sie dürfen nicht mit. Der Junge weint, die Männer können es nicht fassen. „Wir sollen nur Schwerverletzte mitnehmen“, sagt ein US-Soldat, „sonst sind in Banda Aceh bald die Krankenhäuser überfüllt.“

Der Hubschrauber hebt ab. Der Soldat dreht sich zum Fenster und schaut auf das, was von Acehs Westküste übrig geblieben ist.

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