Zeitung Heute : Roboter sind die besseren Menschen

RALPH GEISENHANSLÜKE

"Alien": der Science-Fiction-Klassiker glibbert seit 18 Jahren über die Leinwand.Nun folgt "Die Wiedergeburt" von Jean-Pierre JeunetVON RALPH GEISENHANSLÜKE1979 war die Welt im Weltall noch in Ordnung.Über die Monitore der Computer flackerten endlose Kolonnen von Nullen und Einsen.An den Wänden blinkten große, bunte Schaltflächen, die aussahen wie aus dem Ikea-Katalog, und der Maschinenpark piepste wie in "Raumschiff Enterprise".Der Zentralrechner hieß "Mutter". Doch mit dem Frieden war es bald vorbei: Kaum, daß die Besatzung der "Nostromo" aus dem Kühlschlaf erwachte, begannen die Techniker über Prämien und Arbeitszeitregelungen zu diskutieren.Denn sie waren nicht etwa unterwegs im Namen einer hochentwickelten pangalaktischen Föderation - wie in vielen Science-Fictions üblich -, sondern für "den Konzern", dessen gierige Klaue sich nach Rohstoffen in anderen Galaxien ausstreckte.Kurz darauf landeten sie auf LV 246, einem öden Planeten am Rande der Zivilisation, und der Käptn hatte keine Zeit mehr, klassische Musik zu hören. Regisseur Ridley Scott ("Blade Runner") ließ sich Zeit, bis der Erkenntnisdrang die Mannschaft vor eine dunkle Höhle führte, in die sie zwanghaft hineinkriechen mußte.Dort entdeckte sie das "Alien", ein Monster von so unvorstellbarer Mordlust, daß es noch heute, 18 Jahre später, über die Leinwand glibbert.Warum das namenlose Wesen tötet, weiß noch immer niemand.Nur soviel ist sicher: Der Künstler H.R.Giger, der es entwarf, stattete es mit allem aus, was die Menschen sich unter dem Bösen an sich vorstellen: Aus den eitrig dampfenden Eiern des Wesens schlüpfen tintenfischartige Wesen, die ihrem Opfer direkt ins Gesicht springen und sich dort festsaugen.Im Körper des Befallenen wächst ein Embryo mit Haifischzähnen, der irgendwann aus dem Bauch hervorbricht, zu einem etwa vier Meter hohen saurierähnlichen Ungeheuer mit zwei Doppelkiefern heranwächst und dem Menschen behende nachstellt, ähnlich den Raptoren in "Jurassic Parc". Diese geballte Kombination von Urängsten hält die Menschen nicht davon ab, den grausam-perfekten Überlebensautomaten zu studieren.Besonders "der Konzern" möchte den Chromosomensatz entschlüsseln, weshalb die Wissenschaftler, deren Fahrlässigkeit immer wieder dazu führt, daß das Alien überlebt, sich meist als Roboter entpuppen. Science-Fiction ist in die Zukunft projizierte Sicht der Gegenwart.Nachdem schon Scotts postindustrielles Elends-Szenario die Menschen selbst als Verursacher des Bösen gezeigt hatte, ging James Cameron ("Terminator") 1986 in der zweiten Folge richtig zur Sache."Der Konzern" in seiner kosmischen Ruchlosigkeit hat, 57 utopische Jahre später, Arbeiter und deren Familien auf LV 246 angesiedelt.Hier ist die Firma das Monster - mit dem Slogan "Building better worlds".Und obwohl auch der Forschungs-Androide in diesem Film pc sein will, richtet Cameron ein Military-Gemetzel an, als hätte er den Golf-Krieg schon geahnt.Auch hier ist permanent Endzeit.Das Raumschiff sieht aus wie ein abgewirtschaftetes Chemie-Kombinat, und High-Tech-Marines mit Helmkameras und absurdesten Feuerwaffen tun auf LV 246 zwei Stunden lang das, was manche Amerikaner damals noch gern auf dem Roten Platz getan hätten. Nach dieser allenfalls ballistisch erwähnenswerten Folge ging der Staffelstab 1991 an David Fincher ("Sieben").In dessen drittem Teil entwickelt sich Sigourney Weaver als Officer Ripley endgültig zu einem weiblichen Bruce Willis.Als ausgemergelte Riot-Emanze mit kahlrasiertem Schädel prügelt sie sich durch die labyrinthisch-paranoide Kulisse eines Gefängnisplaneten, auf dem ihre Raumkapsel zufällig gelandet ist.Finchers Episode betont das Motiv der Bedrohung des Menschen durch den Menschen: Ripley ist während des Kälteschlafes vom Alien geschwängert worden.Eine Bild auch für die gesteigerte Aids-Angst dieser Zeit. Das