Zeitung Heute : Ritterromantik

ECKART SCHWINGER

Philharmonie: ein Brahms-Konzert mit dem RSO und James Wagner Nichts "Neues" in Sachen Brahms? O doch! Denn wer kennt schon wirklich die blumige Brahmssche Kantate für Tenor, Männerchor und Orchester opus 50 namens "Rinaldo" auf einen Goethe-Text? Brahms auf dem Wege zu einer Oper? Er sah zumindest den Armida-Stoff, der bereits Gluck und Händel gereizt hatte, als Vorbereitung dafür an.Doch von einer musikdramatischen Talentprobe kann keine Rede sein.Eher von einem lyrisch verzückten, geradezu klangschwelgerischen, kuriosen Werklein um den Kreuzfahrer-Helden Rinaldo, der dem Zauber der schönen, heidnischen Armida erliegt und von seinen Gefährten gerettet wird. Man darf dabei schon etwas schmunzeln, wenn der Brahmssche Rinaldo, der mit leicht heldischen, aber auch leicht überspannten Tönen ausgestattet ist, mit seinen Erregungen, Schwärmereien und Liebesklagen hervortritt.Leider bieten die wenig originellen, ziemlich flachen und allzu statisch wirkenden Chöre, die gelegentlich in den Ton rauschender Ritterromantik verfallen, kein wirkliches Gegengewicht zu der lyrisch dahinschmelzenden Tenorpartie. Aber immerhin, da begegnet uns doch endlich mal ein anderer, ganz und gar ausgefallener Brahms.Und die Bekanntschaft fiel durchaus eindrucksvoll aus dank des vital dirigierenden Rafael Frühbeck de Burgos, dank des mit schillernder tenoraler Farbkraft und allerdings auch etwas übertriebener Emphase singenden James Wagner sowie der sich ebenfalls brillant einsetzenden Herren des Berliner Rundfunkchores (Robin Gritton). Zum Schluß die überstrapazierte "Erste" von Brahms.Sympathisch war dabei schon, daß die Rundfunksinfoniker in der Philharmonie mit ihren hervorragenden Klangqualitäten nie eitel auftrumpften, mitunter sogar in den Binnensätzen mit manch schlanken, außerordentlich transparenten Zügen das oft allzu pastose Brahms-Bild aufhellten.Im langsamen Satz fiel das leuchtkräftige Violinsolo des neuen RSO-Konzertmeisters Rainer Wolters auf.Was nicht heißt, daß die ganze Brahmssche Wucht in den Ecksätzen nicht über uns hereingebrochen wäre.Aber tragisch oder vergrübelt wirkt die C-Moll-Sinfonie von Brahms bei de Burgos nicht.Einiges fließt schnurstracks dahin, klingt zu positivistisch, zu wenig in die Hintergründe hineinmusiziert.Gleichwohl war es ein Brahms, der nicht nur den erforderlichen Kontrast zur gefühligen "Rinaldo"-Kantate brachte, sondern auch trotz etlicher Durchhänger in sich geschlossen und deutlich wirkte und im Finale nicht die heftige Steigerung vermissen ließ. ECKART SCHWINGER

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