Zeitung Heute : Rinderwahn: Herrn Krauses Liebe zu den langen Hälsen

Rico Czerwinski

Vielleicht ist Krause nicht der Typ für krumme Dinger. Nur ein Mann in Arbeitsjeans, einer mit Schwielen an den Händen und einem Gesicht, in dem sich Sorgen- und Lachfalten ein hartes Rennen liefern. Aber was bei diesen beiden Besuchern läuft, das bekommt er gerade noch mit. Die heimlichen Blicke, wenn er auf seine Futterspezialmischung zu sprechen kommt. Das verstohlene Grinsen über seine Gehegegrößen. Die Komplimente: "Bei Ihnen haben es die Tiere aber gut, Herr Krause!" Die beiden halten sich für sehr schlau. Und ihn für einen Trottel. Einen nützlichen Trottel. Soll er sie deswegen rauswerfen? Krause lächelt, hebt die Kaffeekanne: "Möchten Sie noch?"

Der Herr in der Nadelstreifenhose und seine blonde Begleitung wollen wissen, wie man an ein Straußenzüchter-Zertifikat kommt. Darum geht es. Strauße züchten. Gold scheffeln.

Bis vergangenen November interessierte sich kein Mensch für Krause und seinen Hof im äußersten Westen der mecklenburgischen Schweiz. Dann hieß es: "Erster BSE-Fall in Deutschland!", und Krauses Telefon fing an zu klingeln. Alles Leute, die irgendwo aufgeschnappt hatten, dass es da "eine geschmackliche Alternative zum Rindfleisch" gibt. Seitdem hat Krause eine Menge neuer Bekanntschaften gemacht. Mit arbeitslosen Elektrikern, geschäftstüchtigen Bauarbeitern, Ex-LPG-Vorsitzenden und unglücklichen Rinderzüchtern. Alle wollten von ihm wissen, wie das funktioniert mit der Straußenzucht. Tagesspiegel Online Spezial:
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Ziemlich windige Typen zum Teil. Zum Beispiel das Pärchen von vorhin. Pferdezüchter. Angeblich. Kaum einen Blick übrig für die Tiere, das merkte Krause gleich. Nur schnell ins Warme und rausbekommen, wie man ohne Mühe den Sachkundenachweis des Züchterverbandes ergattern kann: "Ob die die Prüfungsfragen verändern? Sagen Sie, haben Sie sich eigentlich so einen Fragebogen mit nach Hause genommen?"

Eigentlich hätte Krause was anderes zu tun, als seine Sonnabende mit solchen Gaunern zu verbringen. Auf der Weide liegen die neuen Zaunpfähle, der Schuttcontainer vor seinem halbrenovierten Haus kostet ein Heidengeld, und irgendwo heulen die Hunde, die sind den ganzen Tag noch nicht rausgekommen. Doch Krause macht gerne noch ein bisschen Smalltalk. Was damit zusammenhängen mag, dass er sich in den letzten Monaten ziemlich weit raus gewagt hat. So weit wie noch nie in seinem Leben.

Im Januar vor einem Jahr wohnte Krause noch in einem hübschen Häuschen am Stadtrand von Rostock, war freier Landreporter der "Norddeutschen Neuesten Nachrichten". Dann kam jemand mit dieser Geschichte von Werner Dewke, dem Rentner, der in Nustrow, diesem Nest, afrikanische Riesenvögel im Garten hält. Krause schnappte sich seine Kamera und fuhr hin. Der Zufall wollte es, dass Astrid, seine Frau, mitkam. So etwas Niedliches hatte sie noch nie gesehen. Krause hingegen imponierte dieser begeisterte Alte, der den Wecker stellte und nachts drei Mal aufstand, um die Eier im Brutschrank ein paar Grad zu drehen, "wie die Straußenmutti". Auf der Rückfahrt rief Astrid Krause: "Mensch, wir züchten Strauße!", und Hans-Jürgen, schon bald 52 Jahre alt, dachte an ein Foto aus seiner Kindheit: er und ein alter Bauer, glücklich lachend hinter einem Pflug. Irgendwie hatte Krause das Gefühl, jetzt zupacken zu müssen.

Seitdem hat sich einiges verändert: Die Krauses haben fast alles aufgegeben: das Haus, den Job bei der Zeitung, das Ersparte; und es gegen eine dreieinhalb Hektar große, verwahrloste Wiese, ein schiefes Bauernhaus und 19 südafrikanische Strauße getauscht, die Krause nun seine "Mädels" und "Jungs" nennt. Auf dem Gelände haben er und seine Frau große Büsche eingebuddelt, damit es mehr nach Savanne aussieht. Krause hat einen schönen grünen Traktor gekauft und seinen langbeinigen Exoten die Wiese geglättet. Bei der Futterqualität, der Anzahl der Infrarotlampen und den Stall- und Gehege-Größen haben sich die Krauses gesagt: "wenn, dann richtig". Was sie nicht wollten, war eine Landwirtschaft "nach dem Mini-Max-Prinzip": minimaler Aufwand, maximaler Nutzen. Etwas Naturnahes schwebte ihnen vor, ein Betrieb, "in dem es Mensch und Tier gleichermaßen gut geht".

Bei aller Liebe zu den Tieren, Krause ist Bauer, nicht Lottokönig. Er muss auch ans Finanzielle denken. Dabei wird ihm nicht gerade warm ums Herz. Deutschland, das hat er gemerkt, ist kein Paradies für Straußenzüchter. Ein günstiger Existenzgründerkredit war nicht drin. Seine Tierchen sind für die Leute hier so fremd wie japanische Fleischhunde.

Noch immer gibt es kaum Einzelhändler oder verarbeitende Betriebe in Deutschland, die für fünf Straußenhäute und zehn Keulen im Jahr ihre Arbeitsabläufe umstellen würden. Die Geschäfte, die Straußenprodukte anbieten, kaufen lieber weiter Massenproduktion aus Südafrika, Holland oder, neuerdings, Tschechien. Auch wenn "die Künast jetzt mehr auf Bio steht", und im Sommer bestimmt naturbegeisterte Großstädter "Ferien auf dem Straußenhof" machen - ab und zu hat Krause dunkle Gedanken.

Hätte er damals, auf der Rückfahrt von Nustrow, mehr auf den Verstand setzen sollen? So, wie er es die 40 Jahre davor getan hat? Es gibt ein paar Sachen auf der Farm am Ufer des Neu-Heinder Sees, mit denen Krause sich ganz gut von solchen Fragen ablenken kann. Ein Tänzchen mit seinen "Mädels" oder auch ein Schnack mit diesen Extraschlauen, die glauben, dass sie sich bei ihm Tipps für ihre erste Million holen könnten.

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