Zeitung Heute : Riskanter Tarifpoker

ALFONS FRESE

Die Flächentarifverträge sind in Gefahr: Mit dem Abschluß von Haustarifverträgen unterminiert sich die IG Metall selbst das TarifvertragssystemVON ALFONS FRESEDer Weg der neuen Bundesländer hin zu einer wettbewerbsfähigen marktwirtschaftlichen Struktur führt über Umwege, Hürden und Schlaglöcher.Die lange Reihe der wirtschaftspolitischen Fehlleistungen begann mit der wahltaktisch begründeten Währungsumstellung mit der Folge einer für die Ostwirtschaft nicht verkraftbaren Aufwertung.Es folgten das fahrlässige Gerede von den blühenden Landschaften und die gehetzte Ausverkaufspolitik der Treuhand sowie die zu ungesunden Strukturen führenden gigantischen Sonderabschreibungen.Doch all diese politischen Fehler verblassen zunehmend hinter einem eher monokausalen Befund, den sich vor allem Arbeitgeber und Bundesregierung zu eigen gemacht haben: Die Angleichung der Ostlöhne an westliches Niveau ging zu schnell und bremst den Aufschwung Ost.In dieser Kulisse ruft die IG Metall vom kommenden Montag an ihre Mitglieder auf die Straße ruft: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit für die Stahlarbeiter im vereinigten Land.Damit scheint dieser Streik den tarifpolitischen Verirrungen die Krone aufzusetzen.Ein Arbeitskampf zur Unzeit: Die ostdeutschen Stahlhersteller fassen gerade Fuß, doch die Ostwirtschaft insgesamt lahmt.Wer in dieser Situation den Konflikt schürt, der muß gute Gründe haben.Nur vordergründig geht es in der Auseinandersetzung zwischen dem Düsseldorfer Arbeitgeberverband Stahl und der IG Metall, deren Tarifpolitik vom Main aus gesteuert wird, um Lohnprozente.Die Kontrahenten haben sich nämlich so weit angenähert, daß die jetzt noch umstrittenen Lohnzuschläge für die 8000 ostdeutschen Stahlkocher respektive deren Arbeitgeber tatsächlich Peanuts sind.Im Kern des aktuellen Tarifstreits geht es vielmehr um Weichenstellungen für die weitere Einkommensentwicklung im Osten und die künftige Tarifpolitik in Deutschland insgesamt. An der Streikbereitschaft der Stahlarbeiter kann es keinen Zweifel geben: Erfahrungsgemäß fällt den Gewerkschaften die Mobilisierung ihrer Mitglieder leicht, wenn diese sich ungerecht behandelt fühlen.Das war zuletzt so im Kampf um die Lohnfortzahlung, das wird jetzt nicht anders sein, wenn die Ostdeutschen von der Lohnentwicklung im Westen abgehängt werden sollen.Wohlgemerkt, von der Entwicklung der Tariflöhne: die tatsächlich gezahlten Entgelte liegen im Osten noch immer deutlich unter Westniveau; gleichzeitig arbeiten die Menschen hier länger. Der Arbeitgeberverband will eine Korrektur des deutsch-deutschen Lohnangleichungsprozesses und riskiert damit sehenden Auges den Flächentarifvertrag.Drei Stahlunternehmen wollen inzwischen mit der IG Metall Haustarifverträge abschließen, bevor sie sich in den Strudel eines Arbeitskampfes ziehen lassen.Das Arbeitgeberlager bröckelt, der IG Metall geht der Verhandlungspartner verloren.Vielleicht ist das gewollt, denn wenn es keine handlungsfähigen Verbände mehr gibt, dann gibt es auch keinen Flächentarif mehr.Genau das aber ist das Ziel von westdeutschen Arbeitgeberfunktionären, die lieber heute als morgen den desolaten Zustand der Flächentarifverträge im Osten auf die alten Bundesländer überschwappen sehen wollen.Deshalb fährt die IG Metall einen riskanten Kurs, mit dem Abschluß von Haustarifverträgen unterminiert sie selbst das Tarifvertragssystem.Doch so muß es nicht kommen.Der Arbeitgeberverband sollte auf die lohnpolitische Rolle rückwärts verzichten, die IG Metall könnte im Gegenzug notleidenden Unternehmen das befristete Unterschreiten des Tarifs ermöglichen.So läuft das bereits in anderen Branchen.Das scheinbar überholte Tarifsystem ist also sehr wohl in der Lage, sich auf die differenzierte Wirklichkeit in den Betrieben einzustellen.Fehler der Politik können die Tarifparteien freilich nicht korrigieren.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben