Zeitung Heute : Roland Koch vor der Wahl: Warten aufs Zeugnis

Christoph Schmidt Lunau

Auf dem Markt von Grünberg, von Fachwerkhäusern eingerahmt, verteilt Roland Koch Frühlingssträußchen mit gelben Osterglocken, "weil es leider keine schwarzen gibt". Eine Abordnung der Jäger - "wir sind die Grünen der CDU!" - beschwert sich über die ungerechte Jagdsteuer; oft müssten sie mitten in der Nacht raus, um totgefahrene Rehe von der Straße "abzukratzen", sagt ihr Sprecher drastisch. Geduldig hört der Ministerpräsident zu, obwohl er nicht zuständig ist. Der CDU-Landesvorsitzende wirbt in diesem hessischen Kommunalwahlkampf nicht nur für die örtlichen Kandidaten. Er erwartet, heute in zwei Wochen, auch eine Bestätigung für seine Landesregierung, zwei Jahre nach dem Sieg, ein Jahr nach der misslungenen Selbstinszenierung als "brutalstmöglicher Aufklärer".

"Der mit Scheitel und Brille ist der Koch", sagt eine Frau zu ihrem Kind - "der Koch" ist mittlerweile ein Begriff. "Das habe ich Ihnen zu verdanken", sagt dieser Koch später schmunzelnd zu den mitreisenden Journalisten. Auf die Medien führt er den Umstand zurück, dass er - wie zuvor Dregger und Kanther - zu einer Identifikationsfigur für die Konservativen geworden ist, nicht nur in Hessen. Und die Medien waren es auch, die ein ganzes Jahr lang die Spannung hochgehalten haben: Fällt er oder fällt er nicht?, lautete die stete Frage. Und darauf hat ein ziemlich zufriedener Roland Koch inzwischen natürlich eine Antwort parat. "Die Botschaft ist jetzt: Er steht."

Im "Naturdarmkeller" eines Großhandels für Fleischereibedarf, lässt sich der Ministerpräsident Fässer mit Lamm-, Rinder- und Schweinedärmen vorführen, acht Millionen Mark wert. Ob die jemals verkauft werden können, ist ungewiss. Die Sorge um die verbliebenen Bauern- und Schlachthöfe in Hessen treibt Koch um, angesichts der BSE-Krise, die das Höfesterben beschleunigen könnte. "Ideologische Wolkenschiebereien" in Berlin würden dann nichts mehr ausrichten können. Doch auch dem Unternehmer, der die Krise als Medienhysterie abtun will, widerspricht Koch. Die Vorsichtsmaßnahmen müssen sein. Es gelte, das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen.

Wie schwer so etwas ist, weiß Roland Koch. Deshalb diskutiert er an diesem Tag mit allen, die das Gespräch suchen. Mit Kindergärtnerinnen zum Beispiel über die Standards der Kinderbetreuung; spontan kommt es im Reisebus der Journalisten zu einem Disput mit Betriebsräten: Bei einem Möbelhersteller im nordhessischen Korbach droht der Verlust von 700 Arbeitsplätzen. Koch trifft den Ton, macht keine leeren Versprechungen, sichert einen Vermittlungsversuch mit der niederländischen Konzernleitung zu - nicht viel, aber ein Strohhalm.

Reden, Firmenbesuche, Redaktionstermine bei Lokalblättern, ein 16-Stunden-Tag. Beim abschließenden Heringsessen in Folkmarsen lobt Roland Koch Angela Merkel und Friedrich Merz, die beiden hätten in diesem schwierigen Jahr immerhin das Auseinanderbrechen der Union verhindert, keine Selbstverständlichkeit. Doch der Beifall brandet erst auf, als er "denen in Berlin" den Grundsatz der hessischen CDU zuruft: Kritik sagt man Parteifreunden nur unter vier Augen; Zeitungsinterviews aber gibt man, wenn man sie loben will. Nur so habe er die Schwierigkeiten des vergangenen Jahres überstehen können.

Nur ein einzger Parteifreund spielt an diesem Tag auf die Krise an. Der Bürgermeister der Schuhmacherhochburg Grünberg überreicht dem Ministerpräsidenten eine Flasche hochprozentigen "Schusterpechs", für eine "wasserdichte" Politik und dafür, dass aller Schmutz von ihm abpralle. Eine Medizin gegen Journalisten, murmelt der Beschenkte, über solche Scherze kann er inzwischen wieder lachen. Dass er in diesen Tagen gefragt wird, ob er Kanzlerkandidat werden will, nennt Koch feixend "nicht unehrenhaft". In zwei Wochen erwartet er "ein gutes Zwischenzeugnis" - Versetzung erst nach einem Sieg bei der Landtagswahl in zwei Jahren.

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