Zeitung Heute : Richtung Bagdad

Viele Exil-Iraker kehren jetzt in ihre Heimat zurück. Weil ihr Hass auf die Invasoren noch größer ist als der auf Saddam Hussein

Andrea Nüsse[Amman]

Der amerikanisch-britische Krieg gegen Irak hat bisher viele Überraschungen gebracht. Eine davon ist die Tatsache, dass auch nach einer Woche von Bombardierungen und Kämpfen kaum irakische Flüchtlinge in den Nachbarländern angekommen sind. Während in Jordanien einige Hilfsorganisationen ihre Zelte in Grenznähe schon wieder abbauen, weil bisher kein einziger Flüchtling gekommen ist, haben seit Kriegsbeginn etwa 5000 Exil-Iraker aus Amman die Grenze in Gegenrichtung passiert: Sie kehren nach eigenen Angaben in ihre Heimat zurück, um gegen die amerikanischen Eindringlinge zu kämpfen. Am Wochenanfang hatte Oberst Ahmad Al Hazaymeh, Chef des Grenzpostens Al Karameh, erklärt, 5284 Iraker seien seit dem 16. März in den Irak eingereist. Dabei sind die etwa 380 000 in Jordanien lebenden Iraker, meist Schiiten, größtenteils erbitterte Gegner des Regimes von Saddam Hussein. Doch der US-Angriff auf ihr Heimatland scheint einen Patriotismus und irakischen Nationalismus wiedererweckt zu haben, der stärker ist als der Hass auf das brutale Regime, das sie aus ihrer Heimat hat fliehen lassen. Am Busbahnhof beim Militärflughafen Marka in Amman treffen sich jeden Morgen Iraker, die zurückkehren wollen. Als Motiv werden meistens „Stolz und Patriotismus“ genannt, viele wollen ihre „Ehre“ verteidigen. An manchen Tagen tragen die Rückkehrer Poster und Bilder von Saddam Hussein bei sich. Auch erklärte Gegner Saddams stellen sich seit Ausbruch des Krieges hinter den Diktator. An anderen Tagen erwähnen die Heimkehrer den irakischen Führer überhaupt nicht. Am Donnerstag fuhren sechs Iraker los, zwischen 21 und 52 Jahren. Einfache Männer, die dort kämpfen wollen, wo ihr Land sie brauche.

Auch über Syrien sollen Iraker seit Kriegsausbruch heimgekehrt sein. Zwar werden diese Männer das Kriegsgeschehen nicht wirklich beeinflussen, aber die Entwicklung zeugt davon, dass sich in der konfessionell und ethnisch heterogenen irakischen Gesellschaft ein starkes Nationalgefühl herausgebildet hat. Anders als von vielen Experten vorhergesagt. Dabei war bereits im Iran-Irak-Krieg der Mythos, dass die von Saddam unterdrückten Schiiten sich auf Seiten des schiitischen Iran schlagen würden, zerstört worden. Damals hatten die Schiiten im Irak gegen ihre Glaubensbrüder aus dem Iran gekämpft. Auch der jetzige Widerstand im Süden Iraks, der die amerikanischen und britischen Truppen offenbar überrascht hat, zeugt zumindest teilweise davon, dass Patriotismus und Nationalstolz der verschiedenen Bevölkerungsgruppen Iraks weitaus stärker sind als angenommen. Oder dass der Anti-Amerikanismus stärker ist als der Hass auf Saddam. Auch die Stämme, an die sich der irakische Führer nach der Niederlage von 1991 wieder stärker angelehnt hat, scheinen eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung des Landes zu spielen.

Allerdings kann es auch sein, dass viele Männer heimkehren, um ihren Familien im Irak während des Krieges beizustehen. Bereits vor Kriegsbeginn waren zahlreiche Iraker aus Amman nach Bagdad zurückgefahren. Sie wollten ihre Eltern, Brüder oder Schwestern, die dort zurückgeblieben waren, schützen. Insbesondere die Furcht vor einem Bürgerkrieg, bei dem alte Rechnungen beglichen würden, hatte die Runde gemacht. So mögen die Heimkehrer unterschiedliche Motive haben – Tatsache ist, dass seit Kriegsausbruch mehr Iraker zurückgehen als das Land verlassen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar