Zeitung Heute : Roboter erobern das Kinderzimmer

SUSANNE PREUSS

Aus dem Kaffeegeschäft ist Sascha nicht mehr so leicht wegzulotsen.Zwischen allerlei Weihnachtsschnickschnack für Erwachsene steht dort ein ganzes Regal voller Roboter.Nichts sehnlicher wünscht sich der fünfjährige, als einen von ihnen unterm Christbaum zu finden.So ein Ding blinkt und piept, das weiß der Knirps längst, es kann gehen und den Oberkörper bewegen, und in Saschas Phantasie noch viel mehr.Das Lied vom Roboter trällerte schon aus dem Cassettenrecorder in Saschas Zimmer, als dieser noch nicht einmal sprechen konnte."My first Sony", knallbunt und mit kindgerechten Tasten - das mußte sein, denn Mama hatte Angst um die Hifi-Anlage im Wohnzimmer.Und die paar Batterien, die fallen auch nicht mehr groß ins Gewicht, meint Saschas Mutter.

Jedenfalls ist Saschas Batterienverbrauch nicht außergewöhnlich hoch für einen Fünfjährigen.Der kläffende Plüschhund hat zur Freude der Eltern "Urlaub", seit die Batterien das letztemal leer waren.Dann gibt es noch das obligatorische ferngesteuerte Auto, zudem ein "Action-TV-Übertragungswagen", ein Kleinbus mit Hebebühne und Lautsprechern.Und die batteriebetriebene Bohrmaschine, naja, die ist doch pädagogisch wertvoll.Saschas Freundin Nina braucht viel mehr Batterien für ihren Kinder-Herd, wo die Herdplatten und das Backofen-Innere leuchten und für das Raclette-Gerät, wo es zwischen Pfännchen und Grillplatte leuchtet und brutzelt.Es lebe die Technik.

Besonders modern sind all diese Geräte im Prinzip nicht.Der Wunsch, die Erwachsenenwelt möglichst lebensecht nachzuahmen, ist alt: Töpfchen und Tiegelchen für Puppenstuben oder Eisenbahnen samt Dörfern und Wäldern finden sich längst im Antiquariat.Daß die Kinder es mögen, wenn Puppe oder Bär Geräusche von sich geben, weiß die Spielzeugindustrie ebenfalls seit Generationen.Da ist es ein kleiner Schritt, im Zeitalter der Miniaturisierung hier und da noch ein Motörchen oder einen Chip einzubauen und so die Funktionen zu erweitern.Eine Horrorvorstellung ist es höchstens für Erwachsene, das Piepsen, Plärren oder Singen nicht mehr stoppen zu können.Genau so ist es bei "Furby", der jedoch gerade wegen seiner provokativen Eigenschaften so beliebt sein dürfte.Das Plüschtier, in Amerika bereits ein Verkaufsrenner, lacht und spricht, vor allem aber macht Furby oft unanständige Geräusche, und abstellen läßt sich das nicht.

Furby steht für eine neue Generation von Spielzeug: es reagiert auf seine Umwelt.Sein Herz ist ein Mikroprozessor, seine Lebensäußerungen werden von Sensoren gesteuert.Wenn Furby gekitzelt wird, lacht er, wenn er Musik hört, bewegt er sich, wenn seine Sensoren gar nichts zu tun haben, zeigt das großäugige Wesen hörbar schlechte Laune.Auch das sind erst rudimentäre Anfänge.Das Spielzeug von morgen denkt.Die Branchenriesen von Lego bis Mattel haben längst erkannt, daß es die Kinder eben doch nur mäßig zufriedenstellt, wenn die Herdplatte einfach leuchtet oder die Puppe genau das in die Windel macht, was man ihr zuvor im Fläschchen gegeben hat.Die Barbie von morgen könnte dank eingebautem Chip und über eine Verbindung zu einem Personal Computer lernen, mit ihrer Puppenmutti zu sprechen.Berührungsängste fürchtet Barbie-Hersteller Mattel nicht.Viele hunderttausendmal hat die Firma ein Programm verkauft, mit dem Mädchen für ihre Barbies Kleider am Computer entwerfen und ausdrucken konnten.Mädchen wünschen sich andere Software als Jungs, aber der Computer ist für sie ein fast so selbstverständlicher Haushaltsgegenstand wie der Fernseher.

Daß für herkömmliches Spielzeug mittels PC neue Verwendungsmöglichkeiten geschaffen werden, und zwar von den Kindern selbst, ist keine Zukunftsmusik mehr.Schon haben Intel und Motorola, die bedeutendsten Hersteller von Prozessoren, strategische Abkommen mit den größten Spielwarenherstellern geschlossen, um die Schnittstellen zu standardisieren.Auch in deutschen Haushalten stehen bereits 17 Mill.Computer, und vor allem Haushalte mit Kindern sind damit ausgestattet.Viele Kinder haben ihre eigenen, speziellen Laptops.Selbst Ravensburger, eine Firma die tendenziell ein wertkonservatives Image genießt, verkauft inzwischen Notebooks für ABC-Schützen mitsamt Lernsoftware.

Bei ihren Neuentwicklungen bedienen sich die Spielzeughersteller längst der Wissenschaft.Am renommierten Massachusetts Institute for Technology (MIT) beschäftigt sich ein halbes Dutzend Professoren mit der Spielzeugwelt von morgen.Dort wurde beispielsweise "Mindstorms" geschaffen, ein Lego System mit 8-Bit-Mikroprozessor, das schon bald auch hierzulande die Kinderzimmer erobern wird.Die Einsatzmöglichkeiten sind nahezu unbeschränkt.PIEP, PIEP, PIEP.Elektronik zum Fest.

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