Zeitung Heute : Roll over Beethoven

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Es fing damit an, dass in dieser Zeitung vor Wochen eine Geschichte über eine junge Unternehmerin zu lesen war. Das Mädel trug ein taubenblaues Kostüm, als hätte man sie bei den Englischen Fräulein aufgelesen, und vertrat den extrem unlustigen Standpunkt, dass ihre Mitarbeiter während der Bürozeit (von 7 bis 22 Uhr) nicht das kleinste private Wort miteinander reden dürften. Der Effizienz und der Disziplin halber. Und überhaupt. Müßig zu betonen, dass sämtliche Zahlen ihr Recht gaben. Wusstest du, entgegnete ich also dem Kollegen, mit dem ich am liebsten über Tiere spreche, dass Privatunterhaltungen wie unsere neben der geistigen Verlotterung den sicheren wirtschaftlichen Ruin bedeuten können? Und zwar für alle, alle, alle, von der Herausgeberschaft dieses Blattes über das Kantinenpersonal bis hin zum Botenstand? Hm? Nö, brummte der Kollege in seinen Schnauz und fuhr fort, mir zu schildern, wie sein Hamster „roll over“ macht, das heißt sich bäuchlings von der einen auf die andere Seite wirft – und zwar auf Kommando, dreimal hintereinander. Ich war verstimmt ob solcher Kurzsichtigkeit und radelte heim.

Zu Hause saß die Katze auf dem Sofa und reckte beide Vorderpfoten in die Luft. Was machst du da, fragte ich, Männchen, äh, Frauchen? Oder versuchst du etwa, einen Einsatz zu geben, wie Onkel Helmut selig, den alle nur Helma nannten, weil er Sonntags zu knisternden LPs gerne Strauss’ „Sinfonia domestica“ oder die „Alpensinfonie“ dirigierte, was in der Familienwahrnehmung aus unerfindlichen Gründen etwas Weibisches hatte? Blitze der Verachtung durchsiebten mich. Ich wollte gerade einlenken, da fiel mir auf, dass der Kopfhörer stumm in der Sofaecke lag, und das Tier seine erhobenen Vorderpfoten leicht nach innen gekehrt hatte. Du hörst ja gar keine Musik, staunte ich, bist du krank? Ich bin nicht krank, ich warte auf Inspiration, flötete es zurück. Im Übrigen habe sie sich vorgenommen, in diesem Jahr auf jede Art von Konserven zu verzichten: keine CDs mehr, kein Fernsehen, keine Videos, kein Kino. Und auch kein Fertigfutter, gell? Mir schwante Schlimmes. Inspiration wofür, rief ich, Du hast doch nicht einmal einen Beruf, Du gehst doch so gut wie nie aus dem Haus! Inspiration fürs Leben, säuselte die Katze leise, und ihre Pfotensohlen strahlten wie Marshmellows so weißlichweichlichmorgenrosa. Inspiration für jeden Atemzug, jedes hohe C, jedes Brio und jedes noch so winzige Stückchen Bel Paese. Inspiration – und Dankbarkeit, meine Liebe.

Beschämt berichtete ich dem schnauzbärtigen Kollegen von dieser Episode. Er aber schwieg - und schweigt bis heute. Das Wirtschaftsheil, es schert sich eben nicht darum, ob ein kleiner Hamster nun „roll over“ macht oder nicht. Streng genommen, glaube ich, ist das ein schwerer Fehler.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel

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