Zeitung Heute : Rezitative Seufzer

ISABEL HERZFELD

Maria Kliegel und Havard Gimse im Berliner SchauspielhausVON ISABEL HERZFELDZu den heimlichen, unbekannten Stars gehört die Cellistin Maria Kliegel.Die Professorin an der Kölner Musikhochschule, vor gut 15 Jahren Gewinnerin des "Grand Prix" des Pariser Rostropowitsch-Wettbewerbs, verfügt über alle dafür notwendigen Eigenschaften: traumhaft leichte, aber nicht perfektionistisch erstarrte Technik, hinreißende Intensität, glamouröse und trotzdem gewinnend lockere Ausstrahlung.Vor zwei Jahren machte sie mit Piazzolas "Gran Tango" Furore, mit sinnlichen Schluchzern und geradezu körperlich spürbaren Rhythmen berühmteren Surfern auf der Tangowelle keineswegs nachstehend. Wenn sie sich jetzt im kleinen Saal des Schauspielhauses der norwegischen Musik annahm, so spricht das für die kreative Neugier und auch einen gewissen Mut dieser Künstlerin.Allein die ausladende, gefühlsüberbordende Sonate von Edvard Grieg ist wohl so gut wie nie zu hören.Kliegel scheut sich nicht vor Leidenschaft, gibt elegisch geschwungenen Rezitativen und weich ausatmenden Seufzern genau die richtige Dosis Sentimentalität.In riesigen Steigerungen tobt sie sich aus, gleichwohl immer dynamisch nuanciert, im langsamen Satz zerfließt der von "Glöckchenklängen" unterlegte Celloton dafür zu reiner Butter.Havard Gimse ist hier ein besonders intensiver Gestalter am Klavier, während er sonst seinen virtuos aufgewühlten Part eher zurückhaltend angeht.Mit Harald Saeveruds "Andante funèbre" von 1981 hatte das Duo die Suche nach einer eigenständigen norwegischen Modernität eingeleitet; der damals neunzigjährige Individualist bringt hier althergebrachte melodische Linien in herbe Zusammenklänge. Weitaus schlüssiger wirkt da eine Auswahl aus "50 Folk-Tunes from Hardanger" für Klavier solo von Geirr Tveitt (19081981) wäre das Haus des Klaviervirtuosen und Volksliedersammlers nicht vor 25 Jahren abgebrannt, so gäbe es noch viel mehr von diesen einfachen, an Bartók gemahnenden Stücken.Kontrastreiche Schichtungen von Tonarten, dynamischen Werten und Klangfarben erzeugen gleichwohl raffinierte Wirkungen, die Gimse mit bedachtsamer Ruhe ausstellte.Der starke Eindruck, den der 31jährige Norweger hier hinterließ, prägte auch die Darbietung der F-Dur-Sonate von Johannes Brahms. Gegen seinen jetzt gewonnenen souveränen Schwung setzte Maria Kliegel einfach zuviel Druck ihren Führungsanspruch behauptete sie erst wieder in den eindringlich sprechenden Zugaben von Brahms und Mendelssohn. 

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