Rocklegenden : Licht und Schatten eines Bildes

Er ist ein Starfotograf, und er war gerade dabei, sein Leben zu resümieren. Und dann gab es da das Angebot, einen Film über die Rockband Joy Division zu machen. Anton Corbijn sagte zu – es war eine Rückkehr zu seinen Anfängen. Nebenbei veränderte er damit das Leben anderer

Joachim Hentschel[Nottingham]

An diesem Tag hängen die Wolken etwas dichter über den Köpfen als sonst. Fett und schwarz, über den schwindlig hohen, staubgrauen Wohnblöcken in Lenton, dem Problem-Stadtteil von Nottingham. Schwarze Wolken und zwischen ihnen ein weißer Himmel, ein schmerzhaft kalter Morgen im August 2006, gefährlich windstill und kontrastreich. Ein exzellenter Tag zum Sterben. Ein exzellenter Tag, um einen Anton-Corbijn-Film zu drehen.

Corbijn, heute 52, kann ja auch dann graue Wolken fotografieren, wenn gar keine da sind. Die berühmten Bilder von U 2, Depeche Mode, Nick Cave, Tom Waits, Captain Beefheart oder neulich erst von Arcade Fire und den Killers, auch die ebenso berühmten Musikvideos haben alle dieses spezielle, sandige Korn, das Gesichter wie Schotterfelder aussehen lässt, das Zigarettenrauch, Haare und Himmel ineinander verwebt und noch im grellen Sonnenlicht das Gewitter findet. Anton Corbijn hat für die Rockmusik in den 80er Jahren ein neues Schwarz-Weiß erfunden, etwas so dermaßen Typisches, dass es mittlerweile nur noch als Klischee taugt. Aber wenn ein Star wie Corbijn nach Erreichen des Retrospektiven-Alters noch etwas Neues probiert und den ersten Kinofilm seines Lebens dreht und koproduziert – dann ist ein strikt bedeckter Tag wie dieser gut dafür. Denn wenn die Wolken von alleine kommen, muss er sich vielleicht nicht ganz so anstrengen.

Ist ein biografischer Film über Joy Division, jene legendäre und früh verstummte Band des britischen Post-Punk, und das verwunschene Leben ihres Sängers Ian Curtis besonders schwer? Sicher, weil der kleinste Fehler alles verderben kann, wenn man mit einem Mythos ringt. Und auch wieder nicht, denn Anton Corbijn ist sowieso der Einzige, der einen solchen Film jemals machen könnte. Weil er damals auch den echten Joy Division ein bisschen was von seinem Schwarz-Weiß geschenkt hat. Und weil er jenes Bild fotografiert hatte, das der britische „New Musical Express“, der Schrittmacher und Pulsfühler der Popmusik, im Mai 1980 auf seine Titelseite druckte, nachdem sich Ian Curtis in seiner Küche in Macclesfield erhängt hatte.

„Es wird ein Film. Es wird kein Rockfilm“, sagt Anton Corbijn. „Es hat nichts mit dem Doors-Film oder solchen Sachen zu tun. Es ist ganz anders.“

Unter den Wolken am Wohnblock Abbey Court haben sie alte Ford Cortinas auf den Parkplatz gestellt und den Kindern kreischfarbene Pullunder angezogen. Die Szene spielt im Jahr 1973, als Ian Curtis 17 war und es in Macclesfield – eine halbe Zugstunde vor Manchester – wohl so aussah wie heute in Nottingham-Lenton: Der junge Curtis läuft mit seinen Schallplatten nach Hause, kickt den Fußball spielenden Nachbarskindern den Ball nicht zurück, sie sagen „Arschloch“ zu ihm. „Ian, versunken in seine eigene Welt, reagiert nicht auf die Kinder“, heißt es fast etwas lyrisch im Drehplan. Um welche Band es hier nochmal gehe, fragt ein älteres Paar, das auf den Einsatz als Spaziergänger-Statisten wartet.

Der Regisseur muss bei seinem ersten Film – „Control“ heißt er, am Donnerstag kommt er in die Kinos, nur drei Millionen Pfund sollen Corbijn dafür zur Verfügung gestanden haben – alles können. Als die Kinder nicht so kicken, wie er will, greift er kurz als Fußballtrainer ein. Der Hauptdarsteller wartet derweil am Kopf des Fußwegs: Sam Riley, heute 27, mit Schlaghose und einer roten Windjacke, die später im schwarz-weißen Film ganz besonders grau aussehen wird.

Kommando, noch mal laufen, starren, Fußball, „Ian, du Arschloch!“ Und im selben Moment wird, ganz weit oben im Wohnblock gegenüber, ein Fenster aufgerissen und eine Stereoanlage aufgedreht: Es ist „Warsaw“ von Joy Division. Die Crew-Mitglieder starren mit hell erleuchteten Gesichtern hoch in den Regenhimmel, als sei das, was sie da hören, ein Zeichen. Als würde jemand aus den schwarzen Wolken herab dem Projekt seinen Segen geben.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Geschichte verfilmt wird. „24 Hour Party People“, Michael Winterbottoms Hommage an die Popszene von Manchester, die 2002 in die Kinos kam, hat einen großen Joy-Division-Anteil. Weil Winterbottom offenbar kein korrektes Historiendrama haben wollte und die Akteure improvisieren ließ, sind seine Ian-Curtis- Passagen eher grobschlächtig. Die Szene, in der fast flapsig der Suizid gezeigt wird, soll der Witwe Deborah Curtis besonders missfallen haben. Das Corbijn-Projekt unterstützt sie nun: Für das Drehbuch gab sie ihren 1995 veröffentlichten Erinnerungsband „Touching From A Distance“ frei.

Sam Riley, der dem toten Ehemann sehr ähnlich sieht, traf Deborah Curtis zum ersten Mal, als er schon mitten in den Dreharbeiten steckte. „Sie war nett“, sagt er knapp und höflich.

Als Riley noch ausschließlich Sänger der in Leeds gegründeten Rockband 10.000 Things war, schrieb mal jemand, das klinge so, als würde Ian Curtis mit den Rolling Stones spielen. „Ian Curtis – ich musste nachschlagen, wer das ist.“ Mit dem Wissen im Hinterkopf ging er 2001 zum Vorsprechen für den „24 Hour Party People“-Film. Riley, der damals ein Musiker- und Gelegenheitsschauspielerleben führte, dauernd abgebrannt war und den ersten Spliff um zwölf zum Frühstück rauchte, wollte die Rolle des Joy-Division-Drummers Steve Shelley haben. Aber ausgerechnet am Abend vorher geriet er in eine Schlägerei, sah am nächsten Tag mit verquollenem Auge einer anderen Legende, dem The-Fall-Sänger Mark E. Smith, viel ähnlicher und bekam dessen Rolle im Film. „Ich war so stolz, dass ich sieben Freunde zur Premiere mitnahm.“ Kein schöner Abend. Erst im Kino merkte Riley, dass alle seine Szenen im fertigen Film fehlten.

Vom British-Punk-Boom der letzten Jahre hatte seine Band nichts. Ihr erstes Album bekam im „New Musical Express“ einen von zehn Punkten – „Mariah Carey war in derselben Ausgabe und bekam zwei!“ –, was Riley allerdings als Revanche dafür interpretiert, dass einer seiner Gruppenkollegen auf einer Party in der Wohnung eines „NME“-Journalisten Feuer gelegt hatte. Die Plattenfirma entließ die 10.000 Things gleich wieder. Und obwohl es wirklich zum Irrewerden cool aussieht, wie Riley nun im Ian-Curtis-Oliv-Trenchcoat mit rotem Stern – die nächste Szene spielt 1980 – die zehnte Zigarette des Tages raucht und mit heiserer Melodie von seinen Eulenspiegeleien erzählt: Der Eindruck lässt einen nicht los, dass er an diesem Punkt seines Lebens extrem darauf angewiesen war, dass auch mal etwas klappt. Und dass er nicht einmal jetzt, eine Woche vor Drehschluss, diesem Glück so ganz zu trauen scheint.

Als sie die Konzertszenen drehten, wurde Riley von einem der Statisten angehauen. „Ich habe Joy Division acht Mal live gesehen“, sagte der Mann. „Ich empfehle dir also dringend: Sei gut!“ Riley musste immer erst kotzen, bevor er auf die Bühne konnte.