Monster, das in der ersten Folge noch an Trash-Science-Fictions der fünfziger Jahre ("Krieg der Welten") erinnerte, ist endgültig zum inneren Feind geworden.Ripley zieht die Konsequenz und springt in einen Hochofen mit flüssigem Blei.Schließlich war sie schon lange genug im Einsatz.Hatte 1979 unter Sigourney Weavers grauenerregender Dauerwelle noch ein mädchenhaft weiches Gesicht geschimmert, so war nun, zwölf Jahre später, zwar endlich die Dauerwelle weg und sie Co-Produzentin, aber sie selbst sah aus wie eine Kampfmaschine, die dringend Urlaub brauchte.Die Alien-Idee, so schien es, war ausgereizt - und der Weltraum sowieso schlecht für den Teint. Das ist er noch immer.Die Offiziere, die Jean-Pierre Jeunet nun im vierten Teil durch sein Krebsgeschwür von einem Raumschiff laufen läßt, zeigen als Gesichtsfarbe meist ein galliges Grün.Besonders, wenn sie im Labor vor den riesigen Formalin-Behältern stehen.Jeunet, der Meister des Surrealen ("Delicatessen", "Die Stadt der verlorenen Kinder"), ist in seiner ersten Hollywood-Produktion keine Handbreit von seiner ästhetischen Linie abgewichen: grotesk-verzerrende Kamerawinkel, verwirrende Gänge, marode, meist dunkelbraun-rostzerfressene Szenerie.Ein Kunstfilm, vergleichbar mit Terry Gilliams "12 Monkeys".Dennoch hat auch Jeunet einen echten, anstrengenden "Alien"-Film gedreht, grausamer noch als alle vorherigen Folgen zusammen.Es geht, im doppelten Sinn, um "Die Wiedergeburt".Zum einen schraubt Jeunet den mittlerweile bekannten Horror-Schlüsselreizen einen Turbolader aus grimmiger Komik obendrauf; zum anderen führt er die Geschichte endlich zu ihrem Kern: der Gentechnik. Ripley wird "wiedergeboren".Wissenschaftler einer sehr fortgeschrittenen, postpostzivilisatorischen Macht - die nicht mehr "der Konzern" heißt, sondern "United Systems" - haben sie aus einer ihrer Blutproben, die sie in Folge drei zurückließ, geklont.Sie taten dies, um damit auch an die Erbmasse des Monsters zu kommen.Als Ripley erwacht, sabbert bereits ein Dutzend ausgewachsener Exemplare in den Brutkammern des Schiffes herum.Die gesteigerten Rechnerkapazitäten machen es möglich.Damit nicht genug der extraterrestrischen Schurkerei: Ziel der Versuche ist eine Kreuzung aus Alien und Mensch, und Ripley ist der erste perfekte Replikant mit dem bekannten Säureblut.Ein unbesiegbares Ninja-Girlie, das seinen Basketball aus jedem Winkel des Raumes in den - kettenbewehrten - Korb versenkt.Der Bordcomputer heißt "Vater". Natürlich muß auch bei Jeunet die Situation durch menschliche Raffgier zügig außer Kontrolle geraten.Ring frei zum seriellen Abschlachten! Choreographiert wie in einer Hongkong-Produktion, mehrfach ironisch gebrochen und trotzdem schlimmer als Mad Max auf LSD.Menschlich wirkt in diesem Gemetzel nur noch der weibliche Roboter "Call" (Wynona Rider)."Kein Mensch wäre so humanitär", sagt Ripley von ihr. Und kein ernstgemeinter Horrorfilm würde eine derart aufrüttelnde Szene zeigen wie die vom Ripley-Klon Nummer 7, der, umgeben von den anderen fehlgeschlagenen, in Glaszylindern konservierten Versuchen, auf einer Bahre festgeschnallt ist.Eine jämmerliche Kreatur, die um die Gnade des erlösenden Todes winselt.Kein Greenpeace-Spot kann dieser Szene das Wasser reichen.So ist es schlichte Genugtuung, daß Ripley und Call das Alien-Gekröse final in den Weltraum hinausblasen, als sie mit dem Raumschiff auf die Erde zuschlingern.Eine Erde, auf der schon im Jahre 1997 in der Volksbühne (Berlin / Deutschland / Europa / Nordhalbkugel) ein Kongreß mit dem Titel "Loving the Alien" abgehalten wurde, bei dem über das Alien als Metapher des Fremden und Entfremdeten sowie den erweiterten Alien-Begriff im allgemeinen debattiert wurde.Verglichen damit haben die beiden Frauen mal wieder die Drecksarbeit gemacht.Seien wir ihnen dankbar dafür. In 19 Berliner Kinos, OV in der Kurbel.

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