Zeitung Heute : Roboter auf der Schulbank

Britta Danger
Mensch und Maschine. Oliver Brock entwickelt intelligente Roboter. In seinem Team sind neben Informatikern und Ingenieuren auch Philosophen und Neuroforscher.Foto: TU Pressestelle /Dahl
Mensch und Maschine. Oliver Brock entwickelt intelligente Roboter. In seinem Team sind neben Informatikern und Ingenieuren auch...Foto: Ulrich Dahl/Technische Universit

Die große metallene Roboterhand nähert sich dem aufgeklappten Laptop. Sie berührt den Bildschirm an der oberen Kante und, obwohl sie grobschlächtig aussieht, schließt sie den Laptop mit Fingerspitzengefühl. Wer würde einem Roboter schon ein empfindliches elektronisches Gerät zum Spielen geben? Oliver Brock vom Robotics and Biology Laboratory am Institut für Technische Informatik und Mikroelektronik der TU Berlin tut das, ohne zu zögern. Für ihn ist der Laptop ein beliebiges dreidimensionales Objekt, an dem seine Roboter lernen können, wie ein Scharnier funktioniert.

Der Professor will einen radikalen Wandel bei der Entwicklung von Robotern einleiten: vom fremdgesteuerten Automaten hin zu einem Helfer, der selbstständig Aufgaben ausführen kann. „Um Roboter zu schaffen, die auch in Alltagsumgebungen sinnvolle Aufgaben übernehmen, ist ein deutlicher Schritt nach vorne nötig“, sagt Brock. Bisher können sie nur die immer gleichen Aufgaben in einem genau festgelegten Umfeld lösen. Wie am Fließband in der industriellen Fertigung. Jede Drehung jeder Schraube muss genau programmiert werden. Weicht ein Arbeitsschritt nur leicht vom vorgegebenen Schema ab, ist der Roboter handlungsunfähig. „Es wird wahnsinnig viel Aufwand getrieben, um eine Umwelt zu schaffen, in der die Roboter erfolgreich sein können“, sagt Brock.

Er will mehr als nur Automaten. Brocks Roboter sollen autonom in ganz unterschiedlichen Umgebungen arbeiten: von der Industrie, über Haushalt und Pflege bis hin zur Beseitigung von Gefahrenstoffen nach Unfällen und im All.

Dazu müssen sie selbst Entscheidungen treffen können, handlungsfähig sein. „Wir versuchen in der Robotik seit langem intelligente Maschinen zu entwickeln“, sagt Brock. Denn komplexe Aufgaben kann man nicht programmieren. „Darüber, was Intelligenz allerdings ist, können sich Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen seit Jahrzehnten nicht einigen“, sagt er. Brock hat seine eigene Definition und als Vorbild dient ihm der Mensch. „Bei uns hat sich das Gehirn zusammen mit der Hand und dem visuellen System entwickelt.“ Also sind seine Roboter mit einer Software als Gehirn, Hände und Kameras ausgestattet. Wie Kinder fangen sie bei Null an und lernen ihre Umgebung spielerisch zu erfassen: durch Ausprobieren, Erfolge und Scheitern. So sammeln sie Erfahrungen mit der Funktion einfacher Gegenstände. Haben sie als Muster gelernt, dass sich eine Türklinke drücken lässt und die Tür sich dann öffnet, können sie das gleiche Prinzip auch bei einem fremden Objekt anwenden und zu schwereren Aufgaben übergehen. Je mehr er lernt, desto schneller wird er auf eine neue Umgebung reagieren können.

„Wir konzentrieren uns auf die physikalische Intelligenz“, sagt Brock. Das heißt, wie man mit den Gegenständen in der Umwelt umgeht, aus ihnen lernt und dieses Wissen bei der weiteren Erkundung anwenden kann.

Auf dem Feld der Intelligenz tummeln sich viele Disziplinen, die sich auf unterschiedliche Themen konzentrieren. Brock hält diese Trennung für überkommen: „Wir wollen die verschiedenen Aspekte wieder zusammenbringen.“ Neuroforscher und Psychologen arbeiten mit Experten für künstliche Intelligenz oder für maschinelles Lernen; auch Philosophen und Regelungstechniker sind dabei. Gemeinsam schaffen sie Roboter oder Computerprogramme, in die sie ihr jeweiliges Verständnis von Intelligenz einfließen lassen. Sie sind erfolgreich, wenn sie ein Verhalten bei dem Gerät erzeugen, das Aspekte intelligenten menschlichen Verhaltens aufweist. Mit diesen Programmen werden künftig Brocks Roboter gelenkt.

Im Gegensatz zum Menschen muss nicht jeder einzelne Roboter alles von der Pike auf neu lernen. Das ist der Vorteil eines Gedächtnisses, das aus Nullen und Einsen besteht. „Wenn der Roboter etwas Neues gelernt hat, kann er das an Andere kommunizieren“, sagt Brock. Via Internet kann er einen Ausschnitt seines Speichers beispielsweise an einen Roboter in Japan schicken. Der wird einen Laptop dann mit dem gleichen Fingerspitzengefühl behandeln können, wie sein Kollege in Berlin. Britta Danger

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