Über wenige Rockmusiker der letzten 30 Jahre ist so viel bekannt wie über Ian Curtis. Allein schon, weil seine Ehefrau dieses Buch über ihn geschrieben hat, in dem sie ihren Mann als empfindsamen, talentierten, von der Epilepsie geplagten Menschen, aber auch als Scheusal und Schaumschläger porträtiert. Auch die Band-Kollegen, die später unter dem Namen New Order den echten Welterfolg hatten, haben in Interviews immer und gern über Curtis gesprochen. Ein lebenslustiger, derber Typ war er demnach, dem es viel Spaß machte, heimlich Kacke an Türklinken zu schmieren, und der neben der Ehe im letzten halben Lebensjahr eine feste Affäre hatte. Dieses Paar musste auf Tour den Spott der Mitmusiker ertragen, und wie handfest die Männerfreundschaften in Macclesfield und Manchester damals abliefen, kann man sich beim Sehen der Dokumentation „New Order Story“ von 1994 ausmalen: Da wird die Band danach gefragt, wer denn das faulste Mitglied von New Order sei. „Ian Curtis“, antwortet Bassist Peter Hook. „Der macht schon seit Jahren irgendwie gar nichts mehr.“

Dass auch 27 Jahre nach seinem Tod trotzdem ein solches Mysterium, eine solche Aura über dem Kopf von Ian Curtis schwebt – das ist zweifellos ein Triumph der Kunst über das Leben. Die zwei Alben und fünf Singles, die Joy Division während der rund dreijährigen gemeinsamen Zeit aufnahmen, enthalten rätselhafte, ebenso klirrkalte wie höchst intime, abstoßende und anziehende Musik, und wenn später jemand so ähnlich klang, am Anfang U 2, heute Interpol oder die Killers, hieß es immer: Joy Division. In den wenigen existierenden Konzertfilmen wirkt Curtis völlig entrückt, tanzt die epileptischen Anfälle nach, die ihn später oft auf der Bühne erwischten – der Sänger konnte nach Belieben in den Performance-Modus umschalten, sagen die Insider. Auf den letzten Fotos ist Curtis 23.

„Ich saß damals in Texas, starrte die Zeitschriften an und träumte von England“, sagt Orian Williams, 40, an seinem Schreibtisch im Produktionsbüro. Das „Control“-Team hat sich für drei Monate auf dem Campus der Universität von Nottingham eingemietet, in drei Räumen mit blauen Teppichböden und alten Metallspinden. Neben Williams’ Platz hängt an der Wand das Original-„NME“-Cover zum Tod von Curtis, mit Corbijns berühmtem Foto, auf dem die Band im U-Bahn- Schacht steht. „Alle Gruppen, die ich liebte, hat immer Anton fotografiert!“, sprudelt Williams. „Ich dachte immer: Mann, ein Typ, der solche Fotos macht, der muss doch mal einen Film drehen!“

Als Joy-Division-Fan war er untröstlich, als er 2001 erfuhr, dass sich schon eine andere Filmfirma die Rechte am Buch von Deborah Curtis gesichert hatte. Williams diente sich als Berater an, führte die weiteren Verhandlungen mit der Witwe. Bis die urplötzlich ihre Meinung änderte, der anderen Firma die Zusage entzog. Und Williams anbot, den Film stattdessen mit ihm zu machen.

Es dauert bis zum späten Nachmittag, bis der versprochene Regen endlich fällt. Drinnen, in den gewaltigen Uni-eigenen Studiohallen, steht eine der empfindlichsten, von niemandem bezeugten Szenen auf dem Plan, die ein Joy-Division-Film haben kann und muss: wie sich das belgische Mädchen Annik Honoré und der verheiratete Vater Ian Curtis ineinander verlieben. Die deutsche Schauspielerin Alexandra Maria Lara – „Sie kommt aus Rumänien!“, belehrt die Make-up-Frau absolut korrekt – hockt auf dem Bett des kleinen Hotelzimmer-Sets und choreografiert mit Corbijn, wie sie sich von dort aus am besten runter zu Sam Riley schlängeln kann. Der sitzt auf dem Boden, im Nachttischlampenkegel. „Ich habe Angst.“ – „Angst wovor?“ – „Angst, mich in dich zu verlieben.“ „Scheiße!“, brüllt Riley auf Deutsch, als er zwischendurch seine Zeile versemmelt. „Akzeptiert!“, antwortet Corbijn.

Beim ersten Filmkuss mit Lara, hat Riley vorher rauchig gewispert, habe er sich sehr am Riemen reißen müssen, um nichts Dummes zu tun. Jetzt sehen die jungen, schönen Filmgeliebten derart gut zusammen aus, dass der Dialog über Lieblingsfilme und Lieblingsfarben auch noch die Untertöne bekommt, die er wohl haben soll. Irgendwann wirft der Tonmann alle Beobachter aus dem Studio: Selbst die Stühle knarzen zu laut für die unsagbar leise, schmetterlingsfragile Szene.

