Zeitung Heute : Revolutionäre Aussichten

RÜDIGER SCHEIDGES

Die einst von Ayatollah Chomeini gegen den Schah ausgerufene Revolution mag sich zwar im eigenen Verständnis auch heute noch als einen erfolgreichen kulturellen Umsturz begreifen, da sie die Säkularisierung des Lebens mit extremen Anstrengungen und brutaler Gewalt bewältigt hat.Als politische Revolution aber, die am Anfang noch das Recht auf Selbstbestimmung der Menschen zum Ziel hatte, ist das Unternehmen längst gescheitert.Die Rechte und Freiheiten der Iraner sind heute die von schieren Untertanen, die so unterdrückt werden wie alle Gefangenen von Despotien und Diktaturen.

Mehr als der vergleichsweise unbedeutende Sudan hat es Iran zudem auf dem Gewissen, daß der Islam heutzutage in weiten Teilen der westlichen Welt als eine gewaltsame Religion und expansionistische Ideologie verkannt wird.Iran hat mit seinem fundamentalistischen Modell eines politisierten Islam eine mittelalterliche Herrschaft des Klerus über Vernunft und Aufklärung inthronisiert, die in der gesamten persischen Tradition ein Fremdkörper sondergleichen ist.Will man den demokratischen Kräften des heutigen Iran gerecht werden, dann darf man die jetzigen Zustände nicht an der gleichfalls zur dekadenten Despotie geronnenen Herrschaft der Pahlewis messen, sondern muß die Elle der großen Kultur der Perser anlegen.Entsprechend negativ, entsprechend deprimierend fällt dann aber das Fazit der 20 Jahre revolutionären Intermezzos aus.

Wo aber will der iranische Staatspräsident anknüpfen? Mohammed Chatami schaute gestern zurück in die Zukunft.Diese müsse, prophezeite er in nur halber Spendierlaune an das Volk, die "Aussicht auf Frieden, Fortschritt und Wohlstand" aufweisen.Auf die Selbstheilungskräfte Irans wird er dabei kaum setzen wollen oder können.Die Aussicht auf äußeren und inneren Frieden bleibt finster, solange der Staat Israel weiterhin "ins Meer gekippt werden soll", wie die Revolutionäre gerne formulieren, solange Terroristen in Nahost und Europa unterstützt werden, und solange die Herrschaft im Lande sich nur mit der Gewalt des Geheimdienstes und anderer "revolutionärer" Ordnungshüter halten läßt.

Die Aussicht auf Fortschritt kann solange niemanden verlocken, wie die Mullah-Herrschaft beispielsweise mit ihrem Steinzeit-Frauenverständnis über die Hälfte ihrer Bevölkerung als zweitrangig deklassiert und damit gegen sich aufbringt.Und die Aussicht auf Wohlstand hängt alleine vom Vermögen der Islamischen Republik Iran ab, dem Westen weiterhin vorzugaukeln, er dürfe getrost auf soziale Stabilität und sichere Herrschaft, also langfristig auf berechenbare Zustände im Landsetzen.

Eine Gesellschaft aber, die wie die iranische von den Unterdrückern bereits eine Generation lang nichts anderes als Frieden, Fortschritt und Wohlstand versprochen bekommen hat, und deren Kinder tagtäglich erfahren, daß unverändert Unfrieden, Rückschritt und Armut das Leben bestimmen, ist eine zutiefst skeptische Gesellschaft.Sie hat erkennen müssen, daß es weder am bösen Ausland, noch am Mangel an gesellschaftlichen oder natürlichen Resourcen liegen kann, daß dieses reiche Land am Boden liegt.Die Ödnis muß dann aber - dies ist eine finstere Gewißheit in Iran - schon etwas mit den Sachwaltern des Diesseits wie Jenseits zu tun haben.Genau deshalb aber verlangt die Mehrheit der Bevölkerung mehr als nur Aussichten.Sie will endlich eine Perspektive haben jenseits revolutionärer Versprechungen.

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