Genau so etwas wollte Anton Corbijn in seinem ersten Spielfilm machen. Nichts mit Rockmusik. „Man wird doch sofort abgestempelt“, sagt er, als er später im Verpflegungszelt seinen Pudding löffelt. Als Produzent Orian Williams ihm damals euphorisch das Ian-Curtis-Projekt antrug, lehnte Corbijn ab, freundlich und entschieden.

Und dann passierte etwas. „Ich war gerade dabei, mein U 2-Buch zu machen“, erzählt Corbijn. „Und als ich monatelang die alten Fotos durchgesehen hatte, bekam ich plötzlich wieder dieses Gefühl, wie es damals war, in den späten 70ern, nach meinem Umzug nach London. Kein Geld zu haben, auf den Bus zu warten, den Geruch, die Kälte. Ein Gefühl, keine Erkenntnis. Und da merkte ich, wie dumm es wäre, den Film nicht zu machen. Joy Division haben mein Leben verändert. Sie waren der Grund, warum ich nach England kam. Am Ende handelt der Film genauso sehr von mir wie von ihnen.“

Das oft zitierte Foto, auf dem die Bandmitglieder mit dem Rücken zur Kamera eine U-Bahn-Treppe hinunterschauen, war eigentlich Corbijns Interpretation des ersten Albumtitels, „Unknown Pleasures“: Der Betrachter sieht nicht, was die Musiker sehen. Das Bild wollte ihm damals keiner abkaufen, weil man auf Popfotos Gesichter zeigen musste. Als der „NME“ später genau dieses Motiv als Titelblatt druckte, war dies nicht nur die öffentliche Geburt des Fotografen Anton Corbijn, sondern auch der Beginn jener neuen Rock-’n’-Roll-Ästhetik, die die 80er Jahre weit überdauerte.

Alexandra Maria Lara kannte die große Joy-Division-Erzählung nicht, als sie zusagte. Auch nicht „Love Will Tear Us Apart“, den größten Hit der Band, dutzendfach nachgespielt, vom „NME“ im Jahr 2003 zur besten Single aller Zeiten gewählt und in der Liste der 500 größten, jemals geschriebenen Songs des „Rolling Stone“-Magazins auf Platz 108 aufgeführt. Das Gewicht des Films konnte Lara erst einmal nur an den weit aufgerissenen Augen der Freunde ablesen, denen sie von dem Job erzählte. Die Unkenntnis sollte sich als unglaublicher Vorteil herausstellen. Denn so wurde Lara zur vielleicht ersten Person, die die verteufelte, verspottete Annik Honoré öffentlich verteidigt. Allein schon durch die Haltung, mit der sie Annik spielt und ihr Gesicht für sie hinhält.

„Ich habe nur wenige, sehr konzentrierte Momente zur Verfügung, um etwas über diese Frau zu erzählen“, sagt Lara. „Etwas, das zumindest zeigt, wie falsch es ist, sie in Kategorien wie Gut und Böse zu beurteilen. Ich bin mir sicher, dass sie kein Groupie war.“

Ein Jahr später. Im gestreiften Pullöverchen sitzt Alexandra Maria Lara im Foyer des Berliner Kempinski. Sie strahlt, im Mai 2007 ist „Control“ auf dem Festival in Cannes gelaufen, hat drei Preise gewonnen, wurde in die USA verkauft. Die Kritiker haben den Film an sich und speziell die Leistungen der jungen Schauspieler atemlos gelobt. Dort, wo er bereits im Kino lief, war er ein Kassenerfolg, in Großbritannien gewann er den British Independent Film Award. Und Lara hat zwischendurch eine „Bild“-Titelzeile bekommen: „Darum liebe ich diesen Engländer“.

„Ich nehme mal an, es hatte mit dem Sommerloch zu tun“, sagt sie, leicht errötet bei der Erinnerung.

Am Donnerstag also startet „Control“ in Deutschland. Ein Film, der neben seiner traurigen Geschichte auch davon erzählt, wie die Bekanntschaft mit Ian Curtis – tot oder lebendig – das Leben der Leute verändert hat, die diesen Film gemacht haben. Wie sich dank Curtis Geliebte fanden und Karrieren gerettet wurden, Texas-Träume wahr wurden und ein großer Fotograf seine Wurzeln wiederentdeckte, all das. Natürlich kommt am Ende noch Sam Riley durch die Hoteldrehtür, er und Lara wohnen in der Nähe, er fragt auf Deutsch „Wie geht’s?“, holt sie ab, und die beiden entschwinden Hand in Hand auf dem Kurfürstendamm.

Annik und Ian – das wäre vielleicht das Happy End gewesen.